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Bettwanzen, Heimweh, eine Lebensmittelvergiftung und „Klug- scheißerei“ ließen 1972 ein Jethro-Tull-Album im Tresor verschwinden.

Text: Rob Hughes

1972 war für Jethro Tull das Jahr, in dem sie eine reiche Ernte einfuhren. Ihr fünftes Album THICK AS A BRICK hatte im Juni den Erfolg von AQUALUNG aus dem Vorjahr bestätigt und ihnen die erste US-Nr.-1 beschert. Im November waren sie auf einem weiteren Höhepunkt, als sie mit LIVING IN THE PAST, einer ausladenden Doppelalbum-Kompilation, erneut auf beiden Seiten des Atlantiks die Top 10 erreichten. Doch das Jahr war kein vollständiger Triumph. Im Spätsommer hatten Ian Anderson und seine Band von Prog-Folk-Bohémiens nach einer Reihe von Rückschlägen ein neues Studioalbum aufgegeben. Sie hatten sich in den verblichenen Glanz des 18. Jahrhunderts des Château d’Hérouville bei Paris zurückgezogen. „Es war ein verfallendes, weitläufiges Gebäude“, erinnert sich Anderson, „und in jenen Zeiten des Spitzensteuersatzes von 83 Prozent war es als Studio die erste Wahl für all jene, die ihn durch Auslandsaufenthalte umgehen wollten. Wir glaubten, es musste ein tolles Studio sein, basierend auf dem Ruf und der Arbeit der Künstler, die dort aufgenommen hatten [Pink Floyd, T. Rex und Elton John waren zuvor dort gewesen]. Aber es war schmutzig, das Equipment funktionierte oft nicht und als Unterkunft war es furchtbar.“

Tull ließen sich davon nicht abschrecken und begannen neue Songs. Darunter waren Instrumentals wie ›Tiger Toon‹ und ›First Post‹, aber auch ›Look At The Animals‹ mit Gesang. „Der Plan war, jeden Liedteil zu proben und dann aufzunehmen, wenn er fertiggestellt und Bühnenstandard erreicht hatte“, erklärt er. „Doch es war ein schlechter Plan. Einiges von dem Material klang etwas schwerfällig und es gab zu viele Segmente im gleichen Tempo und mit dem gleichen Gefühl.“

Das übergreifende Thema war der Verfall traditioneller Kultur angesichts des Fortschritts und neuer Technologien. Andersons Songs wie ›Law Of The Bungle‹ und ›Look At The Animals‹ deuteten an, dass die Grundelemente unseres Wesens immer bestehen blieben, egal, für wie weit entwickelt wir uns halten. „Das Tierthema war wichtig“, sagt er, „aber es gab noch verschiedene Subthemen. Ich wollte einfach ein Klugscheißer sein. Die ‚Theater des Lebens‘-Metaphern waren gut. Daran hätte ich mich halten sollen. Es wurde dann zur Basis für A PASSION PLAY, zumindest, was das Album-Artwork und die Texte betraf.“

Es waren nicht nur die Melodien, die sich nicht benehmen wollten, auch eine Reihe technischer Probleme störte die Sessions. Die Band schlug sich weiter damit herum, bis man die Backing-Tracks für drei Seiten eines anvisierten Doppelalbums beisammen hatte, aber nichts war im Lot. Als alle an einer schweren Lebensmittelvergiftung erkrankten, wurde die Situation zur Farce. „Die technischen Schwierigkeiten machten uns fertig“, so Anderson, „und dadurch, dass wir ständig dank des unpasteurisierten Camemberts auf die Toilette rennen mussten, herrschte auch eine gewisse Ruhelosigkeit. Im Rotwein waren Fliegen. Was für Fleisch wir da aßen, blieb ungeklärt, aber zumindest ließ uns auch das wie Pferde Richtung Klo galoppieren. Dann die Bettwanzen. Einer der Toningenieure holte sich sogar die Krätze.“

Diese „Ruhiglosigkeit“ galt auch für die Lebensumstände der Band zu jener Zeit. Anfang 1972 war man nach Montreux in die Schweiz umgezogen, hauptsächlich, um den ersten finanziellen Erfolg im Land der Steuerexilanten auszukosten. Als sie sich im Château niedergelassen hatten, war der Reiz des Neuen schon wieder verflogen. „Zwei von uns – John Evan und Martin Barre – waren sehr glücklich, in Montreux zu wohnen. Aber Bar- rie [Barlow] und Jeffrey [Hammond] wollten nach England zurück. Ich stand dazwischen und gab meine entscheidende Stimme für eine Rückkehr nach Hause, um die Band zusammenzuhalten. Also blieben wir britische Steuerzahler. Das war auf lange Sicht das Beste für uns alle, aber das waren anstrengende und entzweiende Momente.“

Die Situation spitzte sich zu, als Anderson eines Abends einen Anruf von seinem Freund und Konzertveranstalter Claude Nobs erhielt, der ihm stolz mitteilte, dass ihre Schweizer Aufenthaltsgenehmigung erteilt worden war. „Das war der Punkt, an dem wir alle ganz schlimmes Heimweh bekamen. An nächsten Tag fuhren wir zurück auf die Insel.“

Nach ihrer Rückkehr fing Anderson an, das Material zu schreiben, aus dem der tatsächliche Nachfolger von THICK AS A BRICK werden sollte: A PASSION PLAY. Drei der im Château entstandenen Stücke – ›Only Solitaire‹, ›Bungle In The Jungle‹ und ›Skating Away On The Thin Ice Of A New Day‹ – schafften es auf WAR CHILD von 1974. Andere blieben bis 1988 in der Schublade, als eine elfminütige Suite (›Scenario‹/›Audition‹/›No Rehearsal‹) auf dem Boxset 20 YEARS OF JETHRO TULL veröffentlicht wurde.

1993 erschien dann eine 50-minütige Portion der „Château D’Isaster“-Tapes auf einer weiteren Kompilation, NIGHTCAP. „Es gab Teile, auf denen die Band meiner Meinung sehr gut gespielt hatte und die Worte und die Musik es verdienten, gehört zu werden“, sagt Anderson über seine Entscheidung, sie zu veröffentlichen. „Aber vieles davon waren einfach nur unfertige Rohfassungen – eigentlich Demos –, die nicht besonders gut gespielt waren, mit wenig oder gar keinem Gesang und so gut wie keiner Flöte.“

Einige der Instrumentals klingen wirklich unförmig. Doch die schlüssigeren Stücke wie ›Scenario‹ oder das neunminütige ›Critique Oblique‹, Ander- sons beißende Retourkutsche an Tull-Gegner in der Musikpresse, sind wesentlich gelungener. Ein durchwachsenes Werk, aber keinesfalls das Totalversagen, das Anderson darin sah.

Nächstes Jahr werden die „Château D’Isaster Tapes“ endlich komplett veröffentlicht, remixed und remastert vom langjährigen Tull-Fan Steven Wilson. „Er war der Meinung, dass das Material den Fans in einer sauberen, treffenderen Version zugänglich gemacht werden sollte. Und um das unvollendete Werk in einem wahrheitstreuen Statement zu reflektieren.“

Denkt er mit 40 Jahren Abstand anders über diese Aufnahmen? „Selbst in den wackligsten Momenten gab es flüchtige Elemente echter Großartigkeit, vor allem rückblickend betrachtet. Also bin ich recht glücklich, diese unvollkommenen Juwelen wieder zu hören und sie einzuladen, ihren Platz neben der anderen Arbeit, auf die ich natürlich stolzer bin, einzunehmen. Daneben, aber etwas im Hintergrund. Es ist wie ziemlich enttäuschendes erwachsen gewordenes Kind. Du willst nicht unbedingt, dass es jedes Wochenende sonntags zum Mittagessen vorbeikommt, aber wenn Weihnachten vor der Tür steht, heißt du die vergammelte Frucht deiner Lenden wieder im Schoß der Familie willkommen und versuchst, anschwellenden Vaterstolz heraufzubeschwören.