Jethro Tull: Ian Anderson im großen Jubiläums-Interview

jethro tull ian anderson pressMit der 3-CD-Compilation 50 FOR 50 feiern Jethro Tull ein halbes Jahrhundert als weltweit erfolgreiche Rockgruppe, die zahllose Höhepunkte und erstaunlich wenige Tiefschläge erlebt hat. Exklusiv für CLASSIC ROCK blickt Frontmann Ian Anderson auf sein bewegtes Leben zurück!

Als der schottische Sänger/Flötist Ian Anderson im Herbst 1967 die Band Jethro Tull gründete, konnte er nicht ahnen, wie viele Rock-Klassiker er in den folgenden 50 Jahren an den Start bringen würde. Songs wie ›Locomotive Breath‹, ›Aqualung‹, ›The Whistler‹, ›Hunting Girl‹, die unvergessenen ›Living In The Past‹ oder ›Bungle In The Jungle‹ sind unbestrittene Evergreens der Musikgeschichte.

So ungewöhnlich der Bandname, der auf einen 1674 in England geborenen Landwirt und Schriftsteller zurückgeht, von dem 1731 das Buch „The New Horses Hoeing Husbandry“ (zu Deutsch etwa: „Wie man Pferde richtig beschlägt“) stammt, so einzigartig und bisweilen skurril waren vor allem in den 70ern die Geschichten, die Anderson in musikalische Form brachte. Auf dem Album THICK AS A BRICK (1972) etwa vertonte er die fiktive Erzählung über ein englisches Wunderkind, schlüpfte auf MINSTREL IN THE GALLERY (1975) in Kostüme des Elisabethanischen Englands, er­­griff in SONGS FROM THE WOOD (1977) Partei für die bedrohte Natur oder betrachtete die Rolle zeitgenössischer Musik in TOO OLD TO ROCK’N’ROLL (1976) mit einer gehörigen Portion kritischem Humor.

Mit dem aktuellen, aufwändig gestalteten 3-CD-Package 50 FOR 50 feiern Jethro Tull jetzt eine Art Goldenes Jubiläum und werden auch im 50. Jahr ihres Bestehens Massen an Musikfans in ihre Konzerte locken. Wir haben mit Ian Anderson über seine imposante Karriere ge­­sprochen.

Ian, wie viele Überraschungen gab es für dich bei der Zusammenstellung der Songs von 50 FOR 50? Existieren Nummern, die du selbst in der Zwischenzeit vergessen hattest?
Nein. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern, die im Laufe der Jahre den Überblick verlieren über die Vielzahl an Songs, die sie in ihrer Karriere komponiert haben, kenne ich unsere sämtlichen Stücke nahezu in- und auswendig. Denn wir ändern auf jeder Tour unsere Setlist, spielen immer wieder Stücke, die den Fans nicht mehr so vertraut sind, und graben alte Schätze aus. Außerdem hat es in der Vergangenheit immer mal wieder Compilations, Remixes und so weiter gegeben, für die ich unser gesamtes Material durchforstet habe. Insofern: Nein, es gab für mich keine Überraschungen, sehr wohl aber ein paar organisatorische Schwierigkeiten.

Nämlich?
Nun, für 50 FOR 50 ging ich sorgsam und strukturiert vor, suchte zunächst von jeder unserer Studioscheiben vier bis fünf Nummern heraus, um dann festzustellen, dass ich die langen Nummern eigentlich gar nicht berücksichtigen kann, weil sie den vorhandenen Platz der geplanten drei CDs sprengen würden. Um auch die langen Epen zu be­­rücksichtigen, hätte es ein 10-CD-Package werden müssen, das wiederum wollte die Plattenfirma jedoch nicht. Also musste ich als eines der wichtigsten Kriterien für die Auswahl festlegen, dass die Songs nicht länger als fünf Minuten sein durften. Ganz schön hart für mich.

Was waren sonstige Kriterien bei der Zusammenstellung?
Mir war wichtig, dass die Songs eine größtmögliche stilistische Bandbreite abdecken, deshalb achtete ich auch auf Tempo, Tonart und Temperament. Nachdem ich eine grobe Vorauswahl zu­­sammengestellt hatte, verglich ich meine Liste mit der, die von der Plattenfirma vorgeschlagen wurde, um festzustellen, dass beide Listen nahezu identisch waren. Also musste nur noch die genaue Abfolge der Stücke festgelegt werden.

„Ich fühle mich generell als Musiker rein akustischer Instrumente, der zusammen mit Rockmusikern zur Arbeit geht. Das ist manchmal ganz schön hart, aber genau das ist es wohl auch, was den Reiz dieser Band ausmacht.“

Sind dies nun deine 50 ultimativen Lieblingsstücke?
Nein, aber diese 50 Tracks gehören auf jeden Fall zu meinen Lieblingssongs. Ich würde 50 FOR 50 nicht als meine persönlichen faves bezeichnen, sondern eher als großes Bild von Jethro Tull, als große Geschichte, bei der es nicht so sehr auf meinen persönlichen Ge­­schmack ankommt. Kurz um: Ich habe mich dazu gezwungen, bei der Songauswahl nicht allzu egoistisch zu sein.

Apropos: Es scheint, dass bei Jethro Tull eigentlich immer nur deine künstlerischen Visionen umgesetzt wurden. Bist du also nicht doch auch ein wenig egomanisch?
Mag sein, aber vielleicht ist ein gewisser Grad an Egoismus notwendig, um einen Künstler anzutreiben. Denn ohne den Eigensinn eines Roger Waters wäre beispielsweise THE WALL von Pink Floyd vermutlich nie entstanden.

Zufall und ein bisschen Glück gehören in deinem Fall allerdings wohl auch dazu, oder? Immerhin wäre aus dir um ein Haar nicht der wichtigste Rockflötist der Welt, sondern ein Gitarrist geworden.
Du spielst auf den Tag an, an dem ich meine Gitarre gegen eine Flöte eingetauscht habe, nicht wahr? Im Grunde genommen war ich lediglich in Geldnot, also beschloss ich, meine 1960er-Fender Stratocaster zu verkaufen. In einem kleinen Musikgeschäft entdeckte ich diese wunderbar golden glänzende Flöte. Ich weiß nicht einmal mehr, weshalb sie mich so sehr faszinierte, aber die Sonne schien so klar und hell durch die Fensterscheiben und ließ diese Flöte geradezu erstrahlen. Ich entschloss mich zu einem Tausch: Ich bekam 150 britische Pfund für meine Fender und musste im Gegenzug für die Flöte und ein dazu passendes Mikrofon 30 Pfund berappen. Mit 120 Pfund Bargeld, einem Mikro und einem neuen Instrument verließ ich das Geschäft wieder. Fast ein halbes Jahr wusste ich mit der Flöte nichts anzufangen, dann begann ich mich mit ihr zu beschäftigen. Allerdings: Klüger wäre es gewesen, die Gitarre zu behalten und sich statt dessen das Geld für die Flöte zu leihen, denn mittlerweile wäre eine Fender Stratocaster aus dieser Bauphase bis zu 40.000 Dollar wert.

Wie definierst du dich eigentlich selbst? Als traditionellen Folkmusiker, der mit seiner Flöte einen ungewöhnlichen Beitrag zur mehr oder minder progressiven Rockszene beisteuert?
Ich fühle mich generell als Musiker rein akustischer Instrumente, der zusammen mit Rockmusikern zur Arbeit geht. Das ist manchmal ganz schön hart, aber genau das ist es wohl auch, was den Reiz dieser Band ausmacht. Es gab in unserer Karriere die unterschiedlichsten Phasen. Heutzutage würde ich Jethro Tull als riesiges Gemälde mit vielerlei Details betrachten. Es gab Zeiten, da waren wir eine Blues Band, wir haben Progressive Rock gemacht, es gibt Stücke mit Hardrock-Einflüssen, mit asiatischen Elementen und Einflüssen des mittleren Ostens. Und natürlich war bei uns immer auch ein starkes Folk-Element herauszuhören.

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