Hendrix - Blue Wild AngelDer späte Hendrix im TV-Studio und auf der Festivalbühne – zwei spannende Momentaufnahmen.

In dem Schwung an Hendrix-Veröffentlichungen, die in diesen Wochen in die Läden kommen, ist die Zusammenstellung seiner Auftritte in der Dick Cavett Show sicher die ungewöhnlichste. Die beiden Gastspiele, die Hendrix als Talkgast und Musiker in der populären TV-Sendung gab, waren für seine Popularität in den Staaten ähnlich förderlich wie die der Beatles ein halbes Jahrzehnt zuvor in der Show von Ed Sullivan. Mit dem signifikanten Unterschied, dass Cavett im Gegensatz zum eher konservativen Sullivan Neugier und Sympathien für die neue Gegenkultur hatte. Der Ex-Yale-Student und vormalige Comedian Cavett war ein aufgeklärter Liberaler, der Gäste in seine Show einlud, weil sie ihn interessierten – auch progressive Rockstars, die zu dieser Zeit noch kaum im Mainstream-TV der USA präsent waren.

Die DVD zeigt die beiden Besuche von Hendrix in der Sendung, aufgezeichnet im Juli und September 1969 (also kurz vor und nach seinem legendären Woodstock-Auftritt), dazu gibt es als Hauptbestandteil eine sehenswerte 60-minütige Hintergrund-Doku. Beide Male musizierte Hendrix auch in der Sendung, beim ersten Mal mit der Hausband (Cavett: „Meinen Musikern fielen die Kinnladen herunter, als sie seine Virtuosität erlebten!“), beim zweiten Mal mit seiner kurzlebigen Woodstock-Band. Das wirklich Span-nende sind hier aber die beiden Interviews, denn dem offenen und einfühlsamen Cavett gelingt das Kunststück, den abseits der Bühne von Natur aus scheuen Hendrix so weit auftauen zu lassen, dass er in diesem eigentlich denkbar ungeeigneten Rahmen einige der witzigsten und bezüglich seines künstlerischen Denkens erhellendsten Statements abgibt, die überhaupt von ihm erhalten sind.

Spannend ist auch Murray Lerners Konzertfilm BLUE WILD ANGEL – JIMI HENDRIX LIVE AT THE ISLE OF WIGHT, technisch gesehen ein Nebenprodukt von Lerners Doku über das nicht zuletzt wegen seiner Tumulte (Tausende Fans versuchten kostenlos auf das Gelände zu gelangen) berüchtigten Festivals vom Sommer 1970. Lerner führt mit einer kurzen Doku in den eigentlichen Konzertfilm ein, beleuchtet die besonderen Umstände, die Hendrix’ Auftritt prägten. Jimi hat dem mitternächtlichen Gig nur zugestimmt, weil er Geld für sein gerade im Bau befindliches Electric Lady Studio braucht, und ist außerdem nervös, weil er seit mehr als zwei Jahren nicht mehr im Königreich aufgetreten ist. Die Umstände vor Ort, die mit chaotisch noch zu freundlich umschrieben sind, tragen das Ihrige zu seiner Anspannung bei.

Doch nachdem er (wohl um die britischen Fans gewogen zu stimmen) mit kurzen Improvi-sationen über ›God Save The Queen‹ und ›Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band‹ zögerlich eingestiegen ist, beginnen er und seine Mitstreiter Mitch Mitchell und Jimi Cox sich zu fangen. Ab dem kraftvollen ›All Along The Watchtower‹ steigert sich die Intensität ihrer Darbietung fast kontinuierlich.
Murray Lerner konzentriert sich in seiner Bildführung ganz auf Nahaufnahmen des Bühnengeschehens – auch wenn die Bildqualität „historisch“ ist (im Gegensatz zum von Hendrix‘ Leib-Engineer Eddie Kramer remixten Sound), kann man nun hautnah ein Konzert nacherleben, bei dem Jimi sich über ein dynamisches ›Machine Gun‹ und ein mächtiges ›Foxy Lady‹ in geradezu manische Hochform steigert. ›Voodoo Child‹ und als kraftvoller Schlusspunkt ›In From The Storm‹ beschließen einen der letzten großen Gigs dieser Formation.

THE DICK CAVETT SHOW: 7
BLUE WILD ANGEL: 8