IMG_0770_KadavarSo und nicht anders.

Immer diese Hypes. Das nächste große Ding hier, die nächste Sensation da? Ne! Stattdessen regiert Übertreibung galore, steht meistens Ernüchterung am Ende eines mühsam gezüchteten Trends. Kadavar sind anders. In den letzten fünf Jahren sind sie nicht nur zu Deutschlands größter Classic-Rock-Band her­­­an­gewachsen. Sie sind auch die wichtigste. Ihr aktuelles Album BERLIN führt das Feld der retroverliebten Bartzausel im Jahr 2015 eindeutig an, die Top-20-Platzierung war mehr als verdient. Das Tolle an den drei Berlinern: Sie liefern auch live. Das bewiesen sie schon in der Vergangenheit, erreichte auf der aktuellen Tournee aber einen vorläufigen Siedepunkt. Nach dem abwechslungsreichen, aber durchwachsenen Vorprogramm mit Satan’s Satyrs (naja), Horisont (gern) und The Shrine (okay) legt der Dreier mit einer derart packenden, aufputschenden und euphorisierenden Performance los, die man in dieser Intensität leider nur selten erlebt. Schlagzeuger Christoph Bartelt hat es sich mit seinem Drumkit ganz vorn auf der Bühne bequem gemacht, wird von einem Ventilator angeweht und spielt dermaßen ekstatisch mit dem Kopf schwingend, dass man kaum den Blick von ihm nehmen kann. Hypnose pur ist auch der Rest der Show. Über jedem der drei Akteure ein leuchtendes Dreieck, mehr Show ist nicht, mehr Show muss auch nicht. Sänger und Gitarrist Chris­­toph Lindemann brilliert in seiner Doppelrolle, Bassist Si­­mon Bouteloup pumpt tiefe Töne in Stuttgarts neueste Konzert-Location Im Wizemann. Ein verzückendes Schauspiel, eine re­­duzierte, beseelte Rock-Show von gewaltiger Urkraft – eben ein Hype, der endlich mal vollkommen gerechtfertigt ist. Das Nico-Cover ›Reich der Träume‹ hätten wir dennoch gern einmal live gehört. Vielleicht beim nächsten Mal.