Kadavar2013aEinem der tiefsten Keller Berlins entsteigen die drei Vollbärte von Kadavar. Und halten der strahlenden Sonne nun ein mitreißendes Stück Musik entgegen.

Tiger steht pünktlich am vereinbarten Treffpunkt, einem Gleis der U-Bahnstation Osloer Straße im Berliner Stadtteil Wedding. Der stets ernste Trommler und Tontechniker von Kadavar (mit drei a!) ist baumlang und spindeldürr, trägt rotblonde lange Haare, dazu einen mächtigen Bart. Er steckt in engen Jeans und uralten Stiefeletten mit durchlöchertem Oberleder, durch das man seine dunkelblauen Strümpfe sieht. Tiger führt mich in den nahegelegenen Übungskeller des Trios, einen feuchten, fensterlosen Raum, durchzogen von Heizungsrohren, voller Flaschen und Gerümpel. An zentraler Stelle stehen ein durchsichtiges Acryl-Schlagzeug, eine Analog-Bandmaschine und ein Computer. Bassist Mammut, ein kräftiger Österreicher mit unverkennbarem Akzent, schwarzem Hut und nicht minder schwarzem Bart, sitzt auf der Couch und lädt freundlich dazu ein, sich am kleinen, aber feinen Kalten Buffet zu stärken.

Tiger serviert einen kräftigen Espresso und drückt auf die Starttaste des Computers. Es erschallt ABRA KADAVAR, das neue, zweite Album des Dreiers. Die leidenschaftliche Mischung aus Stoner-Klängen, Psychedelic und Hardrock wirkt frisch und vorwärts gewandt. St.Vitus, Pentagram, Black Sabbath und Hawkwind lassen grüßen, doch es ertönt auch eine unverkennbar eigene Note. Im Verlauf der Listening-Session trifft Lupus Lindemann ein, Gitarrist, Sänger und Texter von Kadavar. Ursprünglich aus Thüringen stammend, erweist sich Lindemann als alter Hase der Berliner Rockszene, der über vier Jahre das Live-Booking eines angesagten Clubs erledigt hat. „Man kann aus klassischen Rockklängen etwas Neues kreieren“, ist Lupus überzeugt. „Wir filtern die Parts heraus, die wir gut finden, und kombinieren sie. Ich kenne keine Band, die Psychedelic der Sixties spielt wie wir das zum Ende von ABRA KADAVAR tun.“ Die Idee sei es gewesen, „für jeden etwas dabei zu haben“, erklärt Mammut. „Für den einen Garagen-Sound, für den anderen etwas Psychedelisches und für den dritten Sixties-Rock. Wir wollen auf keinen Fall in eine einzige Schublade gesteckt werden!“

Die Qualität der Scheibe erstaunt umso mehr, wenn man weiß, dass sie in nur zwei Wochen im Kasten war. „Spontaneität ist uns wichtig. Klar, wir haben mit altem Equipment aufgenommen, man hört den analogen Sound, ich wollte ungeschönte Aufnahmen“, unterstreicht Tiger, der eine Tontechniker-Schule absolviert hat. Kadavar profitieren dabei von ihrer Live-Erfahrung, im letzten Jahr hat das Trio über neunzig Gigs gespielt. Doch nicht nur auf der Straße wuchs die Band zusammen: „Wir haben zu dritt gewisse Substanzen genommen“, erzählt Lupus. „Wenn man solche Trips erlebt, schweißt das zusammen. Man lernt sich kennen. Wenn einer querschlägt, kommt man schlecht drauf, das ist bei uns nicht passiert. Von diesen Trips handeln die Texte der letzten beiden Songs.“

Ursprünglich wollten Tiger und Mammut ein Duo a la Black Keys starten. „Dann sahen wir Lupus mit einer Band in einem Club an der Schönhauser Allee. Er hatte einen schönen Bart und so haben wir ihn zu einer Probe eingeladen“, so Mammut. Bärte scheinen essentiell für die Wahl-Berliner, genau wie Klamotten aus den Sixties. „Das hat sich so ergeben. Wir haben nie über ein Konzept oder Image geredet. Wir mögen diesen Look einfach“, versichert Tiger. Der Bandname Kadavar erinnert dagegen eher an den Death Metal der 90er. „Das hören wir oft“, bestätigt Lupus, „aber es ist auch nicht schlecht, wenn die Leute zunächst auf einer falschen Fährte sind. Wenn sie uns dann hören, ist der Überraschungseffekt umso größer.“