Jaz Coleman hat zwei Ehrendoktortitel, leitet die Prager Sinfoniker, gilt als Nachfahre von Ghandi und macht seit 34 Jahren anarchischen Krach mit der Post-Punk-Institution Killing Joke. Wie das zusammen passt? Gar nicht. Doch genau das macht den Reiz dieses subversiven Jetsetters aus, der mit MMXII bereits sein 15. Studioalbum vorlegt.

Jaz 028Dabei sind Interviews mit dem 52-jährigen Briten alles andere als „normal“. Es handelt sich vielmehr um konspirative Treffen unter alten Freunden, die sich per Handschlag begrüßen und bereits Champagner mit Till Lindemann, Heidi Kabel und Johannes Rau geschlürft sowie über Ufos, Verschwörungstheorien, die Krupp-Familie und alternative Lebensformen philosophiert haben. Einfach, weil Coleman ein ebenso intelligenter wie idealistischer und kontroverser Gesprächspartner ist, in den Siebzigern Klassische Musik studiert hat, dann vom Punk infiziert wurde, mit Krautrock und Conny Plank geflirtet, in der DDR gelebt hat, anschließend nach Island, in die Schweiz und schließlich Neuseeland immigriert ist, sich geweihter Priester und Leiter eines internationalen Sinfonieorchesters schimpfen darf und 2010 sogar den Orden als „Chevalier des Arts et des Lettres“ im Pariser Élysée Palast entgegen nahm. „Eine Riesenehre“, so der Lebenskünstler. „Ich meine, ich bin ein Punk, ein Schulabbrecher und Anarchist, der sich mit jedem anlegt. Der immer seine Meinung sagt und damit ständig aneckt. Aber die Franzosen scheinen damit komischerweise kein Problem zu haben. Im Gegenteil: Sie haben mich gleich noch zum Chef der Pariser Sinfoniker gemacht. Und demnächst eröffne ich auch die European-Pacific Academy Of Renaissance Arts, wo wir die besten Nachwuchsmusiker der Welt ausbilden werden. Keine Frage: eine ausgesprochen elitäre Einrichtung – aber auch ein Ort des freien Denkens, der Meditation und des Andersseins.“

Was aber nicht die einzigen akademischen Aktivitäten des Inhabers von vier Pässen sind: In den kommenden Monaten veröffentlicht Jaz zudem noch seine zweite Sinfonie, eine Messe für Orchester und Chor, übersetzt die Texte von Killing Joke ins Lateinische und hält Vorträge zum Thema Selbsterziehung und Selbstverwirklichung. Womit sich niemand besser auskennt als er. „Wenn wir mit Killing Joke überhaupt so etwas wie eine Botschaft haben, dann besteht sie darin, das Beste aus sich und seinem Leben zu machen, ein besserer Mensch zu werden und eine neue Gesellschaft nach humanitären Vorstellungen zu errichten. Eben mit der Musik als Katalysator und Kommunikator – sie ist das perfekte Medium, um Denkanstöße und Ideen zu liefern. Aber auch, um Frust und innere Spannungen abzubauen, also dem Empfänger eine klare, deutliche Sicht der Dinge zu ermöglichen.“

Ein Idealismus, der im Falle von Coleman und seinen Mitstreitern Geordie Walker, Youth, Paul Ferguson sowie Reza Udhin ganz klar im politisierten New Wave der späten 70er verwurzelt ist. Die zweite Generation des Punk, die sich weniger über Outfits und Frisuren definierte, sondern von Hoch- und Kunstschulabsolventen aus gutem Hause getragen wurde, die – wie Gang Of Four, Wire oder XTC – zum Teil immer noch aktiv sind.

Wobei das Besondere an Killing Joke allein aus ihrer Gegensätzlichkeit resultiert. Eben als ein Kollektiv, das mit Alben wie NIGHT TIME (1985) oder OUTSIDE THE GATE (1988) durchaus kommerziell erfolgreich war, aber auch immer wieder mit unverdaulicher Avantgarde, mit Industrial und Metal laborierte, Bands wie Nine Inch Nails, Ministry, Nirvana, Tool nebst Metallica beeinflusst hat und stets auf Kriegsfuß mit der Musikindustrie, der Fachpresse und Konzertveranstaltern stand.

Weshalb die Band, die mit MMXII ihr 15. Album vorlegt und darauf die nahende Apokalypse zelebriert, für alle Beteiligten eigentlich nur ein reines Hobby ist. Jaz verdingt sich als angesehener Grenzgänger zwischen Literatur & Klassik, Youth zählt zu den erfolgreichsten Produzenten der Gegenwart (Paul McCartney, The Orb, Crowded House) und Paul Ferguson ist die rechte Hand von Wirtschaftstycoon Rockefeller Jr. – was Coleman als größte Ironie aller Zeiten bezeichnet. Sprich: Schlecht geht es ihnen nicht.

Und doch: Ohne ihre Musik, die „etwas von einem Ritual, einem doppelten Orgasmus und einem Lebensmanifest“ hat, wären sie aufgeschmissen. „Im Grunde ist es die einzige Möglichkeit, das zu sagen, was wir denken“, setzt Jaz an. „Denn seien wir ehrlich: Wäre ich nicht Sänger dieser Band, und würden mich nicht alle für verrückt halten – man hätte mich längst erschossen. Gerade in Amerika.“

Ein Land, in das er übrigens nach Ende der laufenden Welttournee keinen Fuß mehr zu setzen gedenkt. „Einfach, weil man da nicht mehr frei reden kann. Bei unserer letzten Show in New York habe ich nur ein bisschen über die Hintergründe von 9/11 erzählt und gesagt, wie es dazu gekommen ist. Prompt standen zwei CIA-Agenten hinter der Bühne und meinten, ich solle mich gefälligst zurückhalten, sonst bekäme ich Ärger. Na, die sollen mal abwarten, was ich diesmal vom Stapel lasse.“ Wir sind gespannt!