Kills2 @ ShawnBlackwill_bearb2Eine Drummachine. Gitarren. Zwei Stimmen. Viel mehr braucht es nicht für einen guten Rocksong. Auch auf ihrem vierten Album bleiben The Kills ihrem kargen Blues-Punkrock treu.

ie sehen aus, als ob sie direkt einer Jeans-Werbung entsprungen wären. Jamie Hince und Alison Mosshart alias The Kills geben sich gerne lässig und verwegen. Die Fassade bröckelt jedoch schnell. Ob Kate Moss tatsächlich vor zwei Jahren den Laptop ihres Freundes Jamie Hince mit Song-Skizzen des neuen Albums in einem Wutanfall in einen Pool geworfen hat und die Fans deshalb so lange auf das neue Werk der Kills warten mussten, kann nicht geklärt werden. Als der Name des britischen Models fällt, ist es nämlich vorbei mit der Coolness: „Du solltest diese Zeitungen nicht lesen“, gibt sich Alison Mosshart beim Telefon-Interview genervt. Die Musikerin hat keine Lust, über das Privatleben ihres Band-Kollegen zu sprechen. Schon gut, verstanden, das böse K-Wort ist tabu.

Doch wer „The Kills“ googelt, landet schnell auf einer Klatsch-Website. Die britischen Boulevardblätter übertrafen sich in den vergangenen Monaten gegenseitig mit Berichten über die angeblich anstehende Hochzeit des britischen Supermodels mit ihrem Rocker-Freund. Wenn die Kunst vom Privat-leben in den Schatten gestellt wird, kann das für zwei Musiker, die ihr neues, wirklich gelungenes Album promoten, natürlich anstrengend sein.
BLOOD PRESSURES heißt das vierte Werk von The Kills. Darauf finden sich elf minimalistisch instrumentierte und dennoch vor Leidenschaft strotzende, melodiöse Rock-Nummern mit erdigem Blues-Feeling und rotziger Punk-Attitüde. Eine eigenwillige Mischung, die das Duo seit den Anfängen auszeichnet. Seit elf Jahren machen Alison Mosshart und Jamie Hince gemeinsam Musik. Mosshart ist im Rock’n’Roll-Zirkus mit ihren 32 Jahren schon ein alter Hase. Bereits als Teenager spielte sie in einer Punk-Band. Heute ist sie nicht nur mit The Kills erfolgreich, sondern ist darüber hinaus neben Jack White Mitglied der All-Star-Rockband The Dead Weather und stand mit Stars wie Placebo und Primal Scream im Studio.

Aufgewachsen ist die Sängerin und Songschreiberin in Vero Beach, Florida. Einer typischen US-Kleinstadt im Süden, voll mit sonnengebräunten Senioren. „Da war nicht viel los“, erinnert sich Mosshart. Also hing sie im Skaterpark mit den älteren Jungs ab. Damals kam sie mit Punk-Musik in Berührung – die Songs dröhnten aus der „Boombox“ neben der Halfpipe. Mit 14 war sie dann Mitglied der Punk-Band Discount. Alisons Eltern waren anfangs skeptisch: „Als ich auf meine erste Tour gehen wollte, haben sie bestimmt zehn Mal Nein gesagt“, grinst sie. „Aber irgendwann ist ihnen klar geworden, dass ich das Ganze ohnehin durchziehen würde. Außerdem war ich ziemlich gut in der Schule, das hat sie beruhigt.“

Während eines Besuchs in London lernte Alison schließlich ihren zu-künftigen Band-Partner Jamie Hince kennen. Sie hörte ihn im Hotel-Zimmer über ihr Gitarre spielen. „Als ich ihn traf, dachte ich: ,Das ist der coolste Typ auf der ganzen Welt!‘ Ein unglaublicher Gitarrist, witzig und cool“, sagt sie. Jamie Hince, der zuvor ebenfalls in verschiedenen Bands gespielt hatte, ermutigte die acht Jahre jüngere Musikerin dazu, mehr eigene Songs zu schreiben.
Die beiden schickten sich via Luftpost Demo-Tapes über den Atlantik hin und her. „Irgendwann war es mir dann zu blöd, immer so lange auf eine Antwort von Jamie zu warten, deshalb bin ich nach London gezogen.“ Von Sunny-Florida ins nasskalte England. Doch der Umzug hat sich gelohnt. 2002 erschien die Debüt-EP BLACK ROOSTER, ein Jahr später das Album KEEP ON YOUR MEAN SIDE.

Mit ihrem minimalistischen Lo-Fi-Sound begeistern The Kills Fans und Kritiker gleichermaßen – und erinnern an ein anderes Duo. Immer wieder wurden sie mit den White Stripes verglichen, die vor kurzem offiziell ihr Aus verkündeten. Für Alison Mosshart waren die White Stripes „eine der wichtigsten Bands unserer Zeit. Sie werden fehlen“, sagt sie.

Die stetigen Vergleiche haben sie nie gestört. „Wir sind zwei sehr verschiedene Bands“, stellt sie klar. „Für uns hat es sich nie so angefühlt, als würden wir das Gleiche machen. Und ganz ehrlich, die White Stripes und The Kills wissen doch am besten Bescheid darüber!“

Und mit wem ist die Arbeit leichter, Jack White oder Jamie Hince? „Beide arbeiten sehr unterschiedlich. Bei The Dead Weather sind wir zu viert, es gibt spontane Jam-Sessions, und irgendwann wird dann der ,Record‘-Knopf gedrückt. Bei The Kills sind wir zu zweit, es geht um Strukturen, die wir gemeinsam erschaffen. Das erfordert ziemlich viel Planung, es steckt also weniger Spontaneität dahinter.“

Beeinflusst von Künstlern wie Link Wray, Little Milton, Dave Bartholomew, Johnny Cash und Captain Beefheart – sowie jeder Menge Rotwein –, nahmen The Kills in den Key Club Studios in Michigan BLOOD PRESSURES auf. Auch Hinces neue musikalische Vorliebe für Reggae ist auf der ersten Single ›Satellite‹ herauszuhören.
Die beiden Musik-Talente spielten alle Instrumente selbst ein. Während Hince im Studio Perfektionist ist, schätzt Mosshart den Zufall. Die beiden sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Im Studio gibt es laut Alison keine festen Muster. „Ich schreibe zum Beispiel Melodien und Lyrics auf und spiele herum, Jamie reagiert dann darauf. Wir ergänzen uns gegenseitig.“

Diese Arbeitsteilung kommt in den beiden zentralen Songs des Albums zur Geltung: ›Wild Charms‹ ist eine an Velvet Underground erinnernde Ballade über eine zerbrochene Liebe, gesungen von Hince. Seine Band-Partnerin antwortet im düsteren ›DNA‹. Die beiden Songs, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, ergänzen sich.
Diese Teamarbeit zahlt sich aus. Mit dem 2008er-Album MIDNIGHT BOOM gelang The Kills der Sprung vom Underground in den Mainstream. Plötzlich liefen ihre Songs in US-Fernsehserien, der italienische Luxus-Konzern Fendi verwendete den Track ›Cheap & Chearful‹ für einen TV-Spot. Fehlt eigentlich nur noch das feine Hit-Gespür eines erfahrenen Produzenten. Viele Indie-Bands setzen irgendwann auf das Händchen eines Charts-Garanten vom Kaliber eines Rick Rubin oder Butch Vig. „Ich habe grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden“, so Mosshart. „Aber ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der zu uns passen würde. Für Bands, die nicht genau wissen, was sie wollen, mag das hilfreich sein. Und Plattenlabels lieben das wahrscheinlich. Aber so sind wir nicht. Das ist etwas, dass The Kills immer ausgemacht hat: das wir tun und lassen können, was wir wollen.“ Dazu gehört auch, nicht über Kate Moss zu sprechen.

TEILEN
Vorheriger ArtikelDredg
Nächster ArtikelWithin Temptation