Kings Of Leon 2010 1 @ Dan WintersJahrelang haben sie gefeiert, als gäbe es kein Morgen: Acid, Ecstasy, Koks, Groupies und alles, was dazu gehört. Doch mit Ende 20 schwärmen die wilden Kerle aus dem Süden der USA plötzlich von Familie, Kindern und geräumigen Eigenheimen. Wie das passieren konnte? Caleb Followill gibt Aufschluss.

Es ist Freitagnachmittag, Ende August, und das Connaught Hotel im Londoner Nobel-Viertel Mayfair, in dem die kleinste Abstellkammer 300 Euro kostet, erlebt einen Gäste-Ansturm der etwas anderen Art. Eben nicht Earl Grey und Lady Winterbottom, die sich zur Tea Time mit ihrem Bridge Club treffen, sondern vier langhaarige Rock’n’Roller aus Nashville, Tennessee, die von einem regelrechten Hofstab aus Bodyguards und Managern zu den Konferenzräumen dirigiert werden. Dort wartet schon die Presse auf sie: MTV, die BBC und handverlesene Schreiberlinge aus Schweden, Japan, Australien und England, die die Band schon seit Jahren begleiten.

Man kennt sich, begrüßt sich per Handschlag und fragt nach dem gegenseitigen Wohlbefinden. Was bei den Jungs, die immer so cool wirken, aber nicht sind, das Entré zu einem offenen Gespräch ist. Denn gerade Caleb, mit 28 Sänger, Gitarrist und Hauptsongwriter der Truppe, ist in natura unglaublich schüchtern und tendiert zur verstockten Einsilbigkeit: Heute allerdings plaudert er, nach einem eiskalten Corona und herzlicher Begrüßung, ganz ungeniert aus dem Nähkästchen: „Eigentlich wollte ich ein Country-Album machen – mit richtigen Herzensbrechern, bei denen kein Auge trocken bleibt. Aber die anderen haben mich nicht gelassen.“

Damit wäre geklärt, weshalb im Vorfeld alle Internet-Verrückten unkten, dass COME AROUND SUNDOWN, das fünfte Werk der Kings, ausgesprochen ruhig und knarzig klänge. Das Warum ist damit aber noch nicht erörtert. „Ganz ehrlich? Ich hatte Angst, dass ich nach dem Erfolg des letzten Albums nur noch daran gemessen werde. Und alle Welt ein weiteres ›Sex On Fire‹ erwartet. Dem wollte ich einen Riegel vorschieben und etwas komplett anderes machen. Was ich auch getan habe – ich traf mich mit meinen Kumpels auf der Veranda, köpfte eine Flasche Whiskey und sang diese Stücke. Das war die reinste Therapie.“

Dass sie letztlich keine Berücksichtigung fanden, ist aber – so verdeutlichen erste Hörproben von COME AROUND SUNDOWN – nicht wirklich schlimm: Die 13 Stücke sind großer, hymnischer Stadion-Rock mit pumpenden Basslinien, frühen The Edge-Gitarren und einem raubeinigen Nöhlgesang, der sich sofort in den Gehörgängen festsetzt. Selbst wenn er jede Menge Ecken und Kanten bietet, dreckig klingt und auch schon mal in die Territorien von Fifites-Rock’n’Roll (›Mary‹), Ska & Dub (›The Immortals‹) sowie Americana (›Back Down South‹) vorstößt. Und ein zweites, drittes und viertes ›Sex On Fire‹ ist mit ›The End‹, ›Radioactive‹, ›The Face‹ und ›No Money‹ auch am Start. Worüber sich also Sorgen machen? „Das habe ich mir dann auch gesagt – nachdem ich mich vor den Spiegel gestellt und selbst geohrfeigt habe.“ Eben. „Wir haben auf ONLY BY THE NIGHT nichts anders gemacht – und trotzdem haben die Leute so eine intensive Beziehung dazu aufgebaut, dass es sich sechs Millionen Mal verkauft hat. Worüber sich also beklagen? Scheiße, wir sind eine Rock-Band auf einem großen Label – wir machen nichts falsch, wenn wir versuchen, möglichst viele Platten zu verkaufen und in großen Hallen zu spielen. Das hat nichts mit Ausverkauf zu tun, sondern nur damit, einen guten Job zu machen. Und wer lieber bis an sein Lebensende in einer obskuren Indie-Gruppe spielen will, der hat einen Schaden. Und zwar gewaltig.“

Wobei Caleb nicht verbergen kann, dass die Texte diesmal etwas anders ausgefallen sind, als man es von ihnen gewohnt ist. So sucht man frivole Geschichten über Blowjobs beim Autofahren (›Sex On Fire‹), Prostituierte (›Arizona‹) und Kübel voller Kotze (›The Bucket‹) vergebens. Sie werden von grüblerischen Gedanken zu Calebs aktueller Beziehung mit dem kalifornischen Model Lily Aldridge („Ich hoffe, sie liebt mich als diejenige Person, die ich wirklich bin“) und der Halbwertzeit des eigenen Erfolgs („Wir waren in den letzten zwei Jahren geradezu überpräsent“) verdrängt. Hinzu kommt gesteigertes Heimweh, das sich darin äußert, dass sie ihre Farm in Mt. Juliet, die sich seit Mitte der Neunziger in Familienbesitz befindet, schmerzlich vermissen. Ganz so, als würde es sich dabei um den Himmel auf Erden handeln: „Wir sind jetzt schon so lange unterwegs, haben so viele Platten gemacht und so viel von der Welt gesehen, dass es Zeit für eine Pause wird. Eben, um einfach mal durchzuatmen. Aber auch, um eine Familie zu gründen. Schließlich sind die meisten von uns verheiratet oder zumindest in festen Beziehungen. Insofern wäre das nach diesem Album die perfekte Gelegenheit. Also ich wäre bereit dafür, und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als Zeit mit meiner Frau und meinen Kindern zu verbringen.“

Wofür er vorsorgt – mit einem imposanten Neubau auf dem Farm­gelände, der scheinbar eine Art Graceland oder Neverland wird: ein riesiges Anwesen mit Pool, Reiterhof und 15 Schlafzimmern, die er ebenso aufwändig wie unkonventionell einrichtet. „Alles, was ich unterwegs sehe und cool finde, wird sofort fotografiert und an meinen Cousin geschickt, der sich um alles kümmert. Nach dem Motto: ‚Hey, das muss unbedingt noch ins Haus!‘“ Also mit einem Paris-, London- und Amsterdam-Zimmer? „So etwas in der Art. Wobei das alles Räume werden, in denen ich meinen Spaß habe. Also ein Billardzimmer, ein Heimkino, ein Studio und so weiter.“

Doch wer jetzt an gesteigerten Größenwahn denkt: Caleb hat sich in den vergangenen Jahren, in denen er und seine Brüder mit Pearl Jam, Dylan und U2 getourt sind, die USA als Markt geknackt und sogar mehrere Grammy-Auszeichnungen erhalten haben, extrem verändert. Er ist reifer, erwachsener und vor allem clean geworden. Zwar trinkt er immer noch das eine oder andere Bier, aber von Drogen wie Acid, Ecstasy und Kokain lässt er die Finger. „Wir haben es einfach übertrieben. Das ging so weit, dass wir zum Frühstück damit angefangen haben. An einige Shows kann ich mich kaum erinnern. Ganz abgesehen davon ist es nicht angenehm, so viel Mist zu sich zu nehmen, dass man sich ständig übergeben muss. Oder nicht mehr weiß, wo man ist – und statt der Toilette in die Abstellkammer eines Hotelzimmers pinkelt. Wir haben damit aufgehört, als unsere Frauen ins Spiel kamen – weil wir uns nicht blamieren wollten.“

Und der Übergang von wilden Partys zu Babys, Windeln und gemütlichem Heim? „Momentan kann ich mir nichts Besseres vorstellen – einfach, weil ich das noch nicht erlebt habe und alles andere langweilig geworden ist. Aber: Frag mich in ein paar Jahren. Dann sage ich bestimmt was anderes.“