Klaatu: Magical Mystery Tour

KlaatuSie waren die Beatles. Oder zumindest dachten das 1977 eine Million Plattenkäufer. 40 Jahre später erzählen uns Klaatu die ganze Wahrheit über einen ziemlich unvergesslichen Trip.

(Text: Ian Ravendale)

Es war wohl eine der mysteriösesten Veröffentlichungen von Capitol Re­­cords. Die Platte, in Kanada kryptisch 3:47 EST betitelt, aber international einfach als KLAATU vertrieben, beinhaltete keinerlei Information über die Band, keine Fotos, keine Credits. Und zeitweise kursierten Gerüchte, dass sich dahinter eine andere, viel be­­rühmtere Gruppe versteckte…

Nach dem Erscheinen im August 1976 erntete das Album zahlreiche begeisterte Kritiken. Der kanadische „Record Month“ bezeichnete es als „ein hervorragendes Konzeptwerk“, während die werten Kollegen bei „Trou­­ser Press“ von einer „beeindruckenden Sci-Fi-Antwort auf Bowie“ sprachen. Die Rezensionen schlugen sich allerdings nicht in den Verkaufszahlen nieder und es sah so aus, als würde es ziemlich schnell auf den Grabbeltischen landen.

Dann änderte sich schlagartig alles, als am 17. Februar 1977 ein Ar­­tikel mit der Überschrift „Could Klaatu Be Beatles? Mystery Is A Magical Tour“ erschien, verfasst von Steve Smith, einem jungen Journalisten, der für die Tageszeitung „Providence Journal“ aus Rhode Island arbeitete. „Wir bekamen immer einen Haufen Alben zum Rezensieren. Wenn sie nicht ausgewählt wurden, landeten sie auf einem Stapel, von dem man sich bedienen konnte“, so Smith. „Ich sah die Platte von Klaatu, nahm sie mit nach Hause und hörte sie mir an. Einiges darauf klang nach den Beatles, also fing ich an, zu recherchieren. Und ich konnte keine Antworten finden.“ Die wichtigste Frage, auf die Smith eine Antwort finden wollte, war schlicht und einfach: Warum klang das Album so sehr nach den Fab Four? „Das fiel mir fast sofort auf. Das Stück ›Sub-Rosa Subway‹ ist total Beatles-esk.“

In seiner Kritik von 1977 schrieb Smith, dass der Gesang auf dem Song „exakt wie Paul McCartney“ klinge, das Schlagzeug „wie Ringo Starrs“ und „die Gitarrenarbeit wie George Harrisons und John Lennons“. ›Doctor Marvello‹ hörte sich laut Smith an wie George Harrison in der ›Blue Jay Way‹-Zeit „mit den übrigen Beatles als Backing-Musiker“. Andere Lieder hatten „Zitate aus der Beatles-Vergangenheit, etwa das Singen durch Fuzz-Effekte, ‚Yeah yeah yeahs‘ und unverwechselbare Harmonien.“

Auf dem Cover von Ringo Starrs Soloalbum GOODNIGHT VIENNA von 1974 war der Drummer in der Tür des Raumschiffs aus dem Film „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ von 1951 zu sehen, neben dem riesigen Roboter und in dem Outfit, das Schauspieler Michael Rennie als Klaatu trug, der außerirdische Friedensbotschafter. Smith fragte sich auch, ob der Bandname selbst ein Hinweis war. Zusammenfassend (und ohne sich festzulegen) kam er zu dem Schluss, dass es sich bei dieser ge­­heimnisvollen Formation um 1. die Beatles, 2. ein paar Beatles mit anderen Leuten, 3. eine von den Beatles unterstützte Band oder 4. eine völlig unbekannte, aber brillante und talentierte Gruppe handeln konnte. Smith kontaktierte Capitol Records, um mehr Informationen zu bekommen, doch bekam nichts Greifbares. „Sie sagten mir, dass sie nichts wussten. Das glaubte ich ihnen nicht. Man nimmt eine Band nicht einfach so blind unter Vertrag. Sie sagten, sie hätten sie durch Frank Davies unter Vertrag genommen, der sie auf Daffodil Re­­cords in Kanada veröffentlicht hatte.“

„Ich hatte im Studio von [Rush-Produzent] Terry Brown in Toronto zwei oder drei Daffodil-Acts aufgenommen und produziert“, sagt Davies heute. „Er spielte mir ein paar der Klaatu-Tracks vor und ich sagte, er müs­se mir nichts weiter zeigen, ich wolle sie unter Vertrag nehmen. Mein Label war zwar in Kanada an­­sässig, aber ich zog damals mit meinen Künstlern los, um einen Deal für die USA an Land zu ziehen, oder auch weltweit. Ich spielte die Songs Rupert Perry vor, damals A&R-Chef von Capitol in den USA. Er liebte sie und sagte, er würde die Band gerne signen.“

Doch Klaatu wollten sich nicht auf ausgetretenen Pfaden bewegen. „Sie wollten einen neuen Weg versuchen“, so Davies. „Sie machten kei­­ne Fotos, gaben keine Interviews, hatten keine Biografie. Das fand ich cool. Es war mal was anderes. Sie wollten auch nicht live auftreten.“

„Wir waren drei unbekannte Typen aus Toronto und wollten nicht, dass sich die Aufmerksamkeit auf uns als Individuen richtet“, sagt Klaatu-Sänger/Bassist/Keyboarder John Woloschuk. „Wir wollten, dass wirklich nur die Musik im Mittelpunkt steht. Außerdem wussten wir, dass die Musik, die wir aufnahmen, auf der Bühne unmöglich von drei Leuten wiedergegeben werden konnte.“

Für seinen Artikel fragte Steve Smith Frank Davies, ob Klaatu die Beatles seien. „Nein“, antwortete der. Smith ging dann einige der „Hinweise“ durch, die er gefunden hatte, und Davies gestand ihm vage zu, dass sie „ziemlich akkurat“ seien. „Ich wollte definitiv so wenig wie möglich preisgeben!“, sagt Davies heute. „Das Album war zu dem Zeitpunkt schon seit sechs Monaten auf dem Markt. Wir hatten eine tolle Presse dazu bekommen, aber es hatte sich in den USA nur 7.000 bis 8.000 mal verkauft. So waren wir schon an dem Punkt an­­gelangt, wo wir dachten, das Debüt sei ge­­gessen, und die Band hatte schon das zweite Album in Angriff genommen, das sich prächtig entwickelte. Dann erschien Steves Artikel und plötzlich gingen die Verkäufe durch die Decke.“

Klaatu entstanden, als John Woloschuk im September 1974 be­­gann, im Toronto Sound Studio des britischen Produzenten und Tontechnikers Terry Brown zu arbeiten. Brown hörte und mochte die Demos, die Wo­­loschuk mit Gitarrist Dee Long eingespielt hatte, und nahm sie bei seiner Produktionsfirma unter Vertrag. Schlagzeuger Terry Draper stieß im Februar 1975 dazu und das Trio be­­gann in seiner Freizeit, jenes Album aufzunehmen. „Terry Brown war unser Toningenieur und Co-Produzent“, so Draper. „Das vierte Mitglied der Band. Er verpasste uns einen großartigen Sound. Die Platte wurde dann über drei Jahre aufgenommen. Wir hatten alle noch Jobs, also arbeiteten wir abends und spät nachts daran.“

Als alles im Kasten war, gab Frank Davies Klaatu einen Vertrag bei Capitol. „Sie wussten nicht, wer wir waren“, bestätigt Woloschuk und fügt hinzu: „Sie signten uns, nachdem sie unser Debüt gehört hatten. Es war Frank, der den Deal zu diesen Bedingungen in die Wege leitete. Sie müssen stark genug an die Musik ge­­glaubt haben, um das Risiko einzugehen.“

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