Kraftwerk 3Als im November 1974 die Düsseldorfer Elektronik-Band Kraftwerk ihr Meisterwerk AUTOBAHN veröffentlichte, glich dies einem Erdrutsch. Für die internationale Presse kam das Album aus völlig heiterem Himmel, in England und Amerika überschlug man sich vor Begeisterung über „the krauts“ und attestierte den Beteiligten, die perfekte Melange aus zeitgenössischer und futuristischer Popmusik gefunden zu haben. Entstanden war die Gruppe 1968 an der Remscheider Akademie, ein Jahr später gaben Ralf Hütter und Florian Schneider (noch unter dem alten Namen Hütter/Schneider-Organisation) in Berlin ein Testkonzert, bei dem es aus Protest über den künstlerischen Dilettantismus Gurken und Tomaten hagelte. 1970 veröffentlichte das Duo sein viel gelobtes Debüt KRAFTWERK, gab auf der Bühne (teilweise durch drei Begleitmusiker verstärkt) aber ein weiterhin sonderbares Bild ab: Regungslos standen Kraftwerk an ihren elektronischen Geräten und ließen sich lediglich von einer alten Stehlampe mit drei vergilbten Pergamentschirmen beleuchten. Die Musikszene hatte ihre Anti-Stars: introvertiert, roboterhaft, virtuell. Nach der Veröffentlichung von KRAFTWERK 2 (1971) und RALF & FLORIAN (1973) spielte die Band in Frankreich und entschied im März 1973, vorerst weder Interviews noch weitere Konzerte zu geben. Stattdessen verschanzten sich Hütter und Schneider plus Gastmusiker Klaus Röder und Wolfgang Flür sowie Produzent Conny Plank ins eigene „Kling-Klang“-Studio. Die Initialzündung zu AUTOBAHN (Anzeigentext: „Neu! Kraftwerk zum Mitsingen“) war eine Autobahnfahrt in Hütters Volkswagen, bei dem ein Kassettenrecorder aus dem Fenster gehalten, Verkehrsgeräusche aufgenommen und anschließend im Studio mit einem Moog-Synthesizer nachempfunden wurden. Zur Veröffentlichung lud die Band Journalisten zu einer Autofahrt ein und ließ das Album aus den Lautsprechern dröhnen. Kraftwerk hatten eine Hymne geschaffen auf das Statussymbol einer florierenden Industrie-Nation und ihren Exportschlager, das Auto!

Im April 1975 gingen Kraftwerk auf US-Tournee, unterstützt durch Karl Bartos und Wolfgang Flür, die fortan zur festen Besetzung gehörten. Das Publikum reagierte zunächst verhalten:

Die Musiker standen im Nostalgie-Look (kurze Haare, Schlips und Anzug) auf der Bühne und provozierten mit einer bewegungsarmen Show, über die der „San Francisco Examiner“ befand, dass „Kraftwerk seine Mitspieler zu Robotern entmenschlicht“. Das sah Ralf Hütter natürlich vollkommen anders: „Man kann sich AUTOBAHN anhören und dann auf der Autobahn losfahren, um festzustellen, dass unser Auto ein Musikinstrument ist.“

Weniger experimentell, dafür aber ähnlich innovativ gingen Kraan zu Werke. Die Band fusionierte Rock mit Jazz, bezeichnete ihren Stil als „Wintrup Musik“, benannt nach ihrem Zuhause, und orientierte sich vor allem rhythmisch gen Übersee: „Die Farbigen sorgen dort für den Rhythmus. In England gibt’s keine einzige Band, die gute Percussions bringt.“ Eine Erbschaft im Mai 1970 war quasi der Startschuss von Kraan: Peter Wolbrandt, Jan Fride, Helmut Hattler und Alto Pappert warfen ihr Geld zusammen und kauften sich eine Anlage nebst Bandbus. Ihr Debütalbum nahmen sie in einer nur zweitägigen Studiosession auf und pflegten auch sonst einen ausgeprägten Hang zur Spontaneität.

Kraan genossen das Leben einer musikalischen Kommune auf einem 1871 erbauten, mittlerweile stillgelegten Bauernhof am Rande des Teutoburger Waldes mit 4000 Quadratmetern Land. Das ehemalige Pferdegestüt hatte Mineralwasserproduzent Graf Metternich der Band zur Verfügung gestellt – kostenlos und ohne Bedingungen. Dort wohnten Kraan mit vier Musikern, ihrem Manager, zwei Roadies, drei Frauen, drei Kindern und etlichen Katzen und Hunden. Hattler charakterisierte die Philosophie des Zusammenlebens: „Es ist hier eine freundliche Anarchie. Wir haben absichtlich keine Pläne gemacht, wer wann wo putzen muss oder Spüldienst hat. Wenn in der Küche alles stimmt, geht auch die Musik in Ordnung.“ Im täglichen Leben mit derlei Banalitäten konfrontiert, entwickelte sich die Band zu eine der angesehensten deutschen Formationen. Nach drei Studiowerken wurde im Oktober 1974 im Berliner „Quartier Latin“ ihr Doppelalbum KRAAN LIVE mitgeschnitten, eines der herausragenden Jazzrock-Alben jener Tage, das von Conny Plank aufgezeichnet und bearbeitet wurde. Nach einem umjubelten Auftritt beim Roskilde Festival in Dänemark im Juni 1975 erweiterten Kraan ihre Besetzung durch den Pianisten und Organisten Ingo Bischoff. Mit dem folgenden, großartigen LET IT OUT, das mit einem mobilen Studio in Wintrup, quasi zwischen Pferdestall und Küchenherd, ebenfalls von Conny Plank produziert wurde, avancierten Kraan im Magazin „Sounds“ zur Gruppe des Jahres. Kraan waren ein typisch deutsches Phänomen, schafften zwar Achtungserfolge im europäischen Ausland, der Sprung nach Übersee blieb ihnen hingegen verwehrt. Hattler: „Ich hätte gerne einen Dreijahresvertrag mit irgendeinem Amerikaner unterschrieben. Unser Schlagzeuger aber war das pure Gegenteil, lieber wollte er gar nichts machen, als nach Amerika zu gehen.“

Eine derartige Haltung war Karthago völlig fremd. Im Gegensatz zu Kraan oder Avantgardisten á la Can und Popol Vuh spielten die Berliner schnörkellose, laute Rocksongs. „Mit dieser Musik, die Lahme wieder gehend machen kann, beziehen sie – bei ihrem scheinbar einfachen musikalischen Rezept mag das paradox klingen – in Deutschland eine Außenseiterposition“, schrieb „Sounds“. Gegründet wurde Karthago von Gitarrist und Sänger Joey Albrecht, ihr Debütalbum KARTHAGO (1971) mit offenkundigen Anleihen bei Bands wie Chicago und Argent stellte – glaubt man dem Cover-Text – einen Akt künstlerischer Befreiung dar: Die Musiker hatten „jahrelanges Suchen und Versuchen, viele Gedanken, viele Ups und Downs, immer nur Geld genug für die tägliche Tüte“ hinter sich. Nun aber, so der Hüllentext „entdecken sie das feste Fundament Freundschaft – und von da an fügt sich langsam Stein auf Stein für dieses neue Karthago“. Das zweite Album SECOND STEP kam im Juli 1973 in die Läden, Ende August starteten die Musiker auf eine Tournee durch Deutschland, Schweden, Luxemburg, die Schweiz und Italien und gastierten in deutschen Fernsehsendungen wie „Disco 74“, „Musikreport“ und „Music Today“. Im Oktober 1974 schloss sich Jethro-Tull-Bassist Glenn Cornick der Truppe an, bereits einen Monat später spielten Karthago im Oxforder „Chipping Norton Studio“ ihr drittes Album ROCK’N’ROLL TESTAMENT ein. Das Werk wurde nicht nur aufgrund seiner exzellenten Produktion euphorisch gefeiert. „Sounds“ befand, dass „sich die Platte durchaus an internationalen Standards messen kann“ und jubelte: „Perfekt, Jungs! ROCK’N’ROLL TESTAMENT als das bisher beste Rockalbum einer deutschen Band zu bezeichnen, ist diesmal wirklich keine Übertreibung.“

DISkOGRAfIE

KRAFTWERK

Kraftwerk (1970)
Kraftwerk 2 (1971)
Ralf + Florian (1973)
Autobahn (1974)
Radio-Aktivität (1975)
Trans Europa Express (1977)
Mensch-Maschine (1978)
*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

KRAAN

Kraan (1972)
Wintrup (1973)
Andy Nogger (1974)
Live (1975)
Let It Out (1975)
Wiederhören (1977)
Flyday (1980)
*(viele weitere Alben ab den 1980ern)

KARTHAGO

Karthago (1971)
Second Step (1973)
Rock’n’Roll Testament (1974)
Live At The Roxy (1976)
Love Is A Cake (1977)
Best Of (1978)
Zeitzeugen

CONNY PLANK

Als Produzent und Experimentalmusiker gehörte Konrad „Conny“ Plank zu den wichtigsten Katalysatoren der deutschen Rockmusik. In seinem Tonstudio, einem umgebauten Bauernhof im Bergischen Land – der Aufnahmeraum war im ehemaligem Schweinestall, der Regieraum im früheren Pferdestall – herrschte pure Kreativität, wenn er die deutsche Rockelite wie Kraftwerk, Neu!, Cluster, Can, Kraan, später Ideal und DAF mit seinem kreativen Geist zu Höchstleistungen anspornte. „Sein Motto lautete: Too much ist gerade gut genug“, erinnert sich Kraan-Bassist Hellmut Hattler. „Conny hatte klare Vorstellungen von musikalischen Werten und Normen. Zudem schaute er niemals auf die Uhr, sondern ließ die Künstler ohne Zeitdruck arbeiten.“

Plank war ein eiserner Verfechter größtmöglicher Natürlichkeit. Für ihn bestand Musik aus stetem Austausch von Ideen, Tönen, Echos, Reflexionen, aus „natürlichen Phänomenen“, wie er Resonanz und Interferenz nannte. „Ich versuche, Situationen zu schaffen, um gute Musik herstellen zu können“, erklärte er, „auf den Ausdruck kommt es mir an, nicht auf Technik oder hochwertige Studioparameter.“

Hemmungslos experimentierte er mit altertümlichen Echomaschinen oder setzte den Brummkreisel seines Sohnes Stephan ein (zu hören auf Kraans ›Die Maschine‹). Trotz eines Computer-gesteuerten Mischpultes, mit dem Plank in den Achtzigern auch für internationale Bands wie Devo und Ultravox arbeitete, gehörte sein Herz der analogen Technik. „Je älter der Schrott ist, um so erdigere Musik kommt raus“, war seine Arbeitsphilosophie, „das hängt mit dem Umkippen in neue Qualitäten zusammen“. Seine größte Popularität erreichte Plank als Produzent und Toningenieur für Kraftwerk auf ihren ersten vier Alben (inklusive AUTOBAHN). Aber auch Michael Rothers FLAMMENDE HERZEN, CLUSTER 71, oder DAFs ALLES IST GUT gehören zu seinen Meisterwerken.

Gelegentlich wurde Plank auch als Musiker aktiv. Mit Hans Joachim Roedelius veröffentlichte er DURCH DIE WÜSTE, mit Dieter Möbius mehrere Scheiben, er musizierte mit Holger Czukay von Can und war Mitglied der kurzlebigen Formation Lilienthal. Conny Plank starb im Dezember 1987 an Krebs, überlebt hat sein Ruf als wichtiger Pionier und Impulsgeber der deutschen Rockgeschichte.

STEPHAN PLANK, CONNY PLANKS SOHN

Stephan Plank (39) studierte Wirtschaftspolitik, leitete bis 2005 das Plank-Studio, war Manager von Nina Hagen und dreht zurzeit eine Kinodokumentation über das Leben seines Vaters.

Stephan, ab wann war dir bewusst, in einem ganz besonderen Haushalt aufzuwachsen?
Ich bin 1974 geboren und kann mich ab 1978 daran erinnern, dass ständig lustige kreative Menschen bei uns am Küchentisch saßen. Musik war bei uns allgegenwärtig, und auch die damit verbundenen Phänomene. Eine meiner ersten Fragen lautete: „Mama, warum riechen die Leute am Tisch so komisch?“ Meine Mutter erklärte den süßlichen Duft der Joints mit Medizin, was natürlich reichlich geschönt war.

An welche Musiker kannst du dich namentlich erinnern?
Mit Gianna Nannini und den Eurythmics bin ich noch heute befreundet, sie waren in den Achtzigern häufig da. Aber auch Michael Rother hat oft mit mir gespielt, Dieter Möbius war quasi durchgehend anwesend, und auch an Brian Eno erinnere ich mich, obwohl er nie mit mir gespielt hat.

Was passierte nach dem Tod deines Vaters?
Es ging zunächst mit dem Studio weiter, meine Mutter und ich vermieteten es fortan. Die Einstürzenden Neubauten waren da, Die Ärzte, Fanta 4. Ab 2001 wurde es wirtschaftlich schwierig, denn die Branche geriet in die Rezession und damit brachen die Budgets für Studioproduktionen ein. Meine Mutter hielt bis kurz vor ihrem Tod dennoch in Gedenken an meinen Vater am Studio fest. 2005 musste es geschlossen werden, weil es wirtschaftlich nicht mehr tragbar war.

Existieren die Räumlichkeiten noch?
Nein, der alte Bauernhof wurde abgerissen, dort stehen heute Mietwohnungen. Aber es existieren bei vielen Musikern noch unzählige schöne Erinnerungen, und die sind viel wichtiger als das bloße Mauerwerk.

Matthias Mineur