Lake of Tears 2010Schwere Zeiten

Die Welt, in der wir leben, ist ein dunkler Ort. So sehen das auch Lake Of Tears – meistens jedenfalls. Im CLASSIC ROCK-Interview verrät Bandkopf Daniel Brennare, warum das so ist und warum man Grenzen manchmal einfach überschreiten sollte.

Vier Jahre nach MOONS AND MUSHROOMS (2007) erblickt nun das neue Studioalbum ILLWILL von Lake Of Tears das Licht der Welt. Eine verdammt lange Zeit in einer Musikwelt, die so schnelllebig ist wie nie und in der Alben am Fließband produziert werden. Doch es gibt vor allem zwei Gründe, warum sich die Schweden so viel Zeit gelassen haben. Der erste ist ein rein künstlerischer. „MOONS AND MUSHROOMS entstand damals einfach viel zu überhastet“, erklärt Daniel. „Die Hälfte der Songs haben wir erst eine Woche vor den Aufnahmen fertiggestellt. Deswegen sind wir im Nachhinein sehr unzufrieden damit. Wir wollten uns dieses Mal richtig viel Zeit geben. Dadurch konnten wir uns auf Feinheiten konzentrieren, die einen Song erst lebendig machen. Songs sind wie guter Wein: Sie müssen reifen. Und das haben wir bei ILLWILL zugelassen.“

Der zweite Grund für die lange Abwesenheit der Band ist ein persönlicher. Vor drei Jahren erkrankte Daniel an Leukämie und musste sich zunächst auf seine Genesung konzentrieren. „Als ich die Diagnose erhielt, sagte mein Arzt, es bestünde eine 20-prozentige Chance, dass ich sterben werde“, schildert der Sänger den dramatischen Moment. „Das hat mich natürlich erst einmal aus der Bahn geworfen. Als ich im Krankenhaus lag, dachte ich viel nach – über das Leben und die Dinge, die mir wichtig sind. Diese Erfahrung hat sich natürlich auch auf das Album ausgewirkt.“

Schon der Titel, der übersetzt soviel wie Feindseligkeit bedeutet, deutet an, dass ILLWILL viel von den negativen Erfahrungen reflektiert, die die Band während der vergangenen Jahre gemacht hat. „Der Titel zeigt, wie schlecht und grausam die Welt sein kann. Sie schenkt dir das Leben, nimmt es dir aber auch wieder“, erklärt Daniel nachdenklich.

Das Album selbst ist typisch für die Schweden: Es klingt unverkennbar nach Lake Of Tears und ist doch wieder anders als seine Vorgänger. „Man muss sich immer weiterentwickeln und darf keine Angst davor haben, Grenzen zu überschreiten. Musik muss auch für einen selbst immer interessant bleiben“, beschreibt Daniel seine Herangehensweise ans Songwriting. „Wir haben in jüngster Zeit die alten Thrash- und Black Metal-Platten wiederentdeckt, die uns früher musikalisch erheblich beeinflusst haben. Dadurch ist das neue Album insgesamt härter und rauer geworden. Wir wollten schon lange etwas schnellere Songs schreiben, und jetzt war die Zeit reif dafür.“

Mit ›House Of The Setting Sun‹ befindet sich aber auch ein ruhiges Stück auf ILLWILL, das sich sehr am klassischen Siebziger-Rock orientiert. „Wir alle mögen Bands wie Pink Floyd, und das schon seit vielen Jahren“, erzählt Daniel. „Während der Songwriting-Phase tauchen ein paar Riffs auf, die in diese Richtung gingen. Und nachdem wir uns vorgenommen hatten, keinen Song zu verwerfen, nur weil er nicht ins Gesamtbild zu passen scheint, haben wir an dieser Idee weitergearbeitet. Und ich finde, dass es ein toller Song geworden ist.“
Haben die Schweden etwa vor, sich nun ganz und gar dem klassischen Rock zu verschreiben? „Wer weiß?“, grinst Daniel. „In unseren Köpfen spukt schon länger die Idee herum, dass wir mal ein richtig langsames Album aufnehmen könnten. Vielleicht wird das nächste oder übernächste voll von solchen Songs sein.“

Simone Bösch