lemmy wacken 16Der Rock verlor seinen letzten großen Krieger, als Lemmy dem Krebs erlag. Wir dachten, er sei unsterblich, doch das Schicksal hatte andere Pläne für den ›Ace Of Spades‹-Mann. Wir feiern seine ereignisreiche Karriere mit einem Jack Daniel‘s & Cola in der Hand.

Kurz nach 23 Uhr erwacht der riesige Bildschirm zum Leben und die Menge johlt. Es ist Samstag, der 9. Januar, und wir befinden uns im Big Red, einer Bar in der Londoner Holloway Road. Hier findet einer von mehreren Events in der britischen Hauptstadt zu Ehren einer der heißgeliebtesten Ikonen der Rockwelt statt.

Über die nächsten zwei Stunden werden wir lachen, weinen und begeistert jubeln, während trauernde Verwandte, Bandkollegen, Hardrock-Superstars, Wrestler, Pressesprecher, Roadies und Leute, die unser Held in Bars getroffen hatte und so zu lebenslangen Freunden wurden – darunter auch sein Schuhmacher, der für seine berühmten weißen Stiefel verantwortlich war –, ans Rednerpult treten und ihre emotionalen Anekdoten zum Besten geben.

Im Hintergrund stehen riesige Wände aus Marshall-Verstärkern, be­­sagte Stiefel und ein Hut sowie genug Blumen, um ein Fußballfeld zu bedecken. Die Kamera zoomt auf zwei Schwarzweißfotos: die legendäre dreiköpfige Inkarnation seiner Band Motörhead und, eingerahmt darüber, das letzte Line-up, das mit unserem Toten starb.

In einem mal heiteren, mal traurigen Meer aus schwarzen T-Shirts, Lederjacken und Frisuren aller Art ver­­gehen die Lobreden von Dave Grohl, Slash, Scott Ian (Anthrax), Rob Halford (Judas Priest), Lars Ulrich und Robert Trujillo von Metallica wie im Flug. Schnell wird klar, dass wir bestenfalls an der Oberfläche dieses einzigartigen Mannes kratzen werden.

Ian Fraser Kilmister (niemand weiß so genau, warum er Lemmy genannt wurde), geboren in Stoke-on-Trent, aufgewachsen in Wales, aber zu Hause in Hollywood, war der atheistische Sohn eines Royal-Air-Force-Kaplans. Sein Humor war trocken und bissig, doch sein Herz viel größer, als er zu­­gab. Er spielte in ohrenbetäubender Lautstärke, aber liebte Bücher und in­­telligente Konversation. Er war eine Masse an Widersprüchen, aber eins ist sicher: Es wird nie wieder einen wie ihn geben.

Er starb am 28. Dezember, nur 48 Stunden, nachdem er erfahren hatte, dass er an einem besonders aggressiven Krebs litt. Wenige Tage zuvor, an Heiligabend, wurde sein 70. Geburtstag mit einer prominent besuchten Party und einem Konzert im Whisky A Go Go gefeiert. Unter den Anwesenden waren einstige und gegenwärtige Mitglieder von Guns N’ Roses, Me­­tallica, Anthrax, The Cult und viele mehr.

Zwar wusste jeder, dass Lemmy krank war, aber niemand dachte, dass er so bald sterben würde. Motörhead hatten Konzerte bis in den kommenden Sommer gebucht, wo sie nach der Tour zum 40. Jubiläum mit Saxon und Girlschool beim Download Festival auftreten sollten. Aber schon die jüngsten Tourneen waren von einigen Ab­­sagen geplagt. Ein paar Konzerte mussten vorzeitig abgebrochen werden, wenn Lemmys Atem und Stehvermögen nicht mehr ausreichten. Doch er gab nie auf und die Fans blieben loyal. Nach vier Jahrzehnten hatte er sich ihre Geduld mehr als verdient.

Lemmy warf einen beinahe allgegenwärtigen Schatten. Man könnte sagen, dass sein Talent, einen so eingängigen wie schroffen, schmutzigen Hardrock-Song zu komponieren, sein überlebensgroßer und exzessfreudiger Charakter, sein messerscharfer Humor und seine unverblümte, durch nichts und niemand einzuschüchternde Art, Klartext zu reden, ihn zur lebenden Personifizierung des Rock’n’Roll-Spirit machten.