KravitzDer Superstar aus New York setzt seine Retrospektive fort. Nach LET LOVE RULE und MAMA SAID erscheint nun auch ARE YOU GONNA GO MY WAY in der „20th Anniversary Deluxe Edition“. Zeit, noch mal auf jenes Album zurück zu blicken, das ihn in die Oberliga katapultierte.

Text: Matthias Jost

Bei Künstlern, die schon so lange so fest etabliert sind, ist es immer leicht, zu vergessen, wie ihre Karriere einst begonnen hatte. Im Fall von Lenny Kravitz mit einem Paukenschlag war sein Debütalbum LET LOVE RULE in den USA noch ziemlich verhalten aufgenommen wurde, schlug es in Europa sofort ein wie eine Bombe. Wer war dieser Typ mit den dicken Dreadlocks, der seine unüberhörbaren Einflüsse von Hendrix über Curtis Mayfield und B.B. King bis zu den Stones oder Prince in seiner Person zu einem so explosiv-frischen Wind vereinte? Wie schaffte er es, so oldschool und dennoch so unglaublich richtungsweisend zu klingen? War die Masche mit dem alten Analog-Equipment wirklich so wichtig für seinen Sound? Ja, absolut. All die alten Recken des Rock‘n‘Roll hatten sich in den 80er Jahren an neuen Technologien versucht in dem Bestreben, moderner zu klingen und nicht zum Alteisen geworfen zu werden. Lenny Kravitz ging den umgekehrten Weg: ein bis dato Unbekannter, der uns daran erinnerte, dass „alt“ nicht gleichbedeutend mit „überholt“ sein musste und damit eine monumentale Retro-Welle in Bewegung setzte, die bis heute nicht abgeebbt ist.

Nach besagtem Debüt verfeinerte er die Rezeptur mit MAMA SAID, das auch in den USA langsam Fahrt aufnahm. Der Boden schien bereitet für einen weiteren großen Karrieresprung, der dann mit dem dritten Album ARE YOU GONNA GO MY WAY prompt eintrat. Edelmetall und Top-10-Platzierungen weltweit, das Video zum Titelstück, das ihn für immer als den Hippie- Derwisch mit den wehenden Haarzöpfen ins kollektive Gedächtnis der Rockwelt brannte. Von einem erwartungsgemäßen Durchbruch will der Meister allerdings nichts wissen, als er uns zu Hause auf den Bahamas Rede und Antwort steht: „Du musst dir mal ins Gedächtnis rufen, was damals so im Radio lief. Das hatte absolut nichts zu tun mit dem, was ich machte. Sicher, mit meinen ersten beiden Alben hatte ich schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht, vor allem bei euch in Europa. Aber dass das so durch die Decke gehen würde, konnte wirklich niemand erwarten. Das hat uns alle total überrascht.“

Und wie fühlt es sich nun, 20 Jahre später, an, noch mal diese Platte anzuhören, das Bonusmaterial auszusuchen und die Bildarchive zu durchstöbern? „Ich bin ja eigentlich niemand, der viel Zeit damit verbringt, über die Vergangenheit nachzudenken, denn man kann Geschehenes nicht ändern, man muss es einfach akzeptieren. Mich interessiert die Gegenwart und das, was ich als nächstes machen werde. Und ich höre mir auch nie meine alten Alben an, außer, wenn ich mal einem Bandmitglied auf Tour zeigen muss, wie genau ich irgendetwas damals gespielt hatte. Aber es war schon schön, mich wieder mit dieser Phase zu beschäftigen und sie noch mal aus der Distanz zu durchleben. Das war schließlich eine ziemlich wilde Zeit!“ Womit er nicht auf seine in jenem Jahr finalisierte Scheidung von Lisa Bonet anspielt, sondern eher den Wirbelwind eines Lebens auf konstanter Welttournee und die Ereignisse im Studio: „Zum einen war da die Tatsache, dass ich bei diesem Album nicht mehr alle Instrumente selbst spielte, sondern mir erstmals Musiker zu den Aufnahmen holte. Es war zum Beispiel das erste Mal, das Craig Ross im Studio dabei war. Ihn hatte ich auf der MAMA SAID-Tour kennengelernt und er ist bis heute in meiner Band. Es war also ein sehr wichtiges Erlebnis, mit ihm zu arbeiten. Und dann war da der Toningenieur Henry Hirsch. Wir sind beide ziemlich intensive Menschen, und da war eine tolle Energie im Raum. Wir sind auch oft mächtig aneinander geraten, Türen knallten und es wurde geschrien, aber aus dieser Reibung entstand etwas Wunderbares.“

Keine Frage. Hört man sich ARE YOU GONNA GO MY WAY heute an, klingt es alles andere als angestaubt. Ob die entfesselte Dynamik des Titelstücks, die beseelte Euphorie von ›Believe‹, die introspektiven, beinahe rohen Klänge von ›Sister‹ und ›Sugar‹ oder das grandios bewegende Instrumental ›Blood/Papa (A Long And Sad Goodbye)‹, das sich bei den Demos auf Disc 2 findet: Alles könnte auch heute genau so erscheinen, ohne verstaubt zu klingen. Was letztlich beweist, wie dieses Album die Musiklandschaft beeinflusst hat. Ist es eine Genugtuung für Lenny, dass dieser Ansatz, traditionelle Klänge in die Moderne zu übersetzen, so gezündet hat? „Ich weiß nicht, ob Genugtuung das richtige Wort ist, aber es ist natürlich schön, zu sehen, dass das so positiv aufgenommen wurde und etwas bewegt hat. Ich habe diese Platte ja nicht gemacht, weil ich auf größtmöglichen Erfolg geschielt habe. Das hat mich in meiner ganzen Karriere noch nie beeinflusst. Ich will einfach nur so ehrliche Musik wie möglich machen. Und da ich die völlige kreative Kontrolle hatte, gab es auch niemanden, der mir reinredete oder sagte, ich sollte vielleicht mit diesem oder jenem angesagten Producer oder Künstler zusammenarbeiten, um das Hitpotenzial zu steigern. Und folglich auch niemanden, der mich dazu drängte, das Erfolgsrezept von MAMA SAID zu wiederholen. Das kann man ohnehin nicht tun, ich wüsste gar nicht, wie das geht. Und überhaupt: Wenn man versucht, etwas zu reproduzieren, ist man doch schon viel zu spät dran damit, oder? Ich habe immer nur versucht, nach vorne zu blicken und mich auszudrücken.“

Man kauft ihm diese Aussage ab, denn jeder, der Lenny Kravitz schon mal live auf der Bühne erleben durfte, vor allem in seinen Anfangstagen, weiß, dass man es hier mit einem absoluten Vollblutmusiker zu tun hat. „Danke, dass du das sagst, denn genau darum geht es mir. Die Millionen verkauften Platten, die ausverkauften Konzerte, die Grammys…all das habe ich damals überhaupt nicht richtig wahrgenommen und verarbeitet, weil ich immer nur in meiner kleinen musikalischen Welt in meinem Kopf lebte und mich auf nichts anderes konzentrierte. Das ist bis heute so. Gerade letzte Woche habe ich mein neues Album fertiggestellt, das nächsten Frühling erscheint. Ein Album wie ich es noch nie gemacht habe, sehr Rock‘n‘Roll, sehr ungeschliffen. Aber versteh mich bitte nicht falsch: Ich bin sehr, sehr dankbar für meine Karriere. Wenn man eine gewisse Gabe erhalten hat und sie einsetzt, ist das toll. Wenn man damit dann auch noch Erfolg hat, ist das umso besser. Wenn du jedoch keinen Erfolg hast, aber dich ehrlich ausgedrückt hast, dann ist das immer noch wunderschön!“