Titelstory: Der Träumer – Lenny Kravitz im großen Interview

Lenny Kravitz Raise VibrationFür Lenny Kravitz ist Rockmusik nicht nur Unterhaltung, sondern ein Mittel, um Menschen wachzurütteln, um soziopolitische Veränderungen herbeizuführen und die Welt zu verbessern. Das mag naiv klingen, hat aber Hand und Fuß – und klingt vor allem richtig gut. Nachzuhören auf RAISE VIBRATION, ein Album, das tatsächlich für heftige Vibrationen sorgt – und auf stimulierenden Träumen beruht.

Die hatte Leonard Albert Kravitz, wie er bürgerlich heißt, auf Eleuthera, seiner Privatinsel in den Bahamas. Ein State-Of-The-Art-Anwesen mit kilometerlangem Traum-Strand, blauem Wasser und einem Heimstudio, in dem der 54-Jährige so viel Krach machen kann, wie er nur will. Kurzum: Ein relaxter, sonniger Flecken Erde, der ihm alles bietet, was er braucht. Und der Grund, weshalb er seine übrigen Residenzen in Miami und New York längst aufgegeben hat. Auch Lennys neuestes, elftes Werk RAISE VIBRATION ist wieder im karibischen Paradies entstanden.

Wo­­bei er sämtliche Instrumente im Alleingang eingespielt und sich lediglich auf die Hilfe seines langjährigen Sidekicks Craig Ross (an der Gitarre und als Tech­niker) verlassen hat. Mehr Input braucht der Selfmade-Mann, der auch Designer, Fotograf und Schauspieler ist, nicht. An Songideen und griffigen Botschaften habe es ihm schließlich nie gemangelt. Auch, wenn es mit der großen Eingabe mal ein bisschen länger dauert…

Lenny, angeblich hast du im Vorfeld des neuen Albums unter einer heftigen Schreibblockade gelitten – bis dir die Songs sprichwörtlich im Traum erschienen sind. Stimmt das?
Oh ja! Und das, als ich eigentlich nicht mehr damit gerechnet hatte. Mir ist ewig nichts eingefallen – und dann bin ich plötzlich mitten in der Nacht aufgewacht und hatte die besten Ideen, die ich auch sofort umgesetzt habe. Ich habe mir meine Gitarre gegriffen, bin rüber ins Studio und habe losgelegt. Dabei hatte ich meist nichts als meine Unterhose an – wenn überhaupt. Einfach, weil es halt schnell gehen musste.

Und das war auf deiner Insel in den Bahamas?
Ganz genau. Keine Ahnung, warum ich da so inspirierende Träume habe. Wahrscheinlich, weil ich mich dort extrem wohl fühle und sehr entspannt bin. Ich meine, ich esse gut, ich habe meine Ruhe, ich kann machen, was ich will, und ich schlafe wie ein Stein. Das muss sich ja irgendwie positiv auswirken. (lacht)

Einer der neuen Songs trägt den Titel ›Johnny Cash‹. Basiert er ebenfalls auf einer Eingebung? Oder bist du dem „Mann in Schwarz“ tatsächlich begegnet?
Aber sicher! Und das war eine denkwürdige Begegnung. Nämlich Ende der 90er, als ich bei Rick Rubin in Los An­­geles gewohnt habe – genau wie Johnny und seine Frau June, die in einem anderen Teil desselben Gebäudes un­­tergebracht waren. Weil ich so viel un­­terwegs war, hatten wir uns nie getroffen – bis zum Tag, als meine Mutter starb. Da kam ich gerade von einer Japan-Tour zurück, und kaum hatte ich meine Koffer in der Lobby abgestellt, erhielt ich die Nachricht von ihrem Tod. Ich war so fassungslos, dass ich einfach da stand – und in dem Moment tauchten Johnny und June auf. Sie fragten, ob alles in Ordnung sei. Und als ich ihnen erzählte, was passiert ist, haben sie mich in den Arm genommen und mir Trost zugesprochen. Was eine unglaublich nette, menschliche Geste war. Voller Zuneigung und Wärme. Es war eine intensive Begegnung, die ir­­gendwo in meinem Unterbewusstsein verankert war – und an die ich mich jetzt, nach all den Jahren, erinnert habe. Keine Ahnung, warum. Aber es war ein tolles Erlebnis mit zwei Menschen, mit denen ich eigentlich nichts zu tun hatte und die mich in dem Mo­­ment wahnsinnig getröstet haben. Die mich wie ein Mitglied ihrer Familie behandelt haben. Johnny und June stehen für dieses Konzept der aufrichtigen, ehrlichen, tiefen Liebe.

„Die bedingungslose Liebe eines Menschen, der bereit ist, alles zu geben. Das ist das Ideal.“

Für ein „unerklärbares Höhegefühl“ – „the unexplainable high“ –, wie du es in ›The Majesty Of Love‹ nennst?
Ganz genau. Und danach suche ich immer noch. Bislang habe ich es nicht gefunden. Eben die bedingungslose Liebe eines Menschen, der bereit ist, alles zu geben. Das ist das Ideal.

Du meinst eine Seelenverwandte?
Ganz genau. Nicht nur eine Romanze oder was auch immer – sondern mehr. Das ultimative Glücksgefühl. So, wie ich es in den 80ern schon mal hatte – aber nie wieder gefunden habe. Trotzdem bin ich nicht einsam, ich genieße mein Leben, ich vermisse nichts – zu­­mindest auf menschlicher Ebene. Und die ist momentan eh nicht so wichtig wie das, was in der Welt passiert.

Nämlich?
Wir leben in schwierigen Zeiten – und ich bin aufgeregt, was als nächstes kommt. Wie die Gegenreaktion auf das ausfällt, was gerade passiert. Denn ich sehe, wie die Leute aufwachen und an­­fangen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Einfach, weil sie merken, dass da etwas schief läuft und es unmöglich so weiter gehen kann. Das gilt insbesondere für die Jugend, die bereit ist, sich gegen das bestehende System aufzulehnen und Veränderungen einzuleiten. Das ist es, worauf ich hoffe. Ich finde es großartig, dass sich die Jugend endlich zur Wehr setzt. Sie ist wieder bereit, auf die Straße zu gehen – für ihre Rechte, für die Umwelt, für die Zukunft und gegen diese überholten, laxen Waffengesetze. Das ist ein Anfang – und hoffentlich kommt da noch mehr. Nach dem Motto: Steht auf und verschafft euch Gehör! Setzt um, was euch wichtig ist.

Versucht Lenny Kravitz, diese Bewegung zu unterstützen? Mit kleinen Denkanstößen, die er in seinen Songs lanciert?
Ich sage einfach, was ich denke und fühle. Und ich tue mein Bestes, um wach zu sein bzw. alle Informationen, die ich habe, weiterzugeben. Im Sinne von: Ich tue, was innerhalb meines Rahmens machbar ist – und zwar ohne zu predigen. Das ist nicht mein Ding und das ginge mir auch zu weit. Ganz abgesehen davon versuche ich, Veränderungen auf gewaltfreie Weise herbeizuführen. Eben indem ich über Gand­hi, Martin Luther King und Jesus Christus rede. Leute, die keine Waffen benutzt haben, sondern ihren Verstand, ihren Mund und ihre Seele. Sie hatten Ideen und Geduld. Sie hatten konkrete Vorstellungen davon, was sie wollten, und sie haben alles daran gesetzt, sie umzusetzen. Ich bin der Meinung, dass die Vibrationen, die wir gerade spüren, und von denen wir ein Teil sind, wirklich etwas bewirken. Dass sie uns alle erreichen, uns zu­­sammenschweißen und für etwas besseres Neues sorgen.

Und dabei ist Optimismus oberstes Gebot?
Absolut! Ohne geht es nicht – und deshalb ist dieses Album auch in keiner Weise deprimierend oder negativ. Ich bemühe mich, immer optimistisch zu sein. Egal, wie schlimm die Welt da draußen ist.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here