Life von Keith RichardsSämtliche Geheimnisse endlich offen gelegt: Lebensbeichte eines Unverwüstlichen

Unzählige Bücher wurden über die Stones schon publiziert. Nicht wenige auch über jene Rhythmus-Gitarren-Ikone, die vor allem als „The Human Riff” ein Begriff wurde. Eigentlich müsste über diesen alternden Kerl mit den verwitterten Gesichtszügen eines 120-Jährigen, der einst mit seiner blau-schwarzen Rabennestfrisur, der abenteuerlichen Piraten-Visage und dem elegant-verkommenem Kleidungsstil als die ultimative Coolness in Person galt, weitgehend alles bekannt sein, sollte man jedenfalls meinen.

Da stellt sich angesichts einer mit 723 Seiten erstaunlich üppig geratenen Autobiografie namens LIFE die Frage: Braucht die Welt ein solches Mammutwerk überhaupt?

Die Antwort lautet: Verdammt noch mal „Ja“! Es ist nicht nur der ungeheuer flockige Ich-Er-zählstil, der den Leser für Herrn Richards‘ (mit kleiner großer Hilfe von Buchautor James Fox verfassten) Lebensgeschichte einnimmt. Es sind die vielen of-fenen Sachfragen, wie etwa das fünfsaitige Open Tuning, die zahllosen Aufnahmetricks, der eigenwillige Komponierstil oder die nächtelangen Sessions in den Londoner Olympic Studios oder im Keller der südfranzösischen Villa Nellcote, die geklärt werden.

Es sind auch die herrlichen Klatschgeschichten, die der – man höre und staune – lebenslang affine Bücherwurm wie ein Waschweib verbreitet: Richards Hassliebe zu Mick Jagger äußert sich in der despektierlichen Schilderung von Jaggers winzigem Penis mit übergroßen Eiern. Oder die stets an der breiten Schulter von Keith getätigte Ausheulerei von Marianne Faitfull über Bianca Jagger bis Jerry Hall wegen Micks notorischer Fremdgeherei. Dass es so schlimm um Jagger/Richards steht, war ja kaum zu erahnen, oder? Richtige Freunde werden sie in diesem Leben wohl nicht mehr.

Erstaunlich wiederum, dass er Gitarrist Mick Taylor im Nach-hinein zwischen den Zeilen einige Songcredits zugesteht, aber gleichzeitig noch immer verschweigt, dass Bandgründer Brian Jones ›Ruby Tuesday‹ und Ex-Bassist Bill Wyman ›Jum-ping Jack Flash‹ zimmerten.

Eindrucksvoll geschildert wird das überaus heikle Verhältnis zum 1969 verstorbenen Jones, den Richards selbst nach 40 Jahren recht kaltschnäuzig abfertigt. Nicht minder trostlos nach anfänglichem Liebesglück die jahrelange heillose Beziehung zur „Drogenfurie“ Anita Pallenberg. Fehlen dürfen natürlich auch nicht die endlosen Drogeneskapaden inklusive der Geschichte mit angeblichem und nun widerlegten Blutaustausch – wobei Richards bei besonders haarsträubenden Passagen gerne den Satz hinten anstellt: Lieber Leser, bitte nicht zu Hause ausprobieren! Tun wir nicht, hoch und heilig versprochen.