Das Leben der ehemaligen Gitarristin der Mädchen-Rockband The Runaways ist ein ewiges Auf und Ab. In ihrem jüngsten Werk LIVING LIKE A RUNAWAY verarbeitet Lita Ford die Schicksalsschläge der vergangenen Jahre – und liefert damit ihr bislang emotionalstes Album ab.

Für Lita Ford verlief ihr bisheriges Leben nicht selten wie in einer Achterbahnfahrt. Die gebürtige Engländerin erlebte berufliche Erfolge auf durchaus ansehnlichem Niveau und bezahlte dafür mit so manch privater Tragödie. „Im Alter von 17 wurde ich mit den teuersten Limousinen durch die Gegend gefahren, gut 30 Jahre später musste ich nur mit einem Koffer in der Hand von Zuhause flüchten“, blickt sie kopfschüttelnd auf eine überaus bewegte Vergangenheit zurück. Ihr neues Album LIVING LIKE A RUNAWAY erzählt von beiden Extremen, von Glanz und Gloria ebenso wie von Trennung und Schmerz. Doch Carmelita Rosanna Ford, wie die 53-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, hat einen unschlagbaren Verbündeten, der ihr in den schwierigsten Momenten hilft: „Ich glaube fest an Gott, er ist mein Orientierungspunkt, er leitet mich in die richtige Richtung.“

Ihre turbulente Jugend verlebte Frau Ford mit der Mädchenband The Runaways, sozusagen der Realität gewordenen Illusion eines jeden pubertierenden Jungen. Als weibliches Pendant zu Boygroups wie New Kids On The Block oder Take That bedienten The Runaways nicht ausschließlich musikalische Wünsche, sondern weckten auch gezielt feuchtwarme Männerträume unter der Bettdecke: Nur allzu gern posierte die Band in Dessous und aufreizender Kleidung, um mit Augen und Mund das beliebte Pfadfinder-Motto zu signalisieren: allzeit bereit! Künstlerisch
ging es dagegen nicht ganz so frivol zu: Die Songs der Band waren eher brave Rocknümmerchen, aus denen lediglich der in Japan erfolgreiche Hit ›Cherry Bomb‹ herausragte.

Als sich The Runaways Ende der siebziger Jahre auflösten, setzte Lita Ford ihre Karriere als Solokünstlerin fort. Größter Moment ihrer Laufbahn: das Duett mit Ozzy Osbourne in ›Close My Eyes Forever‹, das es 1989 sogar ins Radio schaffte und kurzzeitig die Hoffnung schürte, aus Lita Ford einen Superstar vom Kaliber Tina Turner zu machen.

Doch die Realität sieht anno 2012 anders aus: ›Close My Eyes Forever‹ blieb eine kommerzielle Eintagsfliege, fast 15 Jahre war es zwischen 1995 und 2009 still um sie geworden, bis mit WICKED WONDERLAND ein erstes musikalisches Lebenszeichen wieder zu hören war. Doch dann überschlugen sich plötzlich die Ereignisse im Haushalt ihrer Familie: Nach der gescheiterten Ehe mit dem Gitarristen Chris Holmes, mit dem sie bis 1992 verheiratet war, hat Lita mittlerweile auch ihren zweiten Mann Jim Gillette verlassen. Schlimmer noch: Seit der Trennung prügeln sich die zwei um das Sorgerecht für ihre beiden Söhne. Gillette wirft seiner Ex vor, sie habe die Kinder geschlagen. Ford wehrt sich vehement und behauptet: „Er hat sie gegen mich aufgehetzt. Ich war nur ein paar Tage von Zuhause fort, um in Los Angeles an einigen wichtigen Besprechungen teilzunehmen, doch als ich wiederkam, stürzten sie sich auf mich. Aber ich habe sie nicht geschlagen. Ich würde nie meinen Kindern wehtun.“ Bei Nacht und Nebel, nur mit dem Notwendigsten im Gepäck, sei sie darauf von Zuhause geflüchtet. „Ich fühlte mich wie ein Flüchtling, nackt und hilflos“, gesteht sie und erklärt damit den Titel ihres neuen Albums: LIVING LIKE A RUNAWAY. Es sei die emotionalste Scheibe, die sie je aufgenommen habe, behauptet die Sängerin und Gitarristin, und verweist auf einige Texte, die tief in ihre Seele blicken lassen. „Ich hab’s mir nicht leicht gemacht, aber ich wollte mir den Schmerz von der Seele schreiben. Diese Songs sollen anderen Frauen Mut machen, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren.“