Kiss(mit Kiss, Muse, Rammstein, Rage Against The Machine, Them Crooked Vultures uvm.)

Was für eine Gästeliste: Zum 25. Geburtstag von Rock am Ring treten so illustre Gratulanten wie Kiss, Rammstein, Rage Against The Machine und Muse live an.

Wenn gefeiert wird, dann richtig: Zum 25. Geburtstag von Rock am Ring gibt es in diesem Jahr gleich zwei Geschenke für die Fans: einen weiteren Festivaltag sowie ein besonderes Programm mit noch größeren Headlinern als gewohnt. Von Donnerstag bis Sonntag wird durchgehend gerockt, und mit Kiss, Rammstein, Muse und Rage Against The Machine bietet der Veranstalter Marek Lieberberg mit seinem Team gleich vier Riff-Giganten auf. Auch das weitere Billing lässt einem das Bier im Mund zusammenlaufen: So versüßen zum Beispiel Them Crooked Vultures den Ringrockern mit ihrer Show die letzten Festivalstunden, zudem sorgen Motörhead, Slayer, Volbeat oder Alice In Chains im Verlauf des langen Wochenendes für musikalisches Sperrfeuer. Rund 87.000 Fans sind gekommen, um bei der kolossalen Party dabei zu sein – seit mehreren Monaten ist die Veranstaltung ausverkauft.

Bereits am Mittwochabend reiht sich ein Heck­scheibenaufkleber an den anderen: Der Anreisestau hat die Gegend um den Nürburgring voll im Griff – für die Fans ist das jedoch nichts weiter als eine erste Gelegenheit, schon mal etwas vorzuglühen. Schließlich wollen alle in der richtigen Stimmung sein, wenn am Donnerstagabend der erste Head­liner über den Ring donnert.

Dementsprechend grandios ist die Kulisse, als Kiss schließlich um 22 Uhr auf der Center Stage einfallen. Die größte der drei Ring-Bühnen erzittert, als Zehntausende zum Begrüßungsjubel ansetzen. Selbst Paul Stanley, Gene Simmons, Tommy Thayer und Eric Singer, die wahrlich einiges gewohnt sind in Sachen Fanandrang, erleben so etwas nicht alle Tage. Doch diese beeindruckende Menge hat nicht nur Vorteile: Es ist extrem voll auf dem Gelände, da auf keiner der beiden anderen Bühnen gerockt wird. Zudem kennen viele Ring-Besucher kaum einen Song der Band: Das wird vor allem bei den neueren Stücken wie ›Modern Day Delilah‹ deutlich – von Textsicherheit kann nicht die Rede sein. Was aber keineswegs heißt, dass keiner feiert. Die Leute genießen nur anders. Es ist vor allem die imposante Show, die begeistert. Als die Band auf einer monströsen Hebebühne einschwebt und in den dichten Nebelteppich eintaucht, setzt sich der Jubel bis weit hinter den dritten Wellenbrecher fort, der gut 150 Meter vom Bühnenrand entfernt steht.

Nun ist zwei Stunden lang Feiern unter einem herrlichen Sommernachts-Sternenhimmel angesagt: ›Let Me Go, Rock’n’Roll‹ ist da ein gutes Motto, und als zum brennenden ›Firehouse‹ Ronnie James Dio posthum mit einem gigantischen „Dio“-Chor geehrt wird, kriecht das erste Mal Gänsehaut den Rücken herauf. Bei ›Say Yeah‹ von SONIC BOOM sinkt die Stimmung zwar zunächst wieder etwas ab, aber danach geht es Schlag auf Schlag: ›Deuce‹, ›Crazy Crazy Nights‹ und ›Calling Dr. Love‹ vertreiben das letzte bisschen Müdigkeit aus den rockenden Körpern. ›I Love It Loud‹ ist das einende Motto aller Ringrocker, egal ob sie nun für Kiss, Rage Against The Machine oder Muse in die Eifel gereist sind. Und dem Charme von ›Black Diamond‹ und ›Detroit Rock City‹ kann heute auch niemand widerstehen. Schließlich startet bereits der Zugabenblock, bei dem ›Shout It Out Loud‹ sich wie so oft als Mitmachgarant entpuppt, während bei ›I Was Made For Loving You‹ vor allem Paul Stanleys Flugeinlage auf den Turm inmitten des Publikums für Staunen und Applausdonner sorgt. ›God Gave Rock’n’Roll To You‹ und ›Rock And Roll All Nite‹ beschließen standesgemäß den Abend – hier kennt schließlich auch das bunt gemischte Ring-Publikum alle Zeilen. Mit einem monumentalen Regen aus den Konfettikanonen beenden Kiss den ersten Festival-Tag und stellen damit klar: Wenn das erst der Anfang der Jubiläumsausgabe des Open Airs ist, wird es ein Wahnsinns-Wochenende: „Rock’n’Roll all night, party everyday!“ Amen.

Raige Against The MachineRage Against The Machine würden dieses Motto zwar etwas anders formulieren, wollen im Grunde aber bei ihrem Gig auch nichts anders. Die Band kehrt nach ihrem umjubelten 2008er-Auftritt als Freitags-Headliner an den Ring zurück. Diesmal bröselt der Sound zwar nicht so brachial aus den Boxen wie beim letzten Mal, doch Zack De La Rocha, Tom Morello, Tim Commerford und Brad Wilk geben nichtsdestotrotz ihr Bestes. Und das wird von den Fans mit Kusshand angenommen – ganz so, als hätten sie nur auf den letzten Funken gewartet, der das Partyfeuer in ein echtes Inferno verwandelt. Binnen von Sekunden wird deutlich: Auch fast 20 Jahre nach dem Release ihres Debüts haben Songs wie ›Bullet In The Head‹, ›Bombtrack‹ oder ›Killing In The Name‹ nichts an Energie (und leider auch nicht an Aktualität) eingebüßt. Daher sind sie noch immer jedem Ringrocker ein Begriff: Egal, ob jemand 14 oder 45 Jahre alt ist – hier kann jeder alle Texte auswendig, anders als bei Kiss am Vorabend.

Das spielt bei manchen Bands jedoch überhaupt kein Rolle: Muse sind dafür das beste Beispiel. Kommen, sehen, genießen – so einfach kann Rock’n’Roll manchmal sein. Schon auf der Hallentour zu THE RESISTANCE hatte das Trio bewiesen, dass es inzwischen in derselben Liga spielen kann wie Pink Floyd oder Peter Gabriel, doch dass diese monströse Melange aus Klang- und Lichtspektakel auch vor einem derart gemischten Publikum funktionieren würde, war im Vorfeld nicht abzusehen. Umso schöner, dass am Ende des Ring-Samstags alle euphorisch vom Muse-Set sprechen: ›Map Of The Problematique‹, ›Starlight‹ und natürlich ›Knights Of Cydonia‹, aber auch Songs wie ›Exogenesis: Symphony Part 1 (Overture)‹ richten es musikalisch, dazu gönnt die Band ihren Fans die passende optische Untermalung auf polygonen, wabenförmigen Video­wänden. Die zusätzlichen Laserprojektionen nehmen ein derart immenses Ausmaß an, dass damit das gesamte Areal in grünes Licht getaucht werden kann. Als schließlich noch ein gigantisches Ufo direkt über den ­Köpfen der Fans einschwebt (und nebenbei die MTV-Liveübertragung von Slayer lahm legt), gibt es kein Halten mehr. Merke: Jubeln und Staunen funktioniert also auch parallel.

Zumindest zum Staunen ist bei Rammstein kaum Zeit. Zum krönenden Ring-Abschluss fahren die Berliner ein derartiges Riff-Dauerfeuer auf, dass einem noch nicht mal die Zeit bleibt, kurz Biernachschub zu holen. Das ›Rammlied‹ eröffnet die Attacke standesgemäß – und schon nach diesem ersten Lied wird deut­l­ich, dass der Preis für den besten Sound des Wochenendes an Till Lindemann & Co. geht. Kraftvoll und zugleich transparent – eine Meisterleistung! Meisterlich geht’s auch weiter: Das Horn von ›Waidmanns Heil‹ jagt Schauerwellen durch die Körper, ›Feuer Frei‹ zwingt die Nacken zur Rotation, während ›Frühling in Paris‹ ein Musterbeispiel für musikalische Inbrunst ist. Noch dazu bietet die Band alles auf, was derzeit in Sachen Pyrotechnik auf dem Markt ist – selbst für einen mickrigen Knallfrosch muss man nach der Rammstein-Show wahrscheinlich mehrere 100 Kilometer weit fahren, weil rund um den Ring alles komplett leer gekauft worden ist. Doch es sind nicht nur die massiven Feuerwände, die den Abend zu einem ganz besonderen machen. Die Liebe zum Detail zeichnet den Gig aus: Als Flake Lorenz zu ›Haifisch‹ in einem Gummiboot durch die Massen paddelt und schließlich ein aufblasbarer Hai vor der Kameralinse erscheint, sorgt das für mehr Jubel als mancher 10.000-Euro-Effekt. Als die Band schließlich im ›Ich will‹-Finale fragt: „Könnt ihr mich hören, könnt ihr mich sehen, könnt ihr mich fühlen?“, bekommt sie zwar nur eine einzige Antwort: „Jaaaaaaaaaa!“ Die aber kommt aus 87.000 geeinten Kehlen.

Them Crooked Vultures
Ganz zum Ende des Ring-Jubilläums gibt’s diesen Leckerbissen: Dave Grohl, Josh Homme, John Paul Jones und ihre Live-Unterstützung Alain Johannes zeigen, wie das mit der perfekten Balance aus Hits und Jam-Session funktioniert. Sie lassen sich gegenseitig Raum für Impros (und Applaus), genießen die entspannte Atmosphäre und verlieren zugleich nie den Faden. Einer der Höhepunkte: ›Spinning In Daffodils‹ mit Jones am Piano.

Stone Sour
Für Corey Taylor und James Root ist es kein einfaches Unterfangen, so kurz nach dem Tod ihres Slipknot-Kollegen Paul Gray mit Stone Sour zu touren. Doch sie reißen sich zusammen und beweisen damit echte Profiqualitäten. Die Belohnung dafür lässt nicht lange auf sich warten: Stone Sour empfehlen sich mit ihrer Show klar für die Hauptbühne, was an Hits wie ›30/30-150‹ liegt. Aber auch die drei neuen Stücke, zum Beispiel das groovige, melodische ›The Bitter End‹, unterstreichen den Band-Status.

VolbeatVolbeat
Die geborene Festival-Band: Sympathische Ansagen, markante Songs und Fangeschenke! Die Dänen kennen ihre Kern­kompetenzen. Dank ›Sad Man’s Tongue‹ und Co. kann ohnehin nichts schief gehen. Und Anfang September kommt endlich das neue Album BEYOND HELL/ABOVE HEAVEN auf den Markt!

Airbourne
Die australischen Live-Dauer­gäste überzeugen auch hier: Es wird den Riffs gehuldigt, außerdem der Sonne, dem Bier – und den Kletterküns­ten von Joel O’Keeffe, der ohne Sicherungsseil, dafür aber mit Gitarre auf dem Rücken die ca. 20 Meter hohe Traverse hochklettert. Ohne Worte.

Motörhead
Ein Partygarant, so auch heute. Selbst wenn Lemmy alkoholtechnisch extrem angeschlagen wirkt – ›Ace Of Spades‹, ›Iron Fist‹ oder ›Killed By Death‹ kriegt keiner tot.

SlashSlash
Es ist es voll vor der Center Stage: Alle hoffen auf Guns N’Roses-Hits. Die gibt’s auch – wenn auch nicht in der Masse, wie es sich die Ringrocker wohl gewünscht hätten. Die Stimmung bei den Slash-Stücken ist verhalten, obwohl stilis­tisch an ›Black Cali‹ & Co. nichts auszusetzen ist. Doch an ›Sweet Child O‘ Mine‹ oder ›Paradise City‹ kommt eben immer noch nichts ran.

Alice In Chains
Unaufgeregt, entspannt, hymnisch: Alles ist perfekt. Die Abend­sonne taucht die Alternastage in ein warmes Rot. Dazu ›Them Bones‹, ›Would?‹, ›Rooster‹: wunderschön!