Press Image Soundgarden4Soundgarden
Shepherd’s Bush Empire, London

Wieder beisammen, wieder zurück in UK, wieder in Höchstform

Es ist schon irgendwie unfair, dass der nagende Zahn der Zeit Chris Cornell nicht das Geringste anhaben konnte. Seine Stimme und seine buschigen Locken sind immer noch so wie früher. So wie in der Zeit, bevor Soundgarden auf einmal beschlossen hatten, in einen sehr frühen Ruhestand zu gehen. Allein Gitarrist Kim Thayil zeigt sich ein wenig gnädig und lässt seinen Bart im natürlichen Grau erstrahlen. So fühlt sich das Publikum nicht ganz so schlecht, wenn ihm bewusst wird, dass es über die langen Jahre, in denen die Band fort war, einfach gealtert ist.

Interessanter Fakt: Soundgarden waren Mitte der neunziger Jahre die erste Band, die im Shepherd’s Bush Empire spielte. Damals war die Location gerade frisch renoviert worden und die Musiker traten als Überraschungsgäste im Rahmen ihrer Superunknown-Tour auf. Eine Tatsache, die das Publikum einfach nur achselzuckend hinzunehmen scheint, als Cornell die Geschichte nostalgisch erzählt. Das Publikum folgt während des gesamten Auftritts sowieso seinen eigenen Regeln. Es geht leidenschaftlich mit, grölt ohrenbetäubend und erhebt prostend die Plastik-Pint-Gläser bei Liedern, die es kennt und wohl tief vermisst hat, wie ›My Wave‹, ›Fell On Black Days‹ oder ›Rusty Cage‹. Doch wenn Soundgarden aktuelle Songs wie ›Flower‹ oder ›Hunted Down‹ zum Besten geben, verfallen die meisten Zuschauer in zwangloses, desinteressiertes Geplapper und sehen nicht einmal mehr zur Bühne, als ob die Band mal kurz eine kleine Pause eingelegt hätte.

Doch Soundgarden scheint das nicht weiter zu stören. Die Songs ihres neuen Albums KING ANIMAL fügen sich perfekt ins gesamte Set ein. Besonders gut sind der Opener ›Been Away Too Long‹ (wie passend) und das grandiose ›Worse Dreams‹. Mit ›Slaves & Bulldozers‹ beenden sie schließlich den Abend. Und seine dröhnenden Klänge steigen bis zum Hallendach empor, bis nur ein Rauschen bleibt.

Text: Philip Wilding

Caravan
Queen Elisabeth Hall, London

Auch nach 40 Jahren noch in Bestform

Es scheint unglaublich, dass Caravan dieses Jahr das 40. Jubiläum ihres vierten Studioalbums feiern und dabei Hallen ausverkaufen, die sie in der Blüte ihrer Jugend womöglich kaum gefüllt hätten. Heute Nacht etwa, in der bestens besuchten Queen Elizabeth Hall, gibt die Band aus Canterbury den Großteil ihres Klassikers FOR GIRLS WHO GROW PLUMP IN THE NIGHT zum Besten, ergänzt um weitere Favoriten unterschiedlichen Alters, darunter ihr 23 Minuten langes Karriere-Highlight ›Nine Feet Underground‹.

Caravan belegen, dass sie gut gealtert sind, was auch für besagtes Album gilt. Letzteres mag zwar ein paar aus heutiger Sicht antiquierte Momente haben, die Caravan jedoch geschickt übergehen, indem sie sie einfach nicht spielen. Brillant! ›Memory Lain, Hugh‹ und ›Headloss‹ klingen überraschend jugendlich und energiegeladen, ›Chance Of A Lifetime‹, einer der schönsten Songs, die Gitarrist Pye Hastings je geschrieben hat, wird mit raffinierter Zurückhaltung dargeboten. Das kraftvolle ›A Hunting We Shall Go‹ gibt Violaspieler Geoff Richardson die Chance, zu glänzen, bevor es in Mike Ratledges noch immer bemerkenswert monolithisches ›Backwards‹ übergeht. Fraglos eine der großartigsten, herzzerreißendsten Melodien, die man je gehört hat.

Der Song funktioniert sogar ohne das orchestrale Arrangement von Caravans Studioversion, klingt dabei immer noch groß und mächtig. Übertroffen wird er nur noch vom finalen ›Nine Feet Underground‹, einem Stück vom hochgelobten 1971er Album IN THE LAND OF GREY AND PINK, das fraglos Caravans ›Stairway To Heaven‹ ist, ihr ›Supper’s Ready‹ – oder ihr ›Tiger Feet‹, wenn Mud es seinerzeit um 20 Minuten verlängert hätten. Caravans Reifen mögen in den vergangenen rund 40 Jahren so manche Meile gelaufen sein, doch nichts spricht dafür, dass sie demnächst abfallen.

Text: Paul Henderson