Magnum 2010bNach knapp 40 Jahren im Geschäft kann die britische Rock-Institution auf einige bewährte Schemata im Arbeitsprozess zurückgreifen. Dennoch lassen Magnum auf dem neuen Album THE VISITATION auch ihr Herz sprechen.

Das Wort „Pause“ kennt Tony Clarkin vermutlich nur vom Hörensagen. Leben ist für den umtriebigen Gitarristen der britischen Rockgruppe Magnum gleichbedeutend mit Arbeit. Und davon hat der Mann weit mehr als genug: Er schreibt nicht nur sämtliche Stücke der Band im Alleingang, er betreut die Scheiben auch als Toningenieur und kümmert sich um sämtliche Studio-Belange, die im Laufe einer Produktion anfallen. „Angefangen habe ich mit den neuen Songs bereits unmittelbar nach unserer letzten Veröffentlichung vor zwei Jahren“, erklärt er die An-fänge von THE VISITATION, dem aktuellen Werk seiner Band. „Im Grunde genommen komponiere ich ununterbrochen. Kaum ist ein Album fertig, starte ich auch schon mit dem Sammeln neuer Ideen. So arbeite ich bereits seit den frühen Siebzigern. Für mich ist das die beste Methode, das Optimum aus mir herauszuholen.“

Clarkins tadelloser Arbeitsethos in Verbindung mit der signifikanten Stimme von Sänger Bob Catley machten aus Magnum in den Achtzigern eine der beliebtesten und erfolgreichsten Artrock-Bands Englands. Einige Jahre lang durfte die Gruppe sogar die Höhenluft von Superstars schnuppern. Vor allem mit dem Opus A STORYTELLER’S NIGHT schuf die Gruppe 1985 einen Klassiker und landete mit dem nur ein Jahr später folgenden VIGILANTE einen weiteren Topseller. „VIGILANTE war wirklich ein fabelhaftes Album, sicherlich der Höhepunkt unserer Karriere“, findet Clarkin noch heute.

Dem Höhenflug folgte eine Phase, die Magnum wieder ins Reich der Normalsterblichen zurückholte. Die Verkaufszahlen ihrer nachfolgenden Veröffentlichungen relativierten sich auf ein branchenübliches Maß, der Boom der goldenen Jahre war vorüber. Nach einem auch als solches proklamierten Abschiedsalbum und einer aufwändigen Farewell-Tournee, bei der die Livescheibe THE LAST DANCE aufgezeichnet wurde, war Mitte 1997 vorüber-gehend Schluss.

Schluss? Nun ja, so ganz konnten und wollten Clarkin und Catley nicht auf ihre künstlerischen Visionen verzichten. Im Sommer 1997 erschien unter dem Projektnamen Hard Rain ein Debütalbum, das die stilistischen Direktiven Magnums fortführte, allerdings bei weitem nicht so griffig wie das Original klang und bei den Fans eher zwiespältige Reaktionen hervorrief. Speziell der Projektcharakter des Ganzen und der fehlende Biss der Produktion schmälerten den Hörgenuss – ein Manko, das auch dem anschließenden Zweitwerk WHEN THE GOOD TIMES COME (1999) anhaftete.

Im Herbst 2001 verdichteten sich deshalb Gerüchte, dass mit dem Ge-spann Clarkin/Catley und ihrem Original-Keyboarder Mark Stanway der Nukleus von Magnum an einer Comeback-Scheibe arbeiten wolle. Das Ergebnis, BREATH OF LIFE (2002), veranlasste Clarkin damals zu einer stili-stischen Bestandsaufnahme von Vergangenheit und Gegenwart. „Hard Rain war sicherlich poppiger, nicht ganz so tiefschürfend wie Magnum“, äußerte er sich selbstkritisch. „Die Songs auf BREATH OF LIFE dagegen sind heavier und intensiver, zudem fühle ich mich deutlich mehr in sie eingebunden.“

Mittlerweile sind weitere acht Jahre ins Land gegangen, die Erde hat sich unaufhörlich gedreht, und der Zeitgeist fordert heute andere Themen, andere Sounds, andere Botschaften. Magnum tragen dem auf THE VISITATION gebührend Rechnung: „Wenn man sich die gesamte Karriere meiner Band anschaut, dann gab es in den meisten Fällen Texte, die sich mit zeitgemäßen Themen und aktuellen Problemen beschäftigten“, konstatiert Clarkin, „nur dass die Dramatik der Vorfälle zugenommen hat und damit auch die Erfordernis, diese schonungslos anzusprechen.“
Der Gitarrist spricht von einem Song wie ›Mother’s Nature Final Dance‹, das sich um Umweltsünden, um die verhängnisvolle Mischung aus Verantwortungslosigkeit, Geldgier und gewissenloser Risikobereitschaft dreht. „Schau doch nur, was da vor kurzem in Ungarn passiert ist, dieser stinkend-rote Giftschlamm, der eine gesamte Ortschaft verseucht hat“, schimpft er, „oder aber die Ölpest im Golf von Mexiko. Man darf über die langfristigen Folgen besser nicht nachdenken, denn sonst wird man vollkommen irre.“

Eine Botschaft, eine Moral oder gar eine politisch-motivierte Kritik haben die Texte allerdings nicht, erklärt Clarkin. „so etwas maßen wir uns nicht an, wir beschreiben nur Zustände und überlassen die daraus resultierenden Konsequenzen der Meinung unserer Zuhörer.“

Dabei: Vielleicht wäre es ja durchaus wünschenswert, wenn Magnum noch klarer Position beziehen und musikalisch wie textlich mehr Reibungspunkte liefern würde. Doch streiten mag die Band ebenso wenig wie polarisieren. Ihre Musik hat etwas Friedfertiges, Versöhnliches, sie zeichnet sich durch Wohlklang aus und dadurch, dass sie den Zuhörer einlädt. Deshalb also der neue Albumtitel THE VISITATION, der übersetzt sowohl Besuch als auch Erscheinung bedeuten kann. „Ich finde es absolut positiv, wenn einem im Schlaf Menschen heimsuchen, die von uns gegangen sind, denn es bedeutet, dass sie trotz ihres Todes noch immer in Kontakt zu unserer Seele stehen“, übt sich Clarkin als Traumdeuter. „Manche sprechen dann von Geistern und fürchten sich vor ihnen. Ich aber finde, dass Erscheinungen im Traum die betreffenden Menschen in unserer Erinnerung lebendig halten, und das wünschen wir uns doch alle nach unserem Tod, oder etwa nicht?“

Genau dieses Anliegen verfolgt der Magnum-Boss auch mit seiner Musik: Sie soll kurzlebige Trends und Moden überdauern, soll auch dann noch frisch und vital klingen, wenn die niveaulosen Lieder hipper „Wellenreiter“ bereits lange verblüht sind. „Wir machen keine Musik für eine bestimmte Phase der Rockgeschichte, wir kreieren voller Stolz Magnum-Songs, die keinem konkreten Kalkül entsprungen sind, sondern einfach unsere Fans glücklich machen sollen.“

THE VISITATION wird dieses Kriterium erfüllen, da können sich Clarkin und seine Bandmitglieder sicher sein. Vielleicht sind ihre Kompositionen nicht mehr ganz so verträumt wie vor 25 Jahren, und vielleicht orientieren sich Magnum doch ein klein wenig stärker an heutigen Hörgewohnheiten, als es die Macher selbst wahrhaben wollen. Fakt bleibt jedoch: THE VISITATION ist so typisch Magnum, wie es ein Album nur sein kann. Und man entdeckt darauf jene kompositorischen Widerhaken, die Clarkin seinen Songs bewusst implantiert hat. „Glücklich bin ich dann, wenn Fans auch nach mehrmaligem Hören immer noch fasziniert sind. Denn in dem Fall weiß ich, dass unsere Musik unter die Haut geht.“