Drei Jahre ist es her, da stand Marilyn Manson am Scheideweg: Seine Musik lag wie Blei in den Regalen, seine Plattenfirma setzte ihn vor die Tür und seine Verlobte suchte das Weite. Jetzt wagt der Schockrocker ein Comeback – mit neuem Album, berühmtem Duett-Partner und ein paar Kilos extra.

 

Sorry, das ich damit anfange, aber du hast kräftig zugelegt. Wie konnte das passieren?
Ganz einfach: Ich war drei Jahre nicht auf Tour. Was bedeutet, dass mein Leben in halbwegs geregelten Bahnen verlaufen ist. Also mit viel Wein, gutem Essen, aber auch nicht wirklich viel Bewegung. Denn ich habe mich ganz aufs Malen und Schreiben von Songs konzentriert. Sprich: Ich habe mein Apartment kaum verlassen. Und das ist das Ergebnis! (lacht) Wobei sich das aber bald ein- pendeln dürfte – ich bin ja wieder viel unterwegs.

Das Ende einer regelrechten Sinnkrise?
Das könnte man so sagen. Wobei ich mein letztes Album aber gar nicht so schlecht finde, wie immer behauptet wird. Es ist einfach das, was damals in mir steckte und was ich zum Ausdruck bringen wollte. Insofern haben mich die vernichtenden Kritiken und die schlechten Verkäufe schon ziemlich getroffen. Wenn auch nicht so sehr wie die Reaktion meiner Plattenfirma, die das zum Anlass genommen hat, meinen Vertrag aufzulösen – fast so, als wäre ich am Ende, als hätte ich ausgedient. Was ich nach all den Jahren, in denen sie Millionen mit mir verdient haben, als ziemlich anmaßend empfand. Nur: Es hat mir auch die Augen geöffnet und gezeigt, dass ich vielleicht doch auf dem falschen Weg war bzw. etwas verloren hatte. Und das hatte ich tatsächlich – mein Feuer war weg.

Was hast du dagegen getan?
Ich habe mich von allem getrennt, was mein altes Leben beherrscht und mich insofern von den wirklich wichtigen Dingen abgelenkt hat. Wie mein Sammelwahn. Ich meine, meine Villa in den Hollywood Hills war voller Nazi-Devotionalien, ausgestopften Bären und Schimpansen, Skeletten und Prothesen. Alles Dinge, von denen
ich dachte, sie würden zu meinem Image passen. Dabei hatten sie nichts mit mir und meiner Kunst zu tun. Sie entsprachen eher dem Bild, das andere von mir hatten. Und deshalb waren sie wie falsche Götter – ich musste mich einfach davon trennen. Genau wie von meiner Villa. Jetzt lebe ich in einem Apartement am Sunset Boulevard, wo ich ein Atelier und ein komplett eingerichtetes Studio habe.

Außerdem einen schallisolierten „bad girl room“. Was verbirgt sich dahinter?
(lacht) Nur, weil ich mich etwas zurückgezogen habe, heißt das ja noch lange nicht, dass ich wie ein Mönch lebe. Sondern ich habe halt gerne Spaß, wozu auch Sex gehört. Und der darf ruhig etwas lauter sein.

Was sagt deine aktuelle Freundin, die New Yorker Fotografin Lindsay Usich, dazu?
Na ja, sie war der Grund, warum ich diesen Raum eingerichtet habe. Und sie hat auch sonst ihren Teil dazu beigetragen, dass ich mein persönliches Tief überwunden habe. Ich meine, sie bringt mich zum Beispiel dazu, wieder regelmäßig auszugehen. Sei es ins Chateau Marmont, wo wir viel Zeit verbringen, oder in Las Vegas. Da waren wir vor kurzem zu einem Karaoke- Marathon.

Wie bitte?
Ja, wir waren erst in diesem neuen Nachtclub namens „The Bank“ und dann noch in einer Karaokebar, wo ich angeblich – ›Cry Me A River‹ gesungen habe. Nicht, dass ich mich daran erinnern könnte, aber ich mag dieses Stück von Justin Timberlake. Auch nüchtern…

Was sich in deiner eigenen Musik aber kaum niederschlägt…

Zum Glück. Ich kann mir nicht vorstellen, wer das von mir hören wollte.

Aber die Coverversion von Carly Simons ›You’re So Vain‹, die du im Duett mit Johnny Depp aufgenommen hast, dürfte mindestens für genauso viel Irritation sorgen…
Das mag schon sein. Aber Johnny und ich kommen beide aus Florida und kennen uns schon ewig. Er hatte mal eine Band namens The Kids, während meine Marilyn Manson’s Spooky Kids hieß. Leider haben wir nie zusammen Musik gemacht. Aber wir sind uns halt oft über den Weg gelaufen. Und vor vier oder fünf Monaten haben wir uns bei der Premiere zu seinem Film „Rum Diary“ wieder getroffen. Danach hat er mir eine Mail geschickt: „Hey, ich habe ein Studio, lass uns einen Song aufnehmen.“ Das haben wir getan. Er hat Schlagzeug gespielt, ich Gitarre, und sein Sohn Jack hat sich am Tamburin versucht. Wir saßen einfach da und hatten eine tolle Zeit. Wobei wir uns nicht nur an Blues-Stücken von B.B. King versucht haben, sondern auch an dieser Nummer, die wir beide sehr mögen – und die sich nun also als Bonus-Track auf meinem neuen Album BORN VILLAIN findet.

Mal ehrlich: Denkst du wirklich, dass du da- mit noch einmal an alte Erfolge anknüpfen kannst oder hast du – rein kommerziell ge- sprochen – deinen Zenit nicht deutlich über- schritten?
Das kann schon sein. Und deshalb habe ich im Grunde ja auch nichts zu verlieren. Ich meine, ich bin mittlerweile an einem Punkt, wo mein Tiefpunkt definitiv hinter mir liegt, und wo mich alles andere nicht mehr so tangiert. Einfach, weil ich weiß, dass ich das Richtige tue. Und dass ich das vor mir und meinem Gewissen vertreten kann. Wenn es nicht funktioniert, auch kein Problem. Notfalls raube ich halt eine Bank aus. Außerdem gibt es ja noch andere Alternativen…

Die wären?
Wer weiß, vielleicht verlege ich mich komplett aufs Malen, was in meinem Fall ja schon längst kein Hobby mehr ist, sondern eine eigenständige Karriere, von der ich durchaus leben könnte. Ich meine, ich habe regelmäßig Ausstellungen, die Bilder erzielen angemessene Preise, und es gibt ein Publikum, das meine Kunst zu schätzen weiß. Also völlig losgelöst von meiner Musik und meiner Popularität als Rockstar. Es sieht die Bilder als eigenständiges Medium, und das ist etwas, wofür ich wirklich lange und hart gearbeitet habe. Ich bin da schon etwas ehrgeiziger als Paul Stanley, der das nur als Hobby betrachtet. Und was noch eine weitere Option wäre: Ich könnte Till Lindemann bei Rammstein ersetzen. (lacht)

Glaubst du, es könnte so weit kommen?
Ich hoffe nicht. Also ich wünsche ihnen, dass sie noch lange zusammen bleiben und viele gute Alben machen, weil sie wirklich eine verdammte gute Band sind, die ich sehr bewundere. Unser gemeinsamer Auftritt beim „Echo“ in Berlin war toll. Ich habe das sehr genossen. Und verdammt: Ich überlege ernsthaft, ob ich jetzt meine Band feuern soll, denn im Vergleich zu Rammstein klingen sie einfach Scheiße. Also ›The Beautiful People‹ war noch nie so kraftvoll wie mit diesen Jungs. Und das gibt mir schon zu denken. Wenn Till also irgendwann keine Lust mehr hat, dann können sie sich gerne bei mir melden.