20150707-PAP_0531Meister der ruhigen Töne mit Abzügen in der B-Note.

Text: Marco Götz

Schon lange vor dem eigentlichen Konzert thront sie wie auf einem Altar, erleuchtet von einem Scheinwerfer, der ihr eine unnahbare Aura verleiht. Zahlreiche Pilger finden sich vor der Bühne ein, um die Rock-Reliquie vergangener Tage zu bestaunen und abzulichten. Die Rede ist von der rot-weißen Fender Stratocaster des Dire Straits-Gitarristen Mark Knopfler. Mit einem sieben Mann starken Ensemble, bestehend aus handverlesenen Musikern, die dem Saitenstreichler teilweise schon seit Jahrzehnten die Stange halten, gibt er sich mit neuem Album endlich auch live wieder die Ehre und holt in Hannover zu einem zweistündigen Reigen aus, der einige geniale Momente bereithält, aber auch nicht gänzlich von Längen verschont bleibt.

Zum Eröffnungsstück ›Broken Bones‹ schreitet der 65-Jährige gemächlichen Schrittes gen Mikrofon, das nur darauf wartet, seine tief beruhigende Lyrik in die nahezu ausverkaufte TUI Arena zu tragen. Nach einem Dreigestirn aus den letzten beiden Alben erlaubt sich der charismatische Frontmann gar kleinere Späßchen mit seinen Mitstreitern: Den Anfang zum selten gespielten Instrumental ›Father And Son‹ kennen nur er und sein Gitarrist, dem Rest der Band bleibt nur ein trockenes “good luck“. Springsteen‘sche Spontanitätsanfälle braucht man allerdings nicht zu erwarten. Die Setlisten der vergangenen Konzerte verraten, dass nahezu Nichts dem Zufall überlassen wird. Aber gerade hier liegt die eigentliche Stärke der üppigen Besetzung. Auf Platte oftmals sehr reduziert aufgenommen, türmen sich einige der Stücke dank des herausragend aufeinander abgestimmten Zusammenspiels erst live zu wahren Klang-Kunstwerken auf.

›Hill Farmer’s Blues‹ etwa erstrahlt in ungeahntem Glanz und lässt Knopflers unwiderstehliches Fingerpicking-Gitarrenspiel zum ersten Mal adäquat in Erscheinung treten. Was die Setlist jedoch auch offenbart sind mit ›Skydiver‹, ›Corned Beef City‹, ›Haul Away‹ und ›Laughs and Jokes and Drinks and Smokes‹ eher blasse Vertreter aus dem jüngeren Song-Repertoire des Schotten. Die durchweg griffigen Vorabsingles der letzten Scheiben werden komplett ignoriert. GOLDEN HEART und dem oft unterschätzen KILL TO GET CRIMSON wird ebenfalls keine Beachtung geschenkt und mit ›What It Is‹ fehlt mindestens einer der ganz großen Knopfler-Songs.

So ernten naturgemäß die Dire Straits-Perlen den meisten Beifall. Das wohltemperierte ›Romeo And Juliet‹ sorgt für vorzeitige Jubelstürme, direkt im Anschluss wird ›Sultans Of Swing‹ in klassischer Formation – zwei Gitarren, ein Bass, ein Schlagzeug und dem wohl bekanntesten Solo der Dire Straits-Geschichte – zum Besten gegeben. Es ist einer dieser ganz seltenen Ausbrüche und Zurschaustellungen eines Mannes, der das Rampenlicht nie gesucht hat, das aber zum stetigen Begleiter seiner gesamten Laufbahn wurde. Auch den Schlussakkord setzt mit ›Telegraph Road‹ ein Dire Straits-Klassiker. Nach dem 15 Minuten-Epos stürmen die ersten Stuhlreihen, wie man es von einem Mark Knopfler-Konzert gewohnt ist, an die Bühne, um ihrem Helden während des Zugabeteils und allen voran dem immer wieder ergreifenden ›Brothers In Arms‹ ganz nahe zu sein.

Die Pflicht ist damit bravurös erfüllt, die Kür hat man vom Altmeister dagegen schon besser erlebt.

Fotos: Marc Hansen

Setlist:
1. Broken Bones
2. Corned Beef City
3. Privateering
4. Father and Son
5. Hill Farmer’s Blues
6. Skydiver
7. Laughs and Jokes and Drinks and Smokes
8. Romeo and Juliet
9. Sultans of Swing
10. Haul Away
11. Postcards from Paraguay
12. Marbletown
13. Speedway at Nazareth
14. Telegraph Road

15. Brothers in Arms
16. So Far Away
17. Piper to the End