Weltwirtschaftskrise, Occupy-Bewegung, Terrorgefahr, Globale Erwährmung – alles Dinge, die Michael Lee Aday alias Meat Loaf nicht nur gewaltig in Rage bringen, sondern auch den Wunsch nach dem guten, alten Schutzkeller aus der Zeit des Kalten Kriegs verstärken. zur Finanzierung dient ein Album namens “Hell In A Handbasket”, das nicht nur das Politischste, somdern vor allem Schnellste seiner Karriere ist.

Meat Loaf 2011d @ Paul BrownDenn bislang zählte das Schwergewicht aus Texas eher zur langsamen Sorte. Für seine zehn Studio-Alben hat er durchschnittlich dreieinhalb Jahre gebraucht. Für seine von Jim Steinman komponierten Erfolgswerke BAT OUT OF HELL I + II, die sich weltweit 60 Millionen Mal verkauften, sogar noch länger. Umso überraschender die Veröffentlichung seines aktuellen Werks HELL IN A HANDBASKET – gerade 18 Monate nach HANG COOL TEDDY BEAR. „Ich wollte es diesmal anders machen“, verrät er im CLASSIC ROCK-Interview. „Denn in den 60ern und 70ern war es so, dass die Leute jedes Jahr ein neues Album aufgenommen haben. Heute brauchen sie dafür drei oder vier. Aber weil ich dickköpfig und rebellisch bin, habe ich entschieden: Zum Teufel damit – ich zeige der Welt, dass es auch anders geht! Deshalb haben wir im Tourbus aufgenommen, in Hotelzimmern und Backstage in irgendwelchen Hallen. Ich habe zehn Songs in elf Tagen eingesungen. Keine Ahnung, wie ich das hingekriegt habe, aber ich habe es getan.“

Doch Geschwindigkeit ist nicht das einzige Novum beim inzwischen 64-jährigen Wahl-Kalifornier. Zwar setzt Meat Loaf weiter auf bombastischen, epischen 70s Rock mit theatralischem Gesang und Duetten mit Dauerpartnerin Patti Russo, doch ansonsten hat sich einiges geändert. So wechselt der füllige Barde erstmals von fiktiven Figuren zum Ich-Erzähler, ist intimer denn je, und glänzt mit einem starken politischen Unterton. Denn die globale Finanzkrise, das latente Terrorproblem, die wachsende Unzufriedenheit im eigenen Land und der Klimawandel lassen ihn zu folgender Erkenntnis kommen: Der blaue Planet steuert dem Exitus entgegen, was der gemeine Amerikaner mit den Worten „Hell In A Handbasket“ umschreibt. „Das ist eine alte Formulierung aus dem Süden der USA, aber sie ist aktueller denn je. Weshalb ich überlege, mir einen Bunker wie in den 50er und 60er Jahren anzulegen – eben bei mir im Garten. Was ich vollkommen ernst meine: Bunker kommen wieder in Mode“, spricht’s mit donnernder Lautstärke und irrem Blick, die keinen Widerspruch dulden. „Die Leute werden Löcher in den Boden graben, tonnenweise Zement und Blei verbauen und Lebensmittel für fünf Jahre einlagern. Genau wie DVDs, Blue Ray-Player, Fernseher und Generatoren. Einfach, weil hier so ein Chaos herrscht. Und weil sich das nicht mit gesundem Menschenverstand lösen lässt, muss man es halt aus-sitzen.“

Dabei ist Politik ein Thema, von dem sich Meat Loaf stets distanziert hat. Nur um jetzt, als echter Rock-Dino, doch noch späte Stellung zu beziehen. Eben als registrierter Republikaner mit streitbaren Ansichten wie offenen Sympathiebekundungen für die ultrakonservative Tea Party („die demokratische Urform der USA“) sowie genauso offener Ablehnung gegenüber Präsident Obama und – für ihn noch schlimmer – die Occupy-Bewegung, die den bekennenden Workaholic („Ich arbeite elf von zwölf Monaten im Jahr“) richtig sauer macht: „Die Occupy-Leute werden gerne mit den Vietnam-Protestlern der 60er verglichen. Da kann ich nur sagen: Moment mal! Denn ich war schließlich dabei. Ich habe zusammen mit der Besetzung von „Hair“ den Protestmarsch auf Washington angeführt. Da waren rund 100.000 Menschen, und alles, was wir gemacht haben, war marschieren. Es gab keine Krawalle, kein gar nichts. Und ich war damals auch noch bei anderen Protestaktionen dabei. Die einzigen, die Theater gemacht haben, waren Polizisten. Denn die Leute in den 60ern waren viel zu high, um sich zu prügeln. Wir saßen nur da und lallten: ,Was für ein tolles Blau.‘ Von daher lässt sich die Occupy-Bewegung nicht mit dem Vietnam-Protest vergleichen. Denn das ist ein arbeitsscheues, faules Pack, das sich an der Gesellschaft zu bereichern versucht – eben an allen, die hart arbeiten und ihre Steuern zahlen.“

Weshalb Meat, wie ihn seine Freunde nennen, der Welt die Augen öffnen und mit kleinen Denkanstößen für große Veränderungen sorgen will. Vorzugsweise bei einem Publikum, das genau so „blue collar“ ist wie er. Das an Gott glaubt, auf Familie, Hausmannskost, Schusswaffen und Sport schwört – und insofern allenfalls ein bisschen gefordert werden darf. Sei es mit ungewöhnlichen Gastauftritten von Rappern wie Chuck D und Little Jon, die prompt für blankes Entsetzen bei seiner Fanbase sorgen. Oder einer Co- verversion des Flower Power-Klassikers ›California Dreamin‹ von 1966, den die Welt – im Gegensatz zu ihm – komplett falsch verstanden hat. „Eigentlich ist es ein düsterer, deprimierender Song. Und deshalb ist die Art, wie ich es singe, auch nicht wirklich fröhlich. Wobei ich der Meinung bin, dass John Phillips meine Version lieben würde. Denn sie ist ganz anders, als es die Mamas & Papas aufgenommen haben. Lou Adler, ein Freund von mir, hat es damals so produziert, dass es eine starke Single wird. Mit dieser Fröhlichkeit und Euphorie. Jetzt denkt jeder, es wäre ein netter, kleiner Pop-Song. Dabei ist er das nicht. Er ist vielmehr eine Metapher dafür, seine Träume nicht verwirklichen zu können – und insofern auch nicht richtig zu leben.“

Der amerikanische Traum von Abenteuer, Freiheit und Selbstverwirklichung, den Meat Loaf selbst er- und gelebt hat. Er kann heute auf eine fünf Dekaden umfassende Karriere zurückblicken und gilt als millionenschwerer Dauerbrenner. Wofür er allerdings auch einen hohen Preis gezahlt hat. Er ist zweimal geschieden, leidet unter dem sogenannten Wolff-Parkinson-White Syndrom (einer Herzschwäche) und ist schon seit Jahren Asthmatiker. Was dazu führt, dass er bei Auftritten unter Atemproblemen leidet und bei seiner letzten US-Tournee im Sommer 2011 öfter auf und hinter der Bühne zusammengebrochen ist. „Die Leute haben das zunächst für eine Show-Einlage gehalten – für eine theatralische Performance. Aber Tatsache ist: Ich bin heute keine 30 mehr. Und gerade die alten Sachen, die Jim für mich geschrieben hat, sind unglaublich anstrengend. Einfach, weil da mehrere Oktavensprünge drin sind und weil sie eine extreme Power und Präsenz verlangen. Dafür fehlt mir inzwischen der lange Atem. Was zweifellos traurig ist, aber daran lässt sich nichts ändern.“

Weshalb „der Dicke“ auch vorerst keine Ambitionen hat, eine der erfolgreichsten Kollaborationen der Musikgeschichte fortzusetzen. Eben zwischen ihm und dem New Yorker Komponisten Jim Steinman, die zwei Teile der BAT OUT OF HELL-Trilogie hervorbrachte. „Jim ist ein kranker Mann und ein gottverdammter Perfektionist, der ewig braucht, um ein paar halbwegs gute Stücke zu schreiben. Und ich habe keine Lust mehr, a) so lange zu warten und b) noch einmal dieses alte Konzept aufzuwärmen. Denn BAT OUT OF HELL III: THE MONSTER IS LOOSE, das ich ohne ihn abschließen musste, war nicht besonders gut – und es hat sich auch nicht sonderlich verkauft. Weshalb ich das Kapitel endgültig abgeschlossen habe.“

Stattdessen tut das Berufsunikum, das mit seinem Auftritt in der „Rocky Horror Picture Show“ berühmt wurde, alles, um sich möglichst vielseitig aufzustellen. Sei es mit Auftritten in über 55 Spielfilmen und TV-Serien, denen in diesen Tagen drei weitere folgen. Mit einem Weihnachtsalbum namens HOT HOLIDAYS, das er für Ende 2012 plant und – weil er vorerst nicht auf Tour geht – einem weiteren Tonträger, der bereits im Herbst erscheinen soll. „Wir haben acht Stücke im Kasten. Aber den Titel möchte ich noch nicht verraten. Nur soviel: Es wird ganz anders als HELL IN A HANDBASKET. Einfach, weil sich die Songs ums Trinken und um Sex drehen. Also quasi das Album zum Weltuntergang. Nach dem Motto: Die Erde steht vor dem Aus, also lass uns Spaß haben, Baby. Momentan geht sie aber erst einmal den Bach runter.“ Und das meint er genau so, wie er es sagt.