patton, mikeAls einer der produktivsten Sänger der letzten zwei Jahrzehnte hat Mike Patton schon an erstaunlich verschiedenartigen Projekten gearbeitet. Raziq Rauf versucht, nicht den Überblick zu verlieren.

Mike Patton ist einer der technisch versiertesten, vielseitigsten und einflussreichsten Sänger der letzten beiden Jahrzehnte. Was als gewagte Aussage erscheinen mag, aber wenn man die Anzahl verschiedener Projekte in Betracht zieht, an denen der Kalifornier im Lauf seiner Karriere gearbeitet, sowie die Bands, die er beeinflusst, und das Kritikerlob, das er angehäuft hat, lehnt man sich keineswegs zu weit aus dem Fenster.
Er hatte riesigen Erfolg in einem Jahrzehnt bei Faith No More, die als Alternative zu den ebenfalls aus Kalifornien stammenden Funk-Metallern Red Hot Chili Peppers angesehen wurden. Nach der Veröffentlichung von THE REAL THING 1989 – Platin in den USA – begann eine Fehde, als RHCP-Frontmann Anthony Kiedis Patton beschuldigte, seinen Stil zu kopieren.

Heute, mehr als 20 Jahre später, wissen wir, dass es Patton ist, der wirklich unnachahmlich und innovativ ist. Als er mit seiner neuen Band die Charts in aller Welt knackte, lernten Fans seine leidenschaftliche, dynamische Stimme und seine markanten, comichaften Gesichtszüge lieben. Und diese Fans sollten ihm treu bleiben, egal in welche Richtung seine Arbeit sie führen würde. Er forderte ihre Loyalität nie ein, aber bekam sie trotzdem. Sein Antiheld-Gestus gefiel dem Alternative-Publikum, und indem er seine Seele nie dem Teufel namens Mainstream-Radiorock verkaufte, hielt es zu ihm. Wenn das kein echtes Original auszeichnet, muss der Begriff wohl neu definiert werden.

Patton war schon viel mit seiner High School-Band Mr. Bungle aufgetreten – oft in verstörender Kostümierung –, als er bei Faith No More einstieg, hatte aber nur eine Handvoll Demos veröffentlicht. Der britische „Guardian“ bezeichnete sie als „Death Metal-Spaßband, mit der sich Patton und seine Freunde amüsieren“, aber sie wurden so viel mehr. Die beiden Bands schlossen einander nicht aus, und Patton veröffentlichte 1991 das selbstbetitelte Debüt von Mr. Bungle, das von Samples aus David Lynchs „Blue Velvet“ durchsetzt war – der offensichtlichste Hinweis auf seine Filmeinflüsse, die sich bei der Band niederschlugen. DISCO VOLANTE (1995) bezieht sich direkt auf ein Boot aus dem James Bond-Film „Feuerball“, während CALIFORNIA (1999), das dritte und letzte Album der Band, einfach stark von Soundtrack-Musik beeinflusst war.

„Als wir mit dem Schreiben dieser Platte an-fingen, stellte sich heraus, dass wir alle mehr als je zuvor im Songformat schrieben, und wir sagten: ‚Hey, es wäre lustig, eine Platte mit Liedern zu machen.‘ Statt Operetten oder Jazz-Improvisationen oder, na ja, Lärmstücken – wie auch immer du sie nennen willst“, erzählte Patton der Satirezeitschrift „The Orion“.

„Jedes Album ist sein eigenes Universum; wir denken nicht darüber nach, ob es in das Gesamtbild dessen, was Mr. Bungle darstellt, passt oder nicht“, fuhr er in diesem Interview fort. „Jede Platte ist ihre eigene kleine Welt, und du benutzt bestimmte Werkzeuge, um das zu erreichen.“

Patton wurde oft mit Frank Zappa verglichen, obwohl er nur für Gesang, Samples oder Keyboards zuständig war und nie wirklich ein großer Fan war. Die Unzugänglichkeit jenseits aller Genreschubladen ihres Debüts und der Abwechslungsreichtum (oder die Verschrobenheit) des unglaublich harten Nachfolgers wurden bis zum letzten Album CALIFORNIA in Frage gestellt, das dem koventionellen Songformat näher kam als alles zuvor. Mr. Bungle machten keine Hintergrundmusik, und das einzige, was die verwirrende Hakenschlägerei ihrer Musik verband, waren Filme.
Pattons nächstes Projekt waren Fantômas – eine Art Supergroup mit Buzz Osbourne von den Melvins, Trevor Dunn von Mr. Bungle und Dave Lombardo von Slayer. Ihr Modus Operandi bestand darin, Alben um bestimmte Themen herumzustricken – je abstruser desto besser.

fantomas_2001_3Während das selbstbetitelte Debüt von 1999 von italienischen Comics inspiriert war, beinhaltete THE DIRECTOR’S CUT von 2001 eine Sammlung von mehr oder weniger erkennbaren Neuinterpretationen von Filmmusikstücken – bevor sich DELIRIUM CÒRDIA 2004 dem Konzept der Chirurgie ohne Narkose widmete. Im Jahr darauf veröffentlichten Fantômas das 30- Track-Album SUSPENDED ANIMATION, das sich auf die minderen Feiertage des Monats April konzentrierte.

Im Dezember 2008 kuratierte Mike Patton das britische „All Tomorrow’s Parties“-Festival, wo Fantômas das komplette THE DIRECTOR’S CUT-Album spielten, und stellte wieder seine Liebe zum Film in den Mittelpunkt.
Eins ist sicher bei den mehr als 80 Alben, an denen Patton in irgendeiner Form mitgewirkt hat: Er ist die zentrale Figur, der Haupteinfluss und -songwriter darauf. Was ebenfalls seit den frühesten Anfängen klar ist: dass er vor allem ein Vokalist ist, der sich nicht scheut, seine Grenzen immer wieder auszuloten – und zu verschieben. ADULT THEMES FOR VOICE, sein Solodebüt von 1996, ist eine sich über 34 Tracks erstreckende Übung darin, dem Hörer das Leben schwer zu machen. Es gibt keine Lieder an sich – nur einen langen, wechselnden Strom formloser Geräusche aus Pattons Rachen. „Avantgarde“ oder „experimentell“ be-schreibt es nicht mal ansatzweise.
„In den 60ern gab es die Fluxus-Bewegung“, erzählte er kürzlich in einem Interview mit mo-vieweb.com über seine Inspirationsquelle. „Es gab damals viele Klangpoeten, und von ihnen ließ ich mich bei dieser Platte inspirieren. Das war präverbale Sprache … viel Grunzen und Geräusche.“

Im Vergleich zur Komplexität von Mr. Bungle und Fantômas waren Tomahawk fast schon eine „normale“ Band – auch wenn nichts unter der Beteiligung von Mike Patton jemals so bezeichnet werden kann. Diese Band, zu der auch Jesus Li-zard-Gitarrist Duane Denison und Ex-Helmet-Schlagzeuger John Stanier gehörten, trat gerne in Polizeiuniformen auf, um das Publikum zu verwirren und ihm eine Show zu bieten. Doch ob-wohl Pattons Bands live immer alles geben, geht es letzlich doch immer um die Platten.

Peeping Tom von 2006 zum Beispiel. Dieses multikollaborative HipHop/Experimental-Rock-Fusion-Projekt wurde im Studio mit dem berüchtigten Pop-Produzenten Dan The Automator, den Bristoler Experimental-TripHop-Titanen Massive Attack und dem amerikanischen Beatbox-Virtuosen Rahzel geboren. Mit einem anderen Na-men auf jedem der elf Tracks war es das erklärte Ziel, ein exzellentes Album zu machen. Mission erfüllt. Diese Songs live zu spielen, würde sich als logistischer Alptraum mit mehr als einem Dutzend Beteiligter erweisen, aber eine reduzierte Version mit der New Yorker Dub/Rock-Crossover-Band Dub Trio und Rahzel ging dennoch auf Tour.
Es ist belegt, dass schon Material für mindestens zwei weitere Peeping Tom-Alben fertig ge-schrieben ist – ausgelegt als Trilogie und erneut nach einem Film benannt –, doch im Moment wartet es noch auf seine Fertigstellung.

„Das liegt momentan auf Eis“, erklärt er dem Magazin „Prog“. „Ich muss es etwas ordnen und einen richtigen Weg für die nächste Platte finden, denn ich will nicht derselben Formel folgen wie bei der ersten.“

Dan The Automator ist ein beständiger, aber offenbar schwieriger Kollaborator, der auf einer ganzen Reihe von Patton-Projekten vertreten ist, inklusive der Downtempo-TripHop-Combo Lovage von 2001, die nach wie vor existiert, und Crudo, die wie Peeping Tom an einem Scheideweg zu stehen scheinen. Wenn Patton von Projekten erzählt, die nicht zu Ende gebracht werden, ohne dass er etwas daran ändern kann, spürt man einen gewissen Frust. „Ich denke, dass nicht alles, was man aufnimmt, auch das Licht der Welt erblicken muss“, sagt er leicht resigniert. „Ich bin stolz auf die Musik, aber vielleicht soll es einfach nicht sein.“

Im krassen Gegensatz zu seiner Arbeit als Frontmann einer Band oder Kollaborator mit an-deren Musikern oder Autor eines Soloalbums steht die Musik, die ihm am meisten am Herzen liegt: Filmmusik. Mike Patton veröffentlichte letztes Jahr seinen dritten Soundtrack, ein dunkles, fein-sinniges Werk, das weit entfernt ist von dem chaotischen, beißenden Experimental-Metal seiner Bands oder dem soulful HipHop mit Dan The Automator. Wenn Patton an einem Soundtrack arbeitet, muss er sich selbst in den Hintergrund stellen beziehungs-weise sich komplett in die Arbeit anderer vertiefen.

„Ich habe im Lauf der Jahre herausgefunden, dass der Trick beim Komponieren von Filmmusik – und ich hoffe, ich werde etwas besser darin – darin besteht, sich zurückzuhalten und zu begreifen, dass man nur ein kleines Fragment in diesem Riesenmechanismus ist – und die Musik nicht ‚Hier, schau mich an! Schau mich an!‘ schreien kann“, erklärt Patton. „Das ist definitiv eine ganz neue Herausforderung, denn die Musik, mit der ich aufgewachsen bin, dreht sich nur um Schreien und Plärren und soviel Aufmerksamkeit zu erregen wie möglich.“
„Für diese Arbeit ist meine Band im Prinzip der Film oder das Buch, also schreibe ich auch nicht für bestimmte Musiker mit bestimmten Tendenzen oder Fähigkeiten. Ich schreibe alles selbst. Für einen Film wie diesen kam eine Zusammenarbeit mit jemand anderem überhaupt nicht in Frage. Ich musste allein sein und es selbst machen.“

Besagter Film ist „Die Einsamkeit der Primzahlen“, basierend auf einem italienischen Roman von 2008, einer Geschichte über zwei Menschen, die auf ihrem Weg von der Jugend zum Erwachsenendasein alle möglichen Traumata durchleben. Die Grundidee des Buches besteht darin, dass die Hauptfiguren wie ein sogenannter Primzahl-Zwilling sind: Primzahlen, die um den Wert 1 auseinander liegen. Sie stehen einander für immer nah, ohne sich jemals wirklich zu berühren. Ein traurige Theorie, die Pattons reduzierter, atmosphärisch dichter Soundtrack perfekt widerspiegelt.

tomahawk_2003_3„Es waren hauptsächlich nur echte Instrumente“, sagt er über das Album aus seinem Studio in San Francisco. „Ich wollte echte Instrumente in den Vordergrund rücken. Die Melodie sollte wirklich für sich stehen und die Erzählung melodisch sein. Bei ‚Die Einsamkeit der Primzahlen‘ geht es nun mal eben um Einsamkeit, und deshalb wollte ich eine verzweifelte und melancholische Atmosphäre erschaffen.“

Es ist auch keineswegs Pattons erster Kontakt mit italienischer Kultur. Er war sieben Jahre mit einer Italienerin verheiratet, besaß ein Haus in Bologna und spricht die Sprache fließend. 2010 veröffentlichte er MONDO CANE (A DOG’S WORLD), ein Orchesteralbum von Coverversionen italienischer Popsongs aus den 50er und 60er Jahren, einschließlich zweier Stücke von Ennio Morricone – berühmt für seine Soundtracks zu Spaghetti-Western wie „Für eine Handvoll Dollar“. Vor diesem Hintergrund erscheint es weniger seltsam, dass Patton die Filmmusik zur Adaption eines italienischen Bestsellers beisteuerte.

„Die Einsamkeit der Primzahlen“ steht in krassem Gegensatz zu seinem vorherigen Soundtrack, „Crank 2: High Voltage“ – einem Hollywood-Action-Blockbuster von 2009, der sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit abspielt. 32 Klangfetzen spiegeln die Hetzjagd des Films mit harschen Geräuschen und dem Fehlen jeglicher Atempausen adäquat wider.

„Bei ‚Crank 2‘ war nicht wirklich viel Platz für Melodie“, lacht Patton. „Da ging es hauptsächlich um Klang und scharfe Kontraste. Visuell war der Film sehr fordernd, hyperschnell geschnitten und stylisiert. Ich wollte, dass der Soundtrack das rüberbringt.“

Man könnte sagen, dass die kalten Experimentalklänge von „Crank 2“ die perfekte Verbindung seines früheren Muskelkrampf-Rock und seiner Liebe zu Soundtracks darstellen. Es ist das neue Album, das Patton zum echten Original adelt. Angesichts seiner konsequenten Verweigerung des kreativen Stillstands und der kritischen und kommerziellen Reaktion auf seine Arbeit besteht absolut kein Zweifel daran, dass Mike Patton einer der progressivsten Musiker seiner Generation ist. Seine Antwort auf diesen Gedanken ist so amüsant wie durchdacht.
„Man hat mir im Lauf der Jahre schon viele Schimpfwörter an den Kopf geworfen. Prog? Ich habe schon Schlimmeres gehört“, lacht Patton. „Ich sehe mich nicht wirklich als Teil von irgendeinem Genre und denke, das ist wohl die gesündeste Sichtweise für einen Künstler. Alles was ich mache, ist wohl ein bisschen ein Mischmasch und ein bisschen ein Freak-Hybrid, und wenn Leu-te das so oder so bezeichnen wollen, stört mich das nicht im Geringsten, solange sie interessiert sind.“

Solange Mike Patton weiter innovativ bleibt und sich fortentwickelt, steht nicht zu befürchten, dass man sich in absehbarer Zukunft von ihm abwendet.