MonsterMagnet_Dave3 @ MarkWeiss_bearbÜberdosis, Schreibblockade, Vulkanausbruch, Verhaftung — der Weg zu Monster Magnets achtem Album war kein leichter, aber ein lohnender: Mit mitreißendem Classic-, Space-, Southern-, Stoner- und Stadion-Rock präsentiert das Werk namens MASTERMIND Dave Wyndorf als wiedererstarkten Komponisten und Sänger.

Die Frühphase hätte besser nicht laufen können: Nachdem David „Dave“ Albert Wyndorf zwischen Weihnachten und Silvester 2009 das komplette MASTERMIND-Album in Acht- bis Zwölf-Stunden-Schichten geschrieben hatte, studierten er, Gitarrist Ed Mundell, Bassist Jim Baglino und Schlagzeuger Bob Pantella die neuen Songs in sechs Tagen ein und nahmen ihre Instrumentalspuren innerhalb eines Monats auf. „Die Jungs waren unglaublich gut. Ich verlangte viel, doch statt Ermüdungserscheinungen zu zeigen, funktionierten sie wie ein Uhrwerk“, lobt Wyndorf per Telefon aus dem heimischen New Jersey. „Ich sprang auf und ab und rief immer wieder Beispiele in den Raum: ,Ich brauche Ian Paiste, Hawkwind, Sabbath, Ace Frehley, Gene Simmons!‘“

Dann aber brach eine Welle von Problemen los: Als die Gesangsaufnahmen anstanden, hatte Dave noch kein einziges Wort zu Papier gebracht. „Am Schreibtisch ging nichts mehr“, erinnert sich Monster Magnets Chef an den Beginn einer dreiwöchigen Blockade. „Mir half erst die Faszination, in einem Hotelzimmer von Informationsgewinnungs-Geräten wie Fernseher, Computer, iPad und iPod umgeben zu sein, während ich selbst nicht in der Lage war, Informationen abzugeben. Diesen Gegensatz machte ich mir zu Nutze und beschrieb meine Emotionen – egal, ob ich mich einsam oder entfremdet fühlte, meine Freundin vermisste oder an kürzlich verstorbene Verwandte dachte. Ich hörte Alice Cooper, sah fern, durchstöberte Online-Comics, surfte im Netz, las Bücher und Zeitschriften. Ich bin ein Bilder-Junkie.“

Nächste Hürden folgten auf dem Fuß: Während Wyndorf auf fertigen Tönen und Science-Fiction-, Sex- und Rausch-Texten saß, hielt ein Aschewolken spuckender Vulkan Produzent Matt Hyde in Finnland fest. Kaum war der nach vier Wochen zurückgekehrt, wurde Dave in Los Angeles verhaftet – für „schweren Autodiebstahl“.

„Ich hatte keinen Schimmer, warum – bis mich die Polizisten aufklärten: Ich hatte vergessen, einen Mietwagen zurückzugeben“, lacht er dreckig-empört. „In Sondereinsatzkommando-Manier stürmten sie mit Pistolen im Anschlag auf mich zu, kesselten mich mit einem Hubschrauber und mehreren Autos ein, warfen mich bäuchlings zu Boden, legten mir Handschellen an und steckten mich in eine Zelle – wie in einer bescheuerten Fernsehsendung.“

Wyndorf spricht klar, versieht Ausführungen mit viel Witz und Anekdoten eines bewegten Lebens: Er erinnert sich genau daran, wie seine Rock-Liebe von Hawkwind, MC5, Stooges, Pink Floyd, Ramones und Jimi Hendrix entfacht wurde, an Siebziger-CBGB-Auftritte mit den Punks Shrapnel und 21 Monster Magnet-Jahre. Konträr zu Ozzy Osbourne oder Ex-Guns N’Roses-Bassist Duff McKagan artikuliert sich der Vater einer Tochter trotz einer exzessiven, laut Eigenaussage in den Siebzigern begonnenen und 1995 beendeten Drogen-/Alkoholkarriere störfrei. Doch obwohl sein Marihuana-, LSD- und Kokain-Verlangen manche Dealer-Rente gesichert haben dürfte, behauptet der „Drug-Rocker“, selbst in wildesten Zeiten sei kein Monster Magnet-Stück im Rausch entstanden. „Ich hatte es zwar versucht, doch ganz ehrlich: Am Folgetag fand ich die Aufnahmen jedes Mal einfach nur misslungen“, sagt der Musiker, der sich einst im Tourbus ausschließlich von Bananen, Wasser, Wodka und Illegalem ernährte. „So sehr ich es mir wünschte: Drogen funktionierten als kreative Richtungsweiser kein einziges Mal. Sie ermöglichten lediglich, im Nachhinein über in diesen Situationen Erlebtes zu schreiben.“

Am 27. Februar 2006 bekam Wyndorf die Quittung für seine halluzinöse Vergangenheit: eine Schlaftabletten-Überdosis. Jene Nahtod-Erfahrung hatte er bereits 2007 auf 4-WAY DIABLO thematisiert, die Erholung von ihr dauerte jedoch weitaus länger. „Ich nahm nie Drogen, um zu feiern. Ich nahm sie, um zu schlafen“, analysiert er. „In meinen Vierzigern war ich ein Mann, der nicht schlafen konnte, aber jeden Abend auf der Bühne singen musste.“

Zu dieser Zeit kämpfte Daves Körper gegen den Schlafmangel an und machte es ihm unmöglich, so herumzuschreien und -springen, wie er es jahrelang getan hatte. Den Griff zu den Schlaftabletten bezeichnet er rückblickend als „Versuch, natürliche Warnzeichen zu verdrängen. Mein Drogenkonsum hatte eine nervöse Depression verursacht, die wiederum zu der Überdosis führte. Ich hatte beinahe vergessen, auf normale, natürliche Weise genießen zu können, mir angewöhnt, alles in negativem Licht zu betrachten. Meine kindliche Natur lag unter Langeweile und Überdruss begraben. Ich fühlte mich älter, als ich war – wie ein Griesgram, der glaubt, alles schon gesehen zu haben. Nach dem Kollaps kehrte Freude zurück – schlicht darüber, am Leben zu sein. Es klingt dämlich, aber: Ich freute mich plötzlich, nach dem Aufstehen Vögel beobachten zu dürfen, begann, wie verrückt zu lesen: Bücher waren für meine Hirn-Reaktivierung wichtiger als sämtliche Reha-Maßnahmen. Es war, als sei ich wieder 17 – wenn man merkt, wie viele coole Bücher, Alben und anderes Zeug auf Entdeckung warten. Heute fühle ich mich rundum stärker.“

Jüngste Festival-Auftritte und MASTERMIND belegen dies: Wyndorfs Stimmbänder klingen 2010 deutlich voluminöser, neue Kompositionen treibender und muskulöser als zu MONOLITHIC BABY- und 4-WAY DIABLO-Zeiten. Seine Dämonen (hoffentlich endgültig) verabschiedet, blickt er positiv in die Zukunft, möchte auf Monster Magnets Winter-Tournee „so viele MASTERMIND-Songs wie möglich“ unter Publikumslieblinge wie ›Space Lord‹ und ›Negasonic Teenage Warhead‹ mischen, eine 7’’-Serie starten und „irgendwann“ ein Soloalbum verwirklichen. Seine Comic-Faszination und die Möglichkeit, mit 54 Jahren weiterhin den Globus im Zeichen des Rock zu bereisen, helfen ihm, jugendliche Spitzbübigkeit zu bewahren und ein Stück weit Kind zu bleiben. „Rock’n’Roll erfüllt Wünsche, von denen doch jeder Teenager träumt: Du kannst noch so hässlich und fett sein: Als Mitglied einer Rockband triffst du haufenweise Mädchen und darfst alle Fantasien ausleben“, strahlt Dave über den Atlantik. „Besonders Glückliche werden sogar dafür bezahlt – es gibt kaum etwas Besseres. Ich bin für dieses riesige Privileg immer noch sehr dankbar, wenn auch nicht auf so unrealistische Art wie in meinen Dreißigern. Ich wache jeden Tag auf und führe mir meine glückliche Situation vor Augen: Ich darf Musik erschaffen und kann sogar davon leben.“