sacred-mother-tongue-bandAuf ewig unterschätzt: zweimal kurz vor dem Durchbruch, dennoch kaum Ruhm. Dafür aber Top-Songs.

Fies, gemein und hinterhältig kann das Leben sein: Da versteht eine Formation wie Mother Tongue seit nunmehr genau 20 Jahren ihr grundsolides Handwerk, sorgt auch für Innovation – und doch bleibt ihr der eigentlich zustehende Erfolg mit globaler Breitenwirkung schlicht versagt. Beim gut gefüllten Gastspiel in der Frankfurter Batschkapp wirkt das Quartett aus Los Angeles dennoch, als hätte es sich mit seiner suboptimalen Situation mittlerweile prächtig arrangiert. Nur ganz selten strahlen Bands so viel spielfreudigen Optimismus aus wie Mother Tongue. Mindestens ebenso selten gestattet eine Formation den Fans ein Mitspracherecht in Sachen Setlist. „Was sollen wir spielen?“, fragt Bassist und Sänger David „Davo“ Gould freundlich in die Runde und erntet ein undefinierbares Stimmengewirr als vielfältige Antwort. An fest umrissene Songs halten sich Mother Tongue, die sich von 1996 bis 2000 auch mal getrennt hatten, ohnehin nicht. Lieber unterhalten Gould, Schlagzeuger Sasha Popovic und die Gitarristen Bryan Tulao und Christian Leibfried mit offenen Improvisationen und Fragmenten aus umfangreichem Repertoire. Nicht flöten geht bei der konzertierten Aktion der ursprüngliche Ansatz von Mother Tongue: als Katalysator unterschiedliche Genres wie Blues, Rock, Soul, Funk, Jazz und Psychedelic unter einen Hut zu bringen. Aber es zählt auch der spontane Moment. Etwa wenn Gitarrist Bryan Tualo gepackt wird von prickelnder Atmosphäre. Dann stürzt sich der begnadete Virtuose mal eben in eine minutenlange Attacke im Stil seiner Vorbilder Jimi Hendrix und Randy California, früher Weggefährte von Hendrix, der einst bei der ebenfalls stets unterschätzten Band Spirit das Regiment führte. Schon erstaunlich, wie die Bandmitglieder, die sich allesamt parallel zum Musikerdasein ein zweites Standbein in bürgerlichen Berufen geschaffen haben, mit der eigenen Entwicklung zurechtkommen. Das Quartett stand zwei Mal kurz vor dem ganz großen Durchbruch: Mitte der neunziger Jahre und dann noch einmal nach der Reformierung. Was als Resümee zum 20. Jubiläum bleibt, ist die Tatsache, dass eine außergewöhnlich eigenständige Formation, sich nach wie vor unnachahmlich trefflich einbringt. Für die eingefleischten, zum Teil von weit her angereisten Fans halten Mother Tongue noch eine Überraschung parat: Statt gewohnter 90 Minuten gönnt sich die Truppe ein Sonder-Intermezzo bis um Mitternacht.