Motörhead 2010_Lemmy @ Robert John (7)Dass Lemmy Kilmister 65 Jahre alt werden würde, damit hätte wohl niemand gerechnet – am wenigsten er selbst. Doch am Weihnachtstag ist es tatsächlich so weit. Und kurz vor seinem Geburtstag hält der Motörhead-Boss noch eine weitere Überraschung bereit: Das 20. Album seiner bewegten Riff-Karriere bietet tiefe Einblicke in eine Welt, die längst nicht nur aus Sex, Drugs & Rock’n’Roll besteht, sondern in der auch Platz für Gesellschaftskritik und gesteigerten Kulturpessimismus ist.

Lemmy, dein neues Album trägt den Titel THE WORLD IS YOURS. Das klingt reichtlich kämpferisch, findest du nicht?
(zufriedenes Grunzen) Ich mag die Formulierung. Sie stammt aus „Scarface“, einem meiner Lieblingsfilme. Und zunächst habe ich mich gefragt, ob das nicht ein bisschen zu auffällig ist. Aber dann dachte ich mir: „Wird schon okay sein, der ist schließlich nicht erst gestern erschienen!“ Also: Wer weiß, ob das überhaupt jemand merkt.

Wobei es in den Songs einmal mehr um deine favorisierten Themen geht: Politik und Religion bzw. deren negative Auswirkungen auf die Menschheit…
Das sind nicht meine favorisierten Themen, sondern die, bei denen ich mich dazu berufen fühlte, über sie zu reden – weil sie so abgefuckt sind. Religion ist ja nichts anderes als Politik: nämlich völlige Gedankenkontrolle. Sprich: Der Versuch, dich am Denken zu hindern, damit du nur tust, was das Establishment von dir verlangt. Und das funktioniert immer noch. Selbst im 21. Jahrhundert und in einer Welt, die ja angeblich so fortschrittlich sein soll. Nimm nur diesen verfluchten George Bush – was für ein Arschloch! Er hat die Attentate vom 11. September dazu benutzt, um die Hälfte der amerikanischen Grundrechte auszuhebeln. Also kein ›Habeas Corpus‹ mehr (ein Grundsatz, der besagt, dass freiheitsentziehende Maßnahmen ohne richterliche Anordnung unzulässig sind – Anm.d.Red.). Sie können dich einfach so in den Knast sperren und den Schlüssel wegwerfen. Dazu müssen sie nur als Begründung sagen: „Es ist zum Schutz vor dem internationalen Terrorismus!“ Und die Leute wehren sich nicht einmal dagegen. Früher hat man rebelliert! Aus genau diesem Grund sage ich: Es gibt zu viel Kontrolle.

Wie denkst du über die aktuelle Tea Party-Bewegung – entspricht das nicht dem Widerstand, den du dir wünschst?
Oh nein! Das sind nur ein paar Verrückte! Aber die hat es in Amerika schon immer gegeben, denn das Land ist nun mal extrem – im Grunde sogar der durchgeknallteste und konservativste Ort auf Erden. Was schon ziemlich bizarr ist…

Und Kalifornien ist demnach so etwas wie eine liberale Enklave oder Blase?
Ich würde Kalifornien eher als Würfel bezeichnen. (kichert) Es ist gerade in seiner kubistischen Phase. Aber ansonsten gilt da genau dasselbe. In einigen Gegenden ist es ultrakonservativ, in anderen gibt es nur Freaks. Diese Dichotomie existiert überall in den USA.

Und trotzdem fühlst du dich dort noch immer wohl?
Nun, ich mag Freaks. Und wo wären wir, wenn wir niemanden hätten, über den wir uns aufregen könnten. (grinst) Oder? Stimmt doch.

Dabei hattest du vor kurzem die Möglichkeit, selbst in die Politik einzusteigen, was scheinbar nicht so recht geklappt hat…
Die konservative Partei in Wales hatte mich eingeladen, vor der Nationalversammlung aufzutreten, also dem Parlament, und über Drogen zu reden. Sie hatten gelesen, dass ich Heroin hasse. Und das tue ich auch. Doch sie dachten, dass ich mehr Polizeikräfte und strengere Gesetze fordern würde. Das tat ich aber nicht. Sondern meine Aussage war: „Ihr solltet es legalisieren, dann würde es seinen Reiz verlieren.“ Was ihnen natürlich nicht gefallen hat – auch, wenn es stimmt. Aber sie hätten mir ohnehin kein Amt übertragen, niemals. Ganz abgesehen davon, dass ich auch schon genug Mist um die Ohren habe – ohne mich um Politiker kümmern zu müssen.

Das Ende deiner politischen Karriere?
Mehr oder weniger. Aber hey: So kann ich mich wenigstens auf die Musik konzentrieren. (nimmt einen großen Schluck Whiskey-Cola)

Wobei du auf dem neuen Album zwar harten, lauten, aber auch ziemlich altmodischen Rock ’n’Roll servierst. Also das, was man gemeinhin als „Classic Rock“ bezeichnen würde…
Kein Wunder: Wir sind eine Rock’n’Roll-Band – das waren wir schon immer und werden es auch immer sein. Wir spielen keinen Heavy Metal. Ich finde es lustig, dass wir als Metaller bezeichnet werden. Dabei sind wir nur in dieser Schublade gelandet, weil wir ähnliche Frisuren tragen. Doch passen wir nirgendwo rein, denn wir machen Motörhead-Musik, das ist alles. Genau wie Slayer eben Slayer-Musik machen. Das ist es, wonach du bewertet werden solltest, statt in irgendein verfluchtes Genre gesteckt zu werden.

Was du ja jeden Abend auf der Bühne betonst.
Schon. Nur: Vielleicht sage ich das auch zu oft – und es nimmt keiner mehr ernst. Dabei liegen meine Wurzeln definitiv bei Künstlern wie Chuck Berry. Das ist es, wo ich musikalisch herkomme – Chuck und der Blues. Aber auch Little Richard.

Hast du Little Richard eigentlich als Jugend­licher live erlebt, also in seiner Blütephase?
Nein, erst vor kurzem. Und er ist heute richtig Scheiße. Er spielt vier Takte von ›Good Golly Miss Molly‹ und fängt dann an, Bibeln zu verteilen und über seine Kindheit zu reden. Mann, das ist wirklich das Letzte, was ich von ihm brauche. Da lese ich lieber seine Biografie ›The Quasar Of Rock‹. Die ist nämlich richtig gut. Ich kann sie wirklich empfehlen, auch wenn sie schwer zu finden ist.

War das damals eine bessere Zeit?
Das war ein anderer Planet! Einfach, weil man noch nicht so mit Informationen bombardiert und zugemüllt wurde. Alles beruhte auf Mundpropaganda, dadurch hatte es etwas Geheimnisvolles. Das finde ich viel spannender als diesen völligen Informations-Overkill, der heute herrscht. Deshalb würde ich auch sagen: Das Internet ist ein Fluch. Die meisten Leute haben es nur noch nicht begriffen.

Und die Musik ist dadurch auch nicht besser geworden, oder?
Garantiert nicht. Es gibt keinen Konkurrenzkampf mehr, weil letztlich alles gleich klingt. Was auch daran liegt, dass die Plattenfirmen nur noch Kopien von dem wollen, was gerade erfolgreich ist. Nur: Die sind sowieso bald weg vom Fenster. Ich schwöre dir: In den nächsten fünf Jahren werden sie so gut wie verschwunden sein, weil sie mit diesen Downloads gar nicht überleben können. 99 Cents für einen verfluchten Track – wer kann davon leben? Und die meisten Leute kaufen auch keine Alben mehr, weil da ohnehin nur zwei gute Stücke drauf sind. Was eine Schande ist. Ich höre nach wie vor Alben, meistens auf CD. Am schönsten finde ich aber nach wie vor Vinyl. Ein tolles Format. Da kannst du we-nigstens noch lesen, was auf dem Cover steht – heute brauchst du dafür eine verdammte Lupe.

Sammelst du noch Vinyl?
Ich hatte mal über 1.000 Singles, aber die sind mir gestohlen worden. Und die Platten, die nicht von den Dieben mitgenommen wurden, haben dabei Kratzer abbekommen. Ich konnte sie also nicht mehr abspielen, und seitdem hab ich mit dem Sammeln aufgehört. Vinyl gibt es ja kaum noch. Deshalb besitze ich auch keinen Plattenspieler mehr. Ganz abgesehen davon, dass ich zu faul zum Um-drehen bin. Das ist dieses Couch-Potato-Ding.

Das klingt verdammt nach gesteigertem Kulturpessimismus.
Aus gutem Grund: Früher war wirklich alles besser. In den Sechzigern und Siebzigern gab es weniger Regeln – heute bekommst du ständig gesagt, dass du dies oder das nicht machen darfst.

Würdest du wieder eine Rockband gründen, wenn du heute jung wärst?
Ja, denn der Kern einer Band ist immer noch dieselbe wie damals. Du willst raus auf die Bühne. Dafür tust du alles – du würdest sogar töten, wenn’s nötig wäre. Denn du bist geil auf den Applaus, die Anerkennung und die Mädchen. Es geht nicht um hochtrabende Botschaften. Du willst einfach nur flachgelegt werden.

Was ist mit all den Künstlern, die sich für Weltfrieden, Umweltschutz und Menschenrechte einsetzen?
Oh ja, dieses ganze blöde Blabla. Alles Mist. Jeder, der anfängt Musik zu machen, will damit Mädchen rumkriegen. Natürlich kann es passieren, dass du irgendwann die Lust daran verlierst. Oder dass du eines von diesen Mädchen heiratest – wodurch du dann wirklich den Spaß an der Sache verlierst. (lacht)

Weil Beziehungen das Ende der Liebe sind, wie du es formulierst?
Nichts tötet eine Beziehung mehr als enge Verbundenheit. (lacht) Das stimmt. Sobald du bei ihnen einziehst, war’s das. Dann gibt es keine Blowjobs mehr, sondern nur noch Missionarsstellung – einmal die Woche. Wenn du Glück hast.

Sagt der Mann, der angeblich 2.000 Frauen hatte?
Nein, es waren nur 1.000.

Womit du deinen eigenen Mythos zerstörst.
Ich habe immer gesagt, dass es 1.000 waren – die Zeitungen haben daraus 2000 gemacht. Obwohl: Wenn du ein bisschen darüber nachdenkst, ist das eigentlich gar keine so unnatürliche Zahl. Ich habe im Alter von 17 mit dem Rumvögeln angefangen, und ich war ja auch nie verheiratet. Wenn man die 1.000 Frauen auf all die Jahre umlegt, kommt man auf rund eine pro Woche. Also keine absurde Zahl.

Darf man fragen, warum du nie geheiratet hast?
Weil ich nie das Mädchen gefunden habe, das dafür sorgt, dass ich aufhöre, den anderen hinterherzuschauen…

Richie Sambora
(Bon Jovi)

„Er ist ein cooler Typ. Nur schade, dass er und die ge-samte Band nie die Auf-merksamkeit bekommen, die sie verdienen. Dabei haben sie ein gesamtes Genre kreiert – und zwar völlig alleine. Denn seien wir ehrlich: Was wäre der Speed Metal ohne Motörhead? Ich war völlig von der Rolle, als ich sie das erste Mal gehört habe. Und dann traf ich Lemmy, diesen ruhigen Typen, der Shakespeare liest. Das ist so ein Widerspruch, einfach unglaublich. Wenn du mit ihm abhängst, ist er ganz still. Aber sobald er auf die Bühne geht, dreht er voll auf.“

Ozzy
Osbourne

„Lemmy schickt mir immer beste Grüße zum Geburtstag. Eben ein wirklich netter Typ. Er ist sehr bodenständig – und ein wirklich guter Freund von mir. Aber: Keine Ahnung, warum er überhaupt noch atmet. Ich habe ihm schon ein paar Mal gesagt: ,Du solltest deinen Körper der Wissenschaft spenden!’ Und ich erinnere mich, dass ich ihn in seinem Apartment in Los Angeles besucht habe, in dem er all diese Flaggen, Nazi-Devotionalien und Militärsachen aufbewahrt. Da sieht es aus wie in einem gottverdammten Museum! Und als ich das erste Mal da war, standen vielleicht drei oder vier leere Bourbon-Flaschen auf dem Fensterbrett. Beim nächsten Mal waren es schon zehn. Und danach immer mehr. Also meinte ich zu ihm: ,Lemmy, entschuldige bitte die Frage, aber sammelst du vielleicht leere Bourbon-Flaschen?’ Und er: ,Ich habe irgendwo gelesen, dass es in Amerika 133 verschiedene Sorten gibt. Also dachte ich mir: Probiere ich sie einfach mal aus!’“

Dave Grohl
(Foo Fighters)

„Du kannst kein echter Rock ’n’Roll-Fan sein, wenn du nicht auf Motörhead stehst. Das ist zumindest meine Meinung. Ich hatte die Gelegenheit, ein paar Mal mit ihm abzuhängen und einige Songs mit ihm aufzunehmen. Insofern kann ich mit Stolz sagen: Wenn ich einen Helden habe, dann Lemmy. Eine Menge Leute halten Keith Richards für den ultimativen Rock’n’Roller. Doch da bin ich mir nicht so sicher. Wenn du ein paar Tage mit Lemmy verbringst, erkennst du: Der lebt, was er tut. Da ist alles echt. Er ist die Nummer eins – die überzeugendste Rock’n’Roll-Persönlichkeit, die ich je getroffen habe. Mann, ich liebe Lemmy!“

Bruce Dickinson
(Iron Maiden)

„Es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt! Und er ist ein viel besserer Bassist, als die Leute glauben. Sie scheinen oft zu vergessen, was für ein guter Musiker er ist. Wobei er natürlich immer im Schatten seiner größten Performance als Sänger stehen wird – nämlich der von Hawkwinds ›Silver Machine‹.“

Jack White
(The White Stripes)

„Ich mag seine Gesangstechnik: eben von unten nach oben, wobei das Mikro in fast unerreichbarer Höhe hängt. Ich glaube nicht, dass das vor ihm schon mal jemand gemacht hat. Und ich finde das wirklich originell.”

Jonathan Davis (Korn)

„Ich finde, Lemmy ist der Wahnsinn! Ich habe unglaublichen Respekt vor ihm. Er macht das schon so lange – und immer auf seine Weise. Was soll man dazu sagen? Es ist einfach toll. Motörhead sind die Größten!“

Serj Tankian

„Er sieht keinen Tag älter aus als 65 Jahre! (lacht) Und ich finde: Er ist toll! Eben ein einmaliger Typ, der immer noch diesen Lebenswandel führt und diese Art von Musik spielt. Das macht ihm so schnell keiner nach. Das letzte Mal, dass ich ihn getroffen habe, war Ende 2007 bei den MTV Music Awards in Las Vegas. Wir hatten einen Drink – oder zwei. Ich könnte mir durchaus vorstellen, irgendwann mal einen Song mit ihm aufzunehmen.“

Paul Smith
(Maximo Park)

„Lemmy war schon immer ein Charakter-Kopf. Das lässt sich nicht anders sagen. Und jedes Mal, wenn ›Ace Of Spades‹ in irgendeinem Club läuft, muss man darauf einfach reagieren. Außerdem war Lemmy ja Mitglied von Hawkwind. Insofern hat er der Rock-Musik durchaus einen wichtigen Dienst erwiesen. Aber er hat auch einen merkwürdigen Militär-Tick, was sehr beängstigend ist. Egal: Ich wünsche ihm alles Gute! Kaum zu glauben, dass er es soweit geschafft hat – das ist wirklich eine handfeste Überraschung!“