Muse NEUWer dachte, mit THE RESISTANCE hätte sich das Kollektiv um Matthew Bellamy endgültig in die Liga der Coldplays und U2s gespielt, sieht sich getäuscht: Ihr sechster Streich THE 2ND LAW proklamiert vielmehr die Rückkehr der Rocknerds, die auf Beach Boys und Queen stehen, auch mal mit Skrillex flirten und einen Haufen wilder sozio-politischer Ideen haben. Eben Wölfe im Schaafspelz, die nebenher die olympische Fackel tragen, Elektroautos fahren und Kinder namens Bingham zeugen. Noch Fragen?

Das Ambiente ist gediegen: Muse und ihr Tross aus Management, Plattenfirma und persönlichen Assistenten residieren im Schlosshotel im Grunewald, einer der exklusivsten Adressen der Hauptstadt. Was nicht nur während der Fashionweek ein kleines Vermögen kostet. Doch Muse sind schließlich Rockstars, die von ihrem letzten Werk THE RESISTANCE drei Millionen Exemplare umgesetzt und die größten Hallen der Welt gefüllt haben. Da lässt ihr Label schon mal ein paar Suiten springen, in denen sonst Karl Lagerfeld oder Mick Jagger residieren, und organisiert Pressetermine im mondänen Kaminzimmer, das an den Spiegelsaal von Versailles erinnert. Was bei Matthew Bellamy für dezente Irritation sorgt. „Was ist das hier für ein Laden?“, fragt er nach kurzer Begrüßung. „Ich habe schon viel gesehen, aber das ist fast ein bisschen too much“, spricht´s und lässt sich in einen schwarzen Ledersessel plumpsen, in dem das zierliche, kleine Männchen aus dem britischen Teignmouth regelrecht versinkt. Denn der 34-Jährige ist spindeldürr, wenn nicht klapprig, und auch sonst alles andere als der typische Rockstar. Dafür ist er zu nett, redet viel zu offen und besitzt einen gesunden Humor, der vielen Kollegen spätestens nach dem ersten Grammy abgeht – weil alles nur noch big, big Business ist.

Ganz anders Bellamy. Der ist zwar seit 2010 mit Hollywood-Darling Kate Hudson liiert, gerade Vater eines kleinen Jungen mit dem denkwürdigen Namen Bingham geworden und hat die offizielle Hymne zu den olympischen Spielen komponiert, kommt aber immer noch ohne Star-Allüren aus. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal eine Familie gründen und die Hälfte des Jahres in Los Angeles leben würde. Das ist ein Traum. Und ich weiß das sehr wohl zu schätzen. Gleichzeitig habe ich mich aber kaum verändert – weil ich darauf achte, mich nicht von meiner Umgebung korrumpieren zu lassen, sondern an dem festzuhalten, was mir wichtig ist. Ich werfe meine Ideale nicht für eine Handvoll Dollar und einen Swimming-Pool in Beverly Hills über Bord. Und ich liebe Kate nicht, weil sie ein Filmstar ist, sondern ein toller Mensch.“ Der ihn mittlerweile auf allen Reisen begleitet. Außer in Berlin: „Sie hat sich entschieden, in Paris zu bleiben und shoppen zu gehen. Was mir die Gelegenheit gibt, einen netten Tag mit den Jungs zu verbringen.“ Und mit einem Haufen Pressevertretern, die hier und heute die Weltpremiere des kommenden, sechsten Muse-Albums THE 2ND LAW erleben. Das wird in einem Konferenzraum unter strenger notarieller Aufsicht vorgespielt und birgt eine Reihe von Überraschungen. Angefangen beim Gesangs- und Songwriting-Debüt von Bassist Christopher Wolstenholme, der wie ein junger Brian Wilson klingt, über deutliche U2-Momente in Songs wie ›Follow Me‹ und ungenierte Queen-Anleihen in ›Big Freeze‹, bis hin zu lupenreinem Dubstep, mit dem Muse auf den Spuren von Skrillex und Dangermau5 wandeln. Was Matt zumindest ein bisschen in Erklärungsnot bringt. „Wir lieben es einfach, zu experimentieren und Sachen zu probieren, die man nicht unbedingt von uns erwartet“, setzt er mit breitem Grinsen an. „Ich meine, was wäre langweiliger, als sich einfach auf das zu verlassen, was schon beim letzten Mal funktioniert hat? Das wäre mir zu wenig – und den Fehler begehen viel zu viele Bands. Sie halten sich an einer bestimmten Formel fest, und wollen lieber das wiederholen, was sie schon einmal erreicht haben. Deshalb gehen sie auch keine Risiken ein. Wozu die Musikindustrie ihren Teil beiträgt, indem sie ihren Künstlern auch gar nicht mehr die nötige Freiheit lässt. Sondern ein Ansatz muss bis zuletzt ausgereizt werden. Und das ist eine Sache, bei der wir nicht mitspielen. Zum Glück sind wir in einer Position, in der wir uns das leisten können. Wir verkaufen genug CDs, um unsere Vorstellungen durchdrücken zu können – was nicht heißt, dass es nicht immer noch ein gewisser Kampf ist. Gerade im Bezug auf die Dubstep-Nummern.“

Die, so betont Matt, nichts mit dem aktuellen Hype aus Amerika zu tun hätten, sondern vielmehr das reflektieren, was seit fast fünf Jahren in britischen Clubs läuft – und was er auch privat hört. „Ich weiß, dass jetzt viele meinen, wir würden hier Skrillex kopieren. Aber Tatsache ist: Das ist eine Sache, die inzwischen so etwas wie der neue Punk oder der neue Heavy Metal ist. Einfach, weil die Musik immer Rock-orientierter wird, und weil es bei den Konzerten einen Moshpit gibt, gegen den Slipknot-Konzerte wie ein Kaffeekränzchen wirken. Schaut euch mal an, was da abgeht. Also da würde ich mich nur in Nahkampfmontur reinwagen. Der Wahnsinn!“

Und die Bono- und Queen-Referenzen? „Wir waren 2011 mit U2 in Südamerika, und wahrscheinlich hat das ein bisschen abgefärbt – weil wir die Band wirklich mögen und weil ACHTUNG BABY eines der besten Alben aller Zeiten ist. Und was Queen betrifft: Das ist definitiv eine unserer Lieblingsbands, schon immer gewesen. Denn sie sind nie stehen geblieben, sondern hatten immer den Mut, etwas anderes zu probieren – zum Beispiel jede Menge elektronische Sounds. Insofern sind wir wahnsinnig stolz, dass sie uns als ihre Nachfolger bezeichnen. Das ist eine unglaubliche Ehre. Zumal Brian May wirklich einer der besten Gitarristen der Welt ist. Und die Tatsache, dass viele meiner Soli an ihn erinnern, kommt nicht von ungefähr: Man kann es gar nicht besser machen.“

Weshalb Matt auf der kommenden Welttournee, die im Oktober startet, auch auf den einen oder anderen Gastauftritt der Altmeister hofft. „Das wäre das Größte. Zumal wir diesmal keine wackeligen Türme dabei haben, auf denen wir spielen, sondern wir stehen auf dem Bühnenboden und setzen verstärkt auf Videoprojektionen. Das muss reichen. Beim letzten Mal war es einfach zu viel. Es gab so viele Spinal Tap-Momente, dass es nicht mehr lustig war. Also in dem Sinne, dass die Hydraulik versagte, und wir da oben festhingen oder beinahe umgekippt wären. Was in der Höhe tödlich enden kann. Aber hey: Was wäre das Leben ohne Risiko?“, spricht´s und schlürft ein 5-Euro-Mineralwasser mit Blick auf den Sommergarten…