rateliffEin buschiger Bart überwuchert die Hälfte seines Gesichts, Brusthaar quillt aus dem offenen Hemd, verschmitzt blinzeln seine kleinen Augen. Der Mann aus Denver wirkt wie ein gut gelaunter Bär. Zu Beginn unseres Interviews nimmt Nathaniel Rateliff einen Schluck Whiskey, „der löst die Zunge“, lacht der 35-Jährige. Der Singer/Songwriter ist ein sinnlicher Typ, „gutes Essen und gute Musik machen die Leute glücklich – und ich mag es, Leute glücklich zu machen.“ Als Koch würde er sich hingegen nicht bezeichnen, auch wenn er öfter in Küchen gejobbt hat. „Ich mache seit zwanzig Jahren Musik, aber das hat lange Zeit so ausgesehen, dass ich abends ein Konzert spielte und morgens zurück in meinem Job ging“, erinnert er sich an vergangene Zeiten.

Rateliff war Teil von diversen Bands, doch momentan ist er als Solo-Artist unterwegs. Später am Abend wird er im Berliner Ramones Museum, wo er CLASSIC ROCK das Interview gewährt, ein Konzert geben. Auf seinem aktuellen Album FALLING FASTER THAN YOU CAN RUN wirkt seine aktuelle Band mit, nach Europa flog er indes allein. Ursprünglich stammt Nathaniel aus dem ländlichen Missouri, „wo es immer noch eine Menge Rassismus gibt“, stellt er trocken fest. „Ich komme aus ärmlichen Verhältnissen. Das hat einen Vorteil, ich habe keine Angst, wieder arm zu werden. Meine ökonomischen Erwartungen sind nicht besonders hoch, stattdessen bemühe ich mich, Dinge um mich zu haben, die lange halten.“

Mit dieser nachhaltigen Einstellung gingen Rateliff & Band auch an ihr jüngstes Album. Es beeindruckt durch seinen tiefen, weiten Raumklang und offene Arrangements, die Wärme verbreiten. „Diese Scheibe kann man über Kopfhörer hören, das ist oftmals der beste Weg, Musik zu erfahren. Manchmal gehe ich spazieren und setze meine Headphones auf. Allerdings leben wir in einer Kultur, in der die Leute nicht mehr aufmerksam sind. Die Menschen sind mit ihren Gedanken, Mobiltelefonen und Computern beschäftigt“, hat er notiert und macht keinen Hehl aus seiner Ansicht, dass „Multi-Tasking“ schlicht nicht funktioniert.

„Die neuen Songs kamen auf Tour zu mir. Ich fühlte mich einsam. Ich hatte viele grandiose Pläne, die ich überdenken musste, das bringt das Alter so mit sich“, sagt er zum roten Faden der Lieder von FALLING FASTER THAN YOU CAN RUN. „Sämtliche Songs handeln von mir, allerdings habe ich das manchmal ein bisschen verschleiert. Die eingängigste Nummer ist vielleicht ›Nothing To Show For‹, eigentlich ein kleiner Joke und eine Antwort für die Plattenfirma, die immer eine Radio-Single von mir forderte“, lacht er erneut. Das ironische Lied ist ein melancholisch-trotziger Mid-Tempo-Rocker, der im Rundfunk tatsächlich funktionieren könnte. In ›Still Trying‹ beschreibt er seinen alltäglichen Kampf, sich zu bessern; ›Don‘t Get Too Close‹ befasst sich mit seinen Grübeleien in einsamen Zeiten.

Als wichtigste Einflüsse nennt Rateliff Leonard Cohen und Bob Dylan. „Ich versuche, beide nicht zu vergleichen. Es scheint, dass Dylan sich manchmal über all seine Fans lustig machte. Zu Beginn wollte er berühmt werden und als das passierte, wollte er plötzlich nur noch Songwriter sein“, wundert sich mein Gegenüber. „Im Fall von Cohen finde ich es ermutigend, dass sein Top-Bestselleralbum I‘M YOUR MAN aus dem Jahr 1988 stammt, da war er bereits 54.“

Mittlerweile denke er mehr über sein eigenes Alter nach, sagt Nathaniel und leert das Whiskeyglas. „Für junge Menschen ist 35 nicht mehr jung. Früher hast du oft ältere Leute sagen hören, dass die Zeit vorüber rast. Und heute weiß ich, das ist wahr. Echt bizarr!“

Henning Richter