nazareth-loud_n_proud1Sie hatten viel mehr zu bieten als brünstige Engtanz-Klassiker: Der erste Teil einer ausgiebigen Werkschau der schottischen Hard Rocker.

Im Langzeitgedächtnis zementierten sich Nazareth ausgerechnet mit Steh-Blues-Balladen wie ›Love Hurts‹ und ›Dream On‹ ein. Dass das schottische Quartett auch wunderbar als Schnittstelle zwischen Led Zeppelin, Uriah Heep und Deep Purple auf der einen – sowie T. Rex, Slade und Sweet auf der anderen Seite funktionierte, wird bis heute gerne übersehen.

Die tadellose Neuauflage ihrer ersten sechs Alben mitsamt Bonustracks aus BBC-Sessions sowie Single-A- und B-Seiten kann die Angelegenheit also jetzt richtig stellen. Das noch recht konventionelle Debüt NAZARETH erfreute 1971 mit schnörkel­losem Hard-Rock und dem Diskotheken-Renner ›Morning Dew‹. Beim Nachfolger EXERCISES saß 1972 dann bereits der spätere Queen-Produzent Roy Thomas Baker an den Reglern: Ohne den Hard Rock aus den Augen zu verlieren, sorgten hübsche Country-Plänkeleien (›Fool About You‹), Orchester-Arrangements (›Love Now You’re Gone‹), süffiger Southern Rock (›Woke Up This Morning‹) sowie ein historisches Schotten-Drama (›1692 Glen Coe Massacre‹) für genügend Abwechslung.

Der euro­paweite Durchbruch vollzog sich 1973 mit dem – vom ehemaligen Deep Purple-Bassisten Roger Glover produzierten – Album RAZA­MANAZ. Mit Leon Russells ›Alcatraz‹ und Woody Guthries ›Vigilante Man‹ bewies die Band ein geschicktes Händchen für originell interpretiertes Fremdmaterial. Glover koordinierte auch Album Nummer vier: LOUD’N’PROUD hob mit Joni Mitchells nicht wieder zu erkennender Folk-Ode ›This Flight Tonight‹, Little Feats ›Teenage Nervous Breakdown‹ und Bob Dylans ›The Ballad Of Hollis Brown‹ ab. Hypnotisch trocken rockten Eigengewächse wie ›Go Down Fighting‹, ›Not Faking It‹ oder auch ›Turn On Your Receiver‹.

nazareth rampantRAMPANT von 1974 baute erobertes Terrain aus, blieb aber – trotz der makellosen 45er ›Shanghai’d In Shanghai‹ – ein wenig hinter den hohen Erwartungen zurück. Wie geschnitten Brot verkaufte sich 1975 hingegen HAIR OF THE DOG, nicht zuletzt dank der nur als Single erschienenen Ballade ›Love Hurts‹, einst im Repertoire der Everly Brothers. Eine Spur kommerzieller als sämtliche Vorgänger, hatte es aber auch Kracher wie ›Miss Misery‹, ›Whiskey Drinkin’ Woman‹ und den Titel­song an Bord.