Neal Schon stieß nach dem Album ABRAXAS zur Band und verließ Santana bereits zwei Jahre später wieder. Seine eigene musikalische Vision verwirklichte er im Anschluss bei Journey, mit denen er Millionen von Platten verkaufte und Evergreens wie ›Don‘t Stop Believin‘‹ schrieb. Heute ist er auch solo mit dem Projekt Vortex unterwegs. Er ist immer noch in der Bay Area zuhause.

Neal, du warst derjenige, der die Reunion ins Rollen gebracht hat. Warum war dir das so wichtig?
Nun mit Santana hat für mich alles angefangen. Die Jungs haben mich damals geholt, obwohl ich erst 15 Jahre alt war, und zusammen sind wir durch die ganze Welt ge­­tourt. Das war eine unglaubliche Er­­fahrung, denn so habe ich weltweit Musik kennengelernt. Die Band war extrem farbenfroh und kreativ im Umgang mit all den verschiedenen Elementen, die da zusammenkamen. Jetzt wollte ich, dass sich der Kreis schließt. Das war für mich die Hauptmotivation bei der Reunion.

Wie kam es dann tatsächlich dazu?
In den letzten Jahren liefen Carlos und ich uns plötzlich ständig über den Weg, wenn er in der Bay Area war. Ich dachte mir: Das ist ein Zeichen! Also blieb ich am Ball, und immer, wenn wir uns sahen, sagte ich: „Carlos, wir müssen echt mal wieder was zusammen machen!“ Ich machte ein paar Vorschläge, bis plötzlich die Idee im Raum stand, die alte Truppe wieder zusammenzubringen. Mir war sofort klar: Das würde so richtig einschlagen!

Offensichtlich hast du die Reunion mit der gleichen Art von Entschlossenheit vorangetrieben, die dich da­­­mals überhaupt erst in die Band gebracht hat!
Ja, damals haben mich sogar meine Eltern ausgelacht! Ich war 15 Jahre alt und hatte gerade angefangen, mit den Santana-Jungs rumzuhängen. Eines Abends sagte ich meinen Eltern beim Essen: „Ich habe so ein komisches Gefühl, dass ich in drei Wochen in der Band sein werde.“ Mein Vater und meine Mutter konnten sich vor La­­chen gar nicht mehr einkriegen! Gleichzeitig fanden sie natürlich auch das Selbstvertrauen toll, das ich an den Tag legte. Aber was soll ich sagen? Drei Wochen später spielte ich tatsächlich bei Santana! Genauso wie ich die Dinge damals praktisch vorausgesehen habe, erschien nun auch die Re­­union vor meinem inneren Auge.

Gerade weil du so jung warst, hast du damals doch bestimmt zu Carlos aufgeschaut, oder?

Oh ja! Er war ein unglaublicher Gitarrist. Das erste Mal sah ich sie, noch bevor ihre erste Platte erschienen war. Ich war zwölf und spielte gerade einmal zwei Jahre Gitarre. Sie traten im College von Marin auf, und obwohl sie in einer Turnhalle spielten und der Sound dort fürchterlich war, fand ich das Konzept der Band doch ungeheuer interessant. Als ich Carlos dann kennenlernte, wurde mir schnell klar, wie einzigartig er ist. Wie er die Dinge hört und spielt – das ist ein ganz eigener Stil. Damals wie heute bin ich gerne in seiner Nähe, nur um ihm zuzusehen. Bevor ich ihn traf, war mein Gitarrenspiel alles andere als melodisch, aber mit ihm zu spielen und später seine Platten zu hören, hat definitiv auf mich abgefärbt. Allerdings glaube ich, dass meine feurige Art auf SANTANA III auch bei Carlos Spuren hinterlassen hat. Auf der neuen Platte spielt er zum Beispiel all diese Sachen mit dem Wah-Wah-Pedal – genau so, wie ich es auf der dritten Platte getan habe!

Was war für dich das Highlight dieser Zeit?
Ich habe viele tolle Erinnerungen, aber eine Sache ist mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben. London war da­­mals für mich der Nabel der Welt, und ich konnte es kaum erwarten, dorthin zu kommen. Als wir dann im Hammersmith Odeon spielten und vor den Augen von Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page den Laden komplett aus­ei­nandergenommen haben und anschließend überschwängliche Kritiken in der Presse bekamen – das war ein echter Höhepunkt für mich!

Als ihr nun wieder zusammengekommen seid – was hast du zu finden gehofft?
Wir haben gehofft, die alte Magie wieder aufleben lassen können – und genau das ist passiert, ohne dass wir uns groß anstrengen mussten. Es war alles sehr organisch. Nichts in dieser Band ist großartig geplant, die Dinge passieren einfach, wenn wir zusammenkommen. Das finde ich richtig cool, denn wenn auf der Bühne kein Song je gleich klingt, hält dich das als Musiker auf Zack.

Hat dich überrascht, wie gut alles funktioniert hat?
Nein, denn wir hatten schon immer diese besondere Chemie. Es gibt den Irrglauben, dass ein Haufen großartiger Musiker eine Band besser macht. Tatsächlich brauchst du aber auch Musiker, die den Solisten erlauben zu brillieren. Wenn alle Musiker wahnsinnig gut sind, wirkt das Ganze sehr vollgestopft. Es muss nicht jeder Solist sein! Jeder sollte bestimmte Rollen haben, die er ausfüllt. So ist sichergestellt, dass man sich nicht gegenseitig im Weg steht.

Ist SANTANA IV ein einmaliges Klassentreffen oder siehst du eine gemeinsame Zukunft für euch?
Ich denke, dass wir auf jeden Fall eine Zukunft haben, und ich glaube, die anderen sehen das ähnlich. Wir hatten alle viel zu viel Spaß, um nicht weiterzumachen! Natürlich haben wir auch unsere anderen Projekte und ich werde ganz sicher Journey nicht verlassen, aber trotzdem reden wir schon jetzt von SANTANA V!