Neil Diamond 2008a @ Jesse Diamond_BEARBDie amerikanische Singer/Songwriter-Legende hört die Lebensuhr ticken: Kurz vor seinem 70. Geburtstag ist Neil Diamond so ehrgeizig wie nie. Aber auch extrem schrullig, wie CLASSIC ROCK im Interview herausfindet.

Wer 128 Millionen Alben verkauft hat und seit fünf Dekaden im Geschäft ist, kann sich einiges erlauben. Etwa CLASSIC ROCK nach LA fliegen zu lassen, obwohl er am nächsten Morgen nach London aufbricht. Oder den Ort für dieses Gespräch mehrfach zu verlegen – von Santa Monica via Malibu nach Hollywood. Dort besitzt er seit 35 Jahren die „Archangel Studios“ mit Sitz in einem zweistöckigen Gebäude an der Third Street, das einem Museum gleicht und Memorabilia aus allen Schaffensphasen vereint: Cordhosen und wallendes Haar bis Glitzeranzug und lichter Scheitel.

Dort taucht er an einem frühen Dienstagmorgen im Jogginganzug und mit Baseballkappe auf, knabbert Sonnenblumenkerne zu Mineralwasser von den Fidschi-Inseln und gibt sich ungewohnt wortkarg. Fast so, als hätte er Schwierigkeiten, das zu beschreiben, was er da gerade als DREAMS vorlegt. Das 28. Album seiner Karriere besteht nämlich aus 14 Coverversionen von so unterschiedlichen Künstlern wie Bill Withers, Leon Russell, Gilbert O’Sullivan, The Beatles, den Eagles, Leonard Cohen, Harry Nilsson oder Randy Newman. „Meine Lieblingsstücke aus den Sechzigern und Siebzigern – der Zeit, in der ich groß geworden bin. Und ich wollte ihnen etwas Neues abgewinnen, indem ich sie anders arrangiere habe und auf meine Weise sin-ge“, so der hölzerne Rechtfertigungsversuch für Neuinterpretationen von ›Hallelujah‹ (Cohen), ›Blackbird‹ oder ›Yesterday‹, die eigentlich gar keiner Überarbeitung bedürfen, weil sie „Klassiker“ der Musikgeschichte sind. Aber die Diamond so spartanisch und sphärisch rü-berbringt, dass sie neidlose Anerkennung verdienen. Einfach, weil er es schafft, ihnen seinen ureigenen Stempel aufzudrücken. Was gerade im Falle der Beatles (›Blackbird‹ in einer Cajun-Version) eine echte Meisterleistung ist – und auf tiefem Respekt basiert. „Ohne die Beatles hätte ich es nie so weit gebracht. Sie waren es, die dafür sorgten, dass ein Songwriter auch seine eigenen Stücke singen kann – und nicht nur Zulieferer für andere ist. Was aus heutiger Sicht banal klingt, aber damals hat es das gesamte Musikgeschäft auf den Kopf gestellt. Es war eine Revolution – und ich war ein Teil davon.“

Weshalb er 50 Jahre später, frisch nominiert für die Rock’n’Roll Hall Of Fame, schon mal nostalgisch sein darf. Nur, dass es bei ihm nichts Schwelgerisches hat, sondern auf akuter Torschlusspanik basiert: „Ich höre die Uhr ticken. Deshalb versuche ich jetzt, möglichst viele neue Sachen auszuprobieren. Und solche, die ich mir schon immer vorgenommen habe.“ Wozu ein Strandhaus in Malibu, aber auch DREAMS und weitere Kollaborationen mit Star-Produzent Rick Rubin (12 SONGS, HOME BEFORE DARK) zählen. „Wir haben uns schon getroffen, um darüber zu reden. Aber: Vorher gönne ich ihm und mir erst mal eine Pause. Denn dieser Seelenstriptease, das tief-in-der-eigenen-Psyche-Kramen, ist unglaublich anstrengend und macht keinen Spaß. Deshalb bin ich auf DREAMS auch nur der Sänger – was ich sehr genieße.“

Zumal das auch viel gesünder ist als die anderen Dinge, die er bis vor kurzem zum Selbstamüsement unternommen hat: Harley fahren, Zigarre rauchen, Florett fechten und Whiskey trinken. Mit fast 70 und bei so viel spätem Ehrgeiz natürlich absolutes „No-Go“. Aber: „Die Leute meinen immer, ich wäre ein Softie – dabei habe ich mehr Rock’n’Roll in mir als manch anderer“, so der Mann, der ›Red Red Wine‹ und ›Girl You’ll Be A Woman Soon‹ geschrieben hat. Und der zum Ende des Interviews noch ganz mutig von Wasser zu schwarzem Kaffee wechselt beziehungsweise sich als Palin-Supporter und US-Patriot outet. Kleine Schwächen eines großen Musikers.