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Neil Youngs „dunklere Seite von HARVEST“ hat noch immer nicht das Licht der Welt erblickt. Und ist nicht allein.

Text: Dave Everley

Wenn es jemals einen Wiederholungstäter darin gab, Alben aufzunehmen und sie dann nicht zu veröffentlichen, ist es Neil Young. Bei der letzten Zählung brachte Old Shakey es auf fast zehn – ein Zeugnis sowohl seiner ungebrochenen Produktivi- tät als auch seiner tief verwurzelten Sturheit. Seine Geschichte aufgegebener Projekte erstreckt sich bis in die frühen 70er zurück, als er noch mit Crosby, Stills and Nash arbeitete. Als sie sich im Sommer 1973 in Hawaii auf Crosbys Schoner verkrochen hatten, fingen sie an, Ideen zu entwickeln für eine Platte, die vorläufig HUMAN HIGHWAY betitelt wurde.

„Wir hatten diese großartigen Songs wie Neils ›Human Highway‹ und ›Maui Mama‹“, sagte Graham Nash. „Wir probten sie auf Davids Boot und es klang toll. Dann fuhr Neil wieder ab und es ging alles den Bach runter.“ Wiederholte Versuche über die nächsten zwei Jahre, die Stücke aufzunehmen, waren erfolglos, wenngleich viele davon später auf Soloalben von Young und den anderen erschienen. Er begann etwa zur gleichen Zeit auch, an einem „wasserbasierten Konzeptalbum“ namens MEDITERRANEAN zu arbeiten, dass er dann aufgab.

Mitte der 70er war Young dann auf eine kreative Goldader gestoßen und nahm Material für zwei komplette Alben auf, aber beschloss dann, dass sie es nicht wert waren, veröffentlicht zu werden. Ende 1974 nahm er 18 Tracks für ein größtenteils akustisches Country-Rockalbum namens HOMEGROWN auf, nur, um es dann für das lockerere TONIGHT’S THE NIGHT auf Eis zu legen, nachdem er beide einer Gruppe von Freunden vorgespielt hatte.

„Nicht, weil HOMEGROWN nicht so gut war“, so Young. „Viele würden wahrscheinlich sagen, es sei besser… Es war einfach nur ein sehr niedergeschlagenes Album. Es war die dunkle- re Seite von HARVEST. In vielen der Songs ging es um meine Trennung von meiner Frau. Es war etwas zu persönlich… Es machte mir Angst.“

CHROME DREAMS sollte ebenso Ende 1976 veröffentlicht werden, doch dann baute Young das komplette Album um, ersetzte die meisten Stücke darauf und benannte es in AMERICAN STARS AND BARS um.

In den 80ern stellte Young die Konkurrenz dann gänzlich darin in den Schatten, Material zu produzieren und es dann nicht zu verwenden. ISLAND IN THE SUN von 1982 war eines der Alben, die teilweise oder vollständig aufgenommen wurden. „Es war ein Tropending über das Segeln, alte Zivilisationen, Inseln und Wasser“, sagte er. „Zwei oder drei Songs schafften es sogar auf [das missglückte Vocodergestützte Album] TRANS.“ Es gab auch eine frühere Fassung von OLD WAYS I, ein anderes Album als das, welches dann unter diesem Titel erschien: „Es war ein anderes OLD WAYS- Album, das ich mit anderen Songs gemacht hatte. [Geffen] wollte es nicht.“ Dazu kamen die „Synthesiser- und akustischen New-Age- Instrumentals“ von MEADOW DUSK (1987) und den skizzenhaften Doppelschlag BLUE NOTE CAFÉ (1988) und TIMES SQUARE (1989), wobei sich Stücke von Letzterem auf einigen seiner Alben der 90er wiederfanden. Noch 2008 versprach Young, TOAST zu veröffentlichen, eine Platte, die er 2000 mit Crazy Horse aufgenommen hatte und die angeblich auf Eis gelegt wurde, nachdem die Band eine kreative Blockade hatte. „Es ist ein umwerfendes Album“, sagte Young. „Ich denke nicht, dass es eine kommerzielle Platte ist, aber es ist toller Rock’n’Roll, sehr atmosphärisch, ein bisschen jazzig.“ Und im Jahr 2013 gibt es immer noch keine Spur davon. Youngs kreativer Brunnen macht keinerlei Anstalten, zu versiegen, und er hat erklärt, dass er nach einem halben Jahrhundert in der Musik keine Absicht hat, sich zur Ruhe zu setzen. Sollte er es doch mal tun, dann ist zumindest genug Material in der Schublade, um ihn über weitere 50 Jahre zu bringen

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