Der große Pub Rock- Adrenalinschub.

Als das Quartett aus dem britischen Canvey Island im Januar 1975 mit DOWN BY THE JETTY debütiert, liegt schon massiv Umbruch in der Luft. Die um griffige Etikettierungen nie verlegene Londoner Musikpresse hat den rasanten, radikalen und ru- dimentären Stil von Bands wie Brinsley Schwarz, Ducks Deluxe, Eddie & The Hot Rods und Kilburn & The High Roads voreilig Pub Rock getauft – als Speerspitze des Genres gelten Dr. Feelgood. Mit Chuzpe und Elan verpassen sie nicht nur der Clubszene der britischen Hauptstadt einen ordentlichen Adrenalinschub. Jahrzehnte später verorten schlaue Musikhistoriker Dr. Feelgood als die Schnittstelle zwischen dem Old School Rock’n’Roll und R&B einerseits, Punk und New Wave andererseits. Gekleidet sind die vier Quertreiber in schmierige Anzüge wie die Kleinkriminellen in der populären TV-Krimiserie „The Sweeneys“; vor allem Sänger Lee Brilleaux mit herrlicher Verbrechervisage sowie Gitarrist Wilko Johnsons soziopathische Aura sorgen für mediale Aufmerksamkeit. Dazu passt die gestochen scharfe Schwarzweiß-Ästhetik im Nostalgie-Look, die auch das Cover der qualitativ gleichwertigen zweiten LP MALPRACTICE ziert, die bereits neun Monate nach dem Debüt aufgelegt wird.

Beide Alben sowie der atemberaubende Konzertmitschnitt STUPIDITY, das abermals starke dritte Studiowerk SNEAKIN’ SUSPICION sowie 23 Archivraritäten finden sich in der 3-CD-Box ALL THROUGH THE CITY (WITH WILKO 1974 – 1977), ergänzt wird das Ganze um eine DVD mit diversen Live-Shows und TV-Auftritten. Schlicht genial, wie Hauptkom- ponist Johnson sperrige Riffs und simple Licks gezielt in knackige Ohrwürmer wie ›She Does It Right‹, ›Roxette‹ und ›Back In The Night‹ pflanzt. Oder aber in sparsamen Arrangements Blues-Klassiker reanimiert – von John Lee Hookers ›Boom Boom‹ über Muddy Wa- ters’ ›Rollin’ And Tumblin’‹ bis hin zu Willie Dixons ›You’ll Be Mine‹. Als Johnson 1977 urplötzlich Dr. Feelgood Goodbye sagt, findet das Resttrio zwar Ersatz, aber nicht wieder zur Urkraft zurück.