Ed Kowalcyzk (1)Die Geschichte ist rührselig: Eines Nachts, als er seinen Kindern ein Glas Wasser ans Bett bringt, heißt es auf seiner Homepage, trifft es ihn wie einen Schlag: Nicht alle Kinder auf der Welt haben sauberes Wasser, also beschließt er, daran etwas zu ändern. „Ich stieß auf eine Organisation namens World Vision, die insbesondere in Afrika unglaubliche Arbeit leistet. Sie bietet Partnerschaften für afrikanische Kinder an und versorgt Dörfer mit Zugang zu sauberem Wasser.“ Daran ist natürlich nichts auszusetzen, erinnert durch seine Betonung aber an Bonos Weltrettungswahn. Dabei ist es nicht so, dass THE FLOOD AND THE MERCY keinen Gesprächsstoff bieten würde. Das zweite Solowerk nach der etwas unsauber abgeschlossenen Ära bei den Multimillionen-Rockern Live bietet anständiges Songmaterial. Vielleicht nimmt Kowalczyk den amerikanischen Pathos etwas zu ernst, dafür punktet er mit seiner charismatischen Stimme. Die erzählt, richtig, von Glaube, Liebe, Hoffnung. „Ich versuche immer, meiner Musik eine gewisse Tiefe zu verleihen, doch durch meine wohltätige Arbeit hat sich eine weitere Dimension in meine Texte geschlichen.“ Während andere Bands ihren Glauben aus der Musik heraushalten, nimmt Ed kein Blatt vor den Mund, wenn es um seine religiöse Überzeugung geht. „Ich bin eine sehr spirituelle Person und bete sehr oft. Dort finde ich das Auge des Sturms, in dem Ruhe herrscht.“

Auf dem Cover des Albums bekommt der 42-Jährige einen Schwall Wasser ins Gesicht. Ein gelungenes Motiv, das, wie Kowalczyk betont, nicht digital nachbearbeitet wurde. „Erstmals in meiner Karriere wurde der Titel von einem Bild inspiriert“, führt er aus. „Ich bin völlig begeistert von der Energie und Dynamik dieses Bildes.

Gleichzeitig strahlt es diese Ruhe aus, was mich auf den Namen brachte.“ Für ihn ist der Titel eine Allegorie auf das Leben. „Mag es auch noch so turbulent zugehen, so findet sich doch irgendwo eine Oase der Ruhe, in die man sich zurückziehen kann.“ Turbulent ging es vor einigen Jahren auch bei Kowalczyk zu. Sein Ausstieg bei Live lief nicht harmonisch ab, sein Neuanfang mit dem ersten Solowerk ALIVE war nicht das Freischwimmen, das er sich erhofft hatte. „Ich durchlief sehr viele Veränderungen. Das Live-Kapitel wurde geschlossen, ein neues begann, und wie immer, wenn etwas Neues beginnt, muss man sich zunächst einleben.“ Heißt im Klartext: Neue Fans kamen hinzu, viele alte wandten sich ab. Ed dazu: „Noch immer fühlt es sich für mich so an, als wäre ich nicht angekommen. Als wüsste ich noch nicht genau, wohin der Weg führt.“

Björn Springorum