ClutchIm Winter ist Detroit, einst der Inbegriff des amerikanischen Traums und heute in großen Teilen eine Ruinenstadt, besonders deprimierend: kein Grün an den Bäumen, das die Industriebrachen verdecken könnte, dafür pfeift vom Lake Michigan her ein eisiger Wind. Ein hartes Pflaster, 386 Morde im vergangenen Jahr. Aber zumindest lebt hier ein Publikum, das geradlinigen, ungekünstelten Rock’n’Roll zu schätzen weiß, wie Neil Fallon, Sänger von Clutch, einräumt: „Die Leute hier haben einen Detektor für Unaufrichtigkeit.“ Seine Bandkollegen nicken stumm. Wir suchen eine Location fürs Foto-Shooting, aber der Wagen bleibt stets abfahrbereit. Wie gesagt: ein hartes Pflaster.

Nach 23 Jahren, neun Studioalben, fünf Live-Mitschnitten und über 2000 Konzerten sind Clutch zu einer Riffmaschine gereift, der man alles Mögliche vorwerfen kann – unaufrichtig zu sein aber ganz gewiss nicht. In Detroit ist die Band aus Germantown, Maryland, jedenfalls immer gerne gesehen.

Im US-Radio weniger. Bassist Dan Maines erzählt: „Als ich einem Sender während seiner Rockshow ein Interview gab, schwärmte ich dem Moderator von Lucifer’s Friend und Captain Beefheart vor. Er starrte mich entgeistert an und hat unsere Musik seitdem bestimmt nicht mehr gespielt. Wenn man sich beliebt machen will, muss man sagen: ‚Oh, ich stehe auf Alter Bridge’.“ Aber sich beliebt zu machen, ist nicht das Hauptziel von Clutch, ihre Fusion aus Hardcore, Funk, Rock und Metal ist dezidiert eigenwillig, zumal Sänger Neil Fallon auch noch einen Hang zum politischen Klartext hat, und zwar auf intellektuell und sprachlich hohem Niveau. Was – ebenso wie ihr Faible für 20-minütige Live-Jams – zwar eine hochgradig loyale, aber eben auch zahlenmäßig überschaubare Fan Gefolgschaft generiert hat, die Clutch jetzt mit ihrem neuen Werk EARTH ROCKER erfreuen. Musik für die Massen? Eher nicht. Aber Musik für Leute, die keine Lust auf hohle Posen haben, sondern Substanz fordern. Auch außerhalb von Detroit.