Gogol Bordello 2010 @ Danny Clinch (1)Stilmix ganz neu definiert: Gypsy-Flair prallt auf Rock’n’Roll und Co.

Eugene Hütz regt sich mächtig auf: „Das ist doch kompletter, verdammter Bullshit.“ Die Rede ist vom ungeschriebenen Gesetz, dass international konkurrenzfähige Musik gefälligst in englischer Sprache gesungen werden muss. Was Hütz, Sänger und Kopf der Band Gogol Bordello, naturgemäß anzweifelt: „Im musikalischen Kontext gibt es keine Sprachbarriere, der Klang übermittelt die Botschaft – das wird dir jeder Wissenschaftler bestätigen.“

Und das wissen selbstverständlich auch all jene Fans, die Gogol Bordello seit über zehn Jahren die Treue halten. Hütz, gebürtiger Ukrainer, gründete die Band 1999 in New York City und betrat sogleich Neuland: Nach westlicher Sichtweise be-schränkte sich Musik aus den Schluchten des Balkans auf herzhaft-virtuose Gypsy-Blasorchester, rumänische Hochzeitskapellen oder die Russendisko – Gogol Bordellos mehrsprachige Mixtur aus osteuropäischer Folklore und west-lichem Punk indes war völlig neu. Ebenso Hütz’ standhafte Weigerung, aus kommerziellen Gründen nur noch englisch zu singen.

Was mittelfristig allerdings sogar belohnt wurde: Hütz avancierte kurzzeitig zum Darling der New Yorker Hipster-Szene, Madonna ließ sich auf der Bühne von Gogol Bordello begleiten, und für das neue Album TRANS-CONTINENTAL HUSTLE konnte sogar Produzent Rick Rubin gewonnen werden. Der während der Aufnahmen gleich noch mit einer weiteren Spielart konfrontiert wurde: Hütz, der die letzten zwei Jahre in Brasilien gelebt hatte, wollte seinen Gypsy Punk jetzt nämlich mit knackigen Latin-Klängen bereichern – was ihm auch gelang. Fehlt nur noch die Musik der Inuit, dann hätte Hütz sämtliche Himmelsrichtungen durch… Dass in seiner Brust mindestens zwei Herzen schlagen, belegt auch seine Lieblingsalben-Liste: Dead Ken-nedys, Fugazi, Sonic Youth und FUN HOUSE von den Stooges. Aber auch Sasha Kolpakovs RODAVA TUT, hierzulande komplett unbekannt, doch laut Hütz die „heilige Scheiße!“ schlechthin. Oder BAND OF GYPSIES von Taraf de Haidouks aus Rumänien: „Das ist Gypsy-Mucke für die wilde Sexparty, feuriger Psycho-Speed, den jeder echte Rocker lieben muss!“

Jochen Schreiber