Kasabian 2011 @ Ed MilesVELOCI-was? Genau wie bei ihrem letzten Album WEST RYDER PAUPER LUNATIC ASYLUM von 2009 haben Kasabian für Album Nummer vier einen nicht gerade eingängigen Titel gewählt: VELOCIRAPTOR. Das ist kein Gefährt, sondern eine gefrässige Dinosaurier-Gattung, bekannt aus Steven Spielbergs Kino-Hit „Jurassic Park“. „Das war Toms Idee“, grinst und lacht Bassist Chris Edwards, der es sich in einem Hotelzimmer in Ungarn gemütlich gemacht hat, ins Telefon. Sänger Tom Meighan wollte seine Band ursprünglich The Velociraptors nennen. Die in Rudeln jagenden Dinosaurier waren angeblich die Einzigen, die es mit dem Tyrannosaurus Rex aufnehmen konnten. „Stimmt, aber eben nur in der Gruppe“, erklärt Edwards. „Genau wie Kasabian: Solange wir zusammen Musik machen, können wir es auch mit den großen Jungs aufnehmen.“

Kasabian scheinen offenbar eine eingeschworene Truppe zu sein. Was Edwards bestätigt: „Wir sind wie Brüder. Ohne die anderen würden wir uns wohl ein bisschen verloren fühlen“, sagt er. Verständlich, denn seit über zwölf Jahren musizieren die vier Rocker gemeinsam. Seit dem Release ihres Debüts im Jahr 2004 avancierten sie zum Aushängeschild des Brit-Rock. In ihrer Heimat können Kasabian zwei Nummer-eins-Alben sowie zahlreiche Musikpreise vorweisen. Doch nicht nur mit ihrer Musik machten sie von sich reden. Insbesondere Fronter Meighan neigte dank seines ausgeprägten Selbstbewusstseins in der Vergangenheit öfter zu abfälligen Verbalattacken gegen andere Künstler wie Bloc Party oder Pete Doherty.

Größenwahn hin oder her, Kasabian scheinen einiges richtig gemacht zu haben. Viele Rockbands, die im letzten Jahrzehnt Erfolge feierten, sind längst Geschichte. Kasabian behaupten sich nach wie vor zwischen rauschebärtigen Schwerenötern, die aussehen, als kämen sie direkt aus einer Waldhütte, und schillernden Megastars wie Lady Gaga. Das Erfolgsrezept von Kasabian? „Wir entwickeln uns mit jedem Album weiter“, meint Chris Edwards. „Man darf keine Angst vor Veränderungen haben. Sonst wird man schnell zu den Nachrichten von gestern.“

Kasabian machen keinen gewöhnlichen Rock‘n‘Roll. Die vier Musiker, die Indie-Rock einst als „langweilige, stumpfe Jingle-Jangle-Musik“ bezeichneten, verbinden verschiedene Einflüsse miteinander. „Man muss ein bisschen mit Musik herumspielen“, sagte Sänger Tom Meighan schon beim Release des ersten Albums.

Diesem Konzept bleiben Kasabian auch auf ihrem neuen Werk treu. Unüberhörbar ist der Einfluss von Hip-Hop. Kein Wunder, die Wurzeln von Dan „The Automator“ Nakamaru, der bereits die vorherige Kasabian-Scheibe produzierte, liegen in der afroamerikanischen Subkultur. Auch Gitarrist und Songschreiber Serge Pizzorno, aus dessen Feder ein Großteil der Kasabian-Songs stammt, steht auf Acts wie den Wu-Tang Clan oder Cypress Hill. Darüber hinaus kamen Kasabian bereits als Teenager mit elektronischer Musik in Berührung. Anfang der Neunziger entwickelte sich in und um Leicester, wo die vier Musiker aufgewachsen sind, eine pulsierende Rave-Szene. Die Jungs waren aber nicht jedes Wochenende in einer leerstehenden Fabrikhalle und haben sich die Seele aus dem Leib getanzt. „Dafür waren wir viel zu jung“, erinnert sich der heute 30-jährige Chris Edwards. „Wir haben uns mehr für die Musik interessiert und uns die Mix-Tapes gekauft.“

Diese spielerische Lust auf verschiedene, auf den ersten Blick konträre Genres haben sich Kasabian bis heute beibehalten. So erinnert etwa der Beat der Teaser-Single ›Switchblade Smiles‹ an Björks Song ›Innocence‹, der wiederum von Timbaland co-produziert wurde, während die Gitarrenriffs Rage Against The Machine zitieren. Auch ›Days Are Forgotten‹ ist ein solches von Hip-Hop-Beats getragenes Mash-up-Monster. Wohin wird diese Vorliebe für Musikrichtungen aller Art noch führen? „Wer weiß, vielleicht machen wir in fünf Jahren Folk-Musik, und Tom rappt dazu“, so Edwards. Kasabian sind jedenfalls noch lange nicht fertig mit uns.

Aber: Bis die vier Briten den Status von Rock-Dinosauriern wie den Rolling Stones oder U2 erreicht haben, ist es noch ein langer Weg. Fest steht, dass es Kasabian gemeinsam auch mit T-Rex Gaga aufnehmen: „Lady Gaga ist keine Gefahr für uns“, stellt Chris Edwards selbstbewusst klar. „Unsere Fans würden wahrscheinlich nie ihre Musik kaufen. Und letztendlich ist genug Platz für alle da.“

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