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Der bärtige Prophet predigt nicht mehr

Es ist derzeit das große Ding: Hardcore-Dudes auf dem Singer/Songwriter-Trip. Auch Matt Goud, früher bei der Post-Hardcore-Einheit Means, macht‘s jetzt akustisch. Und liefert mit NORTHCOTE ein Hardcore-Album ohne Lärm.
In gewisser Weise passt es wie das Tattoo auf die Fingerknöchel, dass Matt Goud jüngst mit Dave Hause durch die Gegend tourte. Hause fährt solo längst große Erfolge ein, ist aber schon seit den 90ern in der Punk- und Hardcore-Szene unterwegs und punktet jetzt mit melodischen, semiakustischen Rocksongs. Das will Goud mit NORTHCOTE auch und bietet auf seinem Debüt Stücke, die zwischen Folk, Country, Akustikballade und Rock oszillieren und durch Gangshouts und Rhythmik viel Parallelen zu seiner alten, lauten und vor allem verzerrten Wirkungsstätte aufweisen. Der bärtige Hüne macht eben keinen Hehl aus seiner musikalischen Sozialisierung. „Die DIY-Attitüde im Hardcore ist mir noch immer sehr nah“, bekennt er. „Im Hardcore geht es dir nicht um einen Radiohit. Es geht dir um einen emotionalen Ausdruck und um eine Verbindung mit dem Publikum.“

Das ist jetzt noch mehr gegeben als zuvor – in kleinen Clubs, im intimen Rahmen, ohne große Bühnenshow. Nur Matt Goud und seine Gitarre, dazu seine Band. Unterschiede zwischen einem Hardcore-Konzert und einer seiner Solo-Performances kann er deswegen gar nicht so viele finden. „Die Leute sind älter und die Auftritte länger“, meint er schmunzelnd. „Gut, außerdem ist es herausfordernder, nur mit einer akustischen Gitarre auf die Bühne zu gehen.“ Klar, zwei verzerrte E-Gitarren, pumpender Bass und ballernde Drums lassen einen deutlich weniger nackt erscheinen. Doch genau darum geht es bei NORTHCOTE: Um nackte Songs, ehrliche Gefühle, um Geschichtenerzählen in bester Singer/Songwriter-Manier. „Meine Geschichten sind meine Erfahrungen“, so Matt. „Durch mein Songwriting hinterfrage ich außerdem meine Entscheidungen und setze mich mit meinen Ängsten auseinander.“ Für ihn ist Musik therapeutisch, für das Publikum gewiss auch.

Vorbei sind die Tage, in denen er bei Means christlichen Hardcore spielte, längst geht er Glaubensfragen deutlich universaler an. „NORTHCOTE richtet sich nicht an eine bestimmte Glaubensrichtung oder Philosophie, es geht um das genaue Gegenteil: völlige Freiheit. Freiheit von jeglichen Urteilen oder Charakterisierungen.“ Wie es eben bei jeder Art von Musik der Fall sein sollte, damit sie das bleibt, was sie ist: pur, unverfälscht, für alle zugänglich. „Völlig richtig“, nickt der Kanadier. „Egal, welche Stilrichtung: Solange du dich durch sie einem Menschen verbunden fühlst, hat sie ihr Ziel erreicht.“

Björn Springorum