TonyJoeWhite 117 (credit Anne Goetze)

Elvis Presley, Ray Charles, Dusty Springfield und Tina Turner sind nur einige der unzähligen Künstler, die seine Songs in den letzten 50 Jahren interpretiert haben, doch für Swamp-Rock-Erfinder Tony Joe White wird die erste Coverversion immer die schönste sein. „Mein Freund Donnie Fritts aus Muscle Shoals, unten in Alabama, hatte mich um eine Kopie meiner Aufnahme von ›Rainy Night In Georgia‹ gebeten“, erinnert sich der aus Louisiana stammende alte Haudegen bei unserem Gespräch. „Acht Monate später schickte mir der Produzent Jerry Wexler eine Single, auf der Brook Benton meinen Song sang. Ich war sprachlos! Ich glaube, ich hab mir das Ding fünfzigmal hintereinander angehört.“ Dass sein Talent als Songwriter zeitlebens mehr Beachtung fand als sein Können als Interpret, stört den inzwischen 70-jährigen Amerikaner keinesfalls. „Es gibt nichts Cooleres, als jemand anders deine Worte mit ganzem Herzen singen zu hören“, sagt er mit Nachdruck.

Herzensangelegenheiten waren Whites Songs schon immer. Von jeher schreibt er über Dinge und Menschen aus seinem Südstaaten-Umfeld. „Die meisten Charaktere in meinen Songs sind echt: Willie und Laura May Jones oder Polk Salad Annie – die gibt es wirklich“, bestätigt er. „Die Flut in Nashville vor drei Jahren war genauso real.“ White wurde auf dem Rückweg von einer Show in Memphis von der katastrophalen Überschwemmung in seiner Wahlheimat überrascht, die er nun auf seinem neuen Album HOODOO im Song ›The Flood‹ thematisiert. „Für gewöhnlich dauert die Fahrt vier Stunden, an dem Tag brauchten wir 14“, erinnert er sich. „Als wir endlich ankamen, sahen wir Gitarren im Wasser schwimmen und ans Ufer gespülte, schlammverdreckte Schlagzeug-Teile.“ Die Instrumente stammten aus den Lagerhäusern entlang des Flusses, in denen viele von Whites Musikerkollegen ihre Habseligkeiten untergebracht hatten. Er selbst hatte Glück: Sein etwas außerhalb von Nashville gelegenes Kellerstudio wurde von den Fluten weniger stark in Mitleidenschaft gezogen.

Dort entstand auch HOODOO, das anders als Whites letzte Werke vor allem mit Dringlichkeit und Direktheit punkten kann. Aufgenommen wurde es mit kleiner Besetzung live auf Tonband, und nicht selten war das erste bereits auch das finale Take. „Ich sagte meinem Drummer und meinem Bassisten: ‚Spielt einfach das, was ihr in eurem Herzen fühlt!‘ Oft kommen dabei Sachen heraus, die man selbst mit viel, viel Proben nicht besser hätte hinbekommen können“, sagt der Mann mit der markanten Grummelstimme über das Erfolgsrezept der neuen Platte. „Spontaneität ist das, was die meisten Songs angetrieben hat.“

Carsten Wohlfeld