TV On The RadioDer Schock sitzt noch tief: Kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums NINE TYPES OF LIGHT ist Bassist Gerard Smith (r.) an Krebs gestorben. Die Band trauert.

Es ist ein Szenario, das zu den schlimmsten ge-hört, die man sich als Musikgruppe ausmalen kann: Ein Bandmitglied stirbt, kurz da­nach er-scheint eine neue Platte – und eine ausgedehnte Tour steht auch noch vor der Tür. So geschehen im Jahr 2003 mit The Mars Volta, als deren Soundtüftler/-techniker Jeremy Ward einer Heroin-Überdosis erlag. Dieses Schicksal blieb auch TV On The Radio nicht erspart: Ihr Bassist Gerard Smith verlor am 20. April seinen „tapferen Kampf gegen den Lungenkrebs – wir vermissen ihn fürchterlich”, wie es die dadurch (zumindest vorübergehend) zum Quartett ge­schru­m­pfte Formation über ihre Web­site verlauten ließ.

Nach fünf abgesagten Konzerten Ende April begaben sich die New Yorker Anfang Mai jedoch wieder auf Tournee, natürlich um das fünfte Studioalbum NINE TYPES OF LIGHT ihren Fans vorzustellen – aber mit Sicherheit auch, weil TV On The Radio um die reinigende, kathartische Wirkung der Live-Auftritte sowie des (Trauer-)Austausches mit der Anhängerschaft wissen.

Eine eigentlich naheliegende Auszeit stand wohl auch deshalb nicht zur Debatte, da sich die fünf Brooklyner erst vor zwei Jahren nach der weltweiten Gastspielreise zum Vorgänger DEAR SCIENCE eine Pause verordnet hatten. „Hätten wir damals direkt wei­tergemacht, wäre das Projekt in einem Blutbad ge-endet”, erinnert sich Sänger Tunde Adebimpe, halb im Scherz, halb im Ernst. „Wenn es einem auf Tour schlecht geht, sind dafür nicht unbedingt die Bandkollegen verantwortlich; man sollte eben – sofern man keiner nomadischen Sippe angehört – einfach nicht so eng aufeinander gepfercht gemeinsam reisen. Tourneen sind wirklich ein seltsames soziales Experiment – obwohl jeder Außenstehende denkt, dass man die ganze Zeit eine Party feiert.” Klar: Die verkopf­te Art-Rock-, New-Soul-, HipHop-, Funk- und Indie-Pop-Kapelle TV On The Radio schließt sich auf Achse tagtäglich ab – wer hätte so was denn ernsthaft geglaubt…

Viel realistischer dagegen muten die Zustände an, die laut den Musikern in Los Angeles geherrscht haben, wo sie NINE TYPES OF LIGHT aufgenommen und damit zum ersten Mal überhaupt für eine CD-Produktion ihren natürlichen Lebensraum New York verlassen haben. Schlagzeuger Jaleel Bunton gefällt L.A. zwar im Grund sogar, aber: „Wenn es dort so etwas wie ein Künstlerviertel gibt, eine Ge-gend, in die man sich zurückziehen kann, dann waren wir im exakten Ge-genteil davon.” Das Studio von Programmierer/Gitarrist/Produzentenguru David Andrew Sitek, der 2010 eine Luftveränderung brauchte und mal eben an die Westküste der USA um­gezogen ist, liegt am Rand von West Hollywood, unweit des Rodeo Drive, der Einkaufs- und Flaniermeile von Be­verly Hills. Es muss ein einziger C-Promi-Auflauf gewesen sein: „Ne-benan in einem Café haben sie in verschiedenen Ecken gleich zwei Reality-Sendungen ge­dreht”, berichtet Adebimpe. „In gewisser Weise hat es uns dieser Zirkus aber auch leichter gemacht, uns total auf die Platte zu konzentrieren.”

Das Werk ist die bislang wohl ruhigste, optimistischste und damit zugänglichste Veröffentlichung von TV On The Radio. Ihr hohes Niveau halten die Amerikaner darauf problemlos und erweitern ihre Bandbreite mit einigen Liebesliedern sogar um eine Songgattung, der sie bislang ausgewichen sind. Live singt sie Adebimpe im Geiste bestimmt für Gerard Smith.

Lothar Gerber