Paul WellerGinge es nach „Modfather” Paul Weller, gehörten Politiker, Staatsoberhäupter und Casting-Show-Juroren auf den Mond geschossen. Nur dann, so der 51-Jährige, wäre endlich wieder Platz für soziales Gedankengut, wahres Talent und gute Musik. Wie die klingen könnte, verdeutlicht er mit seinem neuen Album WAKE UP THE NATION.

Wer ausgerechnet zur Eröffnung der Touristik­messe einen Promotag in Berlin ansetzt, ist entweder komplett verpeilt oder er lebt nach seinen eigenen Gesetzen – wie John William Weller. Der 51-Jährige war Gründer von The Jam und Style Council. Hat Album-Klassiker wie STANLEY ROAD oder WILD WOOD zu verantworten. Gilt als geistiger Ziehvater von Oasis. Als musikalisches Chamäleon und eine Art Premierminister des Brit Pop. Als solcher ist es dem fünffachen Vater völlig schnuppe, dass er hierzulande durchschnittlich 15.000 Exemplare pro Album verkauft und in jeder Großstadt vor denselben 1.000 Hardcore-Fans auftritt – wenn er zu einem raren Anstandsbesuch anreist, wird die Suite im Interconti gebucht, Deutschlands Musikpresse steht ehrfürchtig Spalier und beim Akustik-Set am Abend ist alles anwesend, was Mikro, Stift oder Gitarrensaiten halten kann – vom Spiegel-Redakteur bis zum Beatsteaks-Gitarristen.

Was Weller mit stoischer Gelassenheit zur Kenntnis nimmt – er weiß, dass er etwas Besonderes ist. Und das muss ihm nach 33 Jahren Musikbiz auch niemand mehr bestätigen. „Ich habe alles erreicht, wovon ich immer geträumt habe. Und dazu hat nie gezählt, Millionen von Alben in Deutschland zu verkaufen“, grinst er. „Was keineswegs heißt, dass mir das zuwider wäre – bislang hat es nur nicht funktioniert. Und ich bin nicht mehr in dem Alter, da ich mich in einen Bus hocke und so lange toure, bis jeder weiß, wer ich bin. Das habe ich hinter mir. Also konzentriere ich mich auf meine Heimat.“

Wo er mit jedem neuen Werk die vordersten Plätze der Charts erreicht, und – wie im aktuellen Fall – fünf Abende hintereinander die Royal Albert Hall füllt. „Das ist der Ritterschlag für jeden Musiker – eine Woche in diesem ehrwürdigen Gemäuer aufzutreten. Und das mit Orchester und Überraschungsgästen. Während der einzige Gig in Deutschland wieder in irgendeinem Club stattfindet. Natürlich ohne Orchester – ich verliere dabei ja schon genug Geld. Was wirklich schade ist.“

Woran sich aber auch mit WAKE UP THE NATION, seinem zehnten Solo-Epos, wenig ändern dürfte. Schließlich sind die 16 Stücke, die in seinem Black Barn Studio in Ripley (40 Autominuten westlich von London) entstanden, für den bundesdeutschen Massenkonsumenten schlicht­weg zu schrullig und verschroben, und richten sich somit primär an Insider – weniger an ein neues, junges Auditorium, das den Altmeister vielleicht gerade erst entdeckt. Was sich allein an der insularen inhaltlichen Ausrichtung der Songs festmachen lässt, in denen Weller unverhohlen gegen die Königsfamilie wettert („die Monarchie gehört abgeschafft“), Premierminister Gordon Brown attackiert („Das Schlimmste, was der Labour Party passieren konnte“), kein gutes Haar an der Londoner Verkehrspolitik lässt („ein einziger Stau“) und Casting-Shows wie „The X-Factor“ als Beleidigung des menschlichen Intellekts bezeichnet: „Das ist ein durchschnittlicher Gesangswettbewerb, der zu einem riesigen Event hochstilisiert wird. Und das zeigt dir, dass dieses Land in der Mittelmäßigkeit versinkt. Dass wir uns mit Plattitüden, Phrasen und Plastik abspeisen lassen und im Begriff sind, den Blick für die wichtigen Dinge zu verlieren. Also unsere kulturellen Werte, unseren Ruf als Wiege der Popmusik und unsere Vergangenheit als Nation der Abenteurer und Pioniere. Das dürfen wir nicht einfach über Bord werfen.“

Eine Botschaft, mit der er die Nation wachrütteln will, ehe Simon Cowell & Co. den Verstand von Millionen Menschen dumm-gespült haben. Und die er mit einem 70s Retro-Sound umsetzt, der zwischen Pub-Rock, Glam, Soul und Psychedelia variiert, mal die Walker Brothers („der beste Pop, der je geschrieben wurde“), The Move („die Helden meiner Jugend“), Bowie zu Ziggy Stardust-Zeiten („einfach visionär“) sowie T. Rex („viel zu früh gestorben, Mann“) zitiert, und mit Gästen wie Bev Bevan (ELO), Clem Cattini (legendärer Session-Drummer), Kevin Shields (My Bloody Valentine) oder Bruce Foxton aufwartet.

Letzterer war bis vor 28 Jahren Bassist in Wellers Band The Jam und hat seitdem ein eher gespanntes Verhältnis zu seinem ehemaligen Busenkumpel. Kein Wunder: Als Solist war er nie so erfolgreich wie Paul, musste sich bei Stiff Little Fingers über Wasser halten und gründete schließlich die Cover-Band From The Jam – wofür ihn Weller verklagte. Und doch: Der Tod von Foxtons Frau und Wellers Vater (und Ex-Manager) brachte die beiden wieder an einen Tisch. „Wir haben uns innerhalb kürzester Zeit bei zwei Beerdigungen getroffen. Und das ist eine Sache, die alles andere vergessen macht. Wir haben uns unterhalten und schließlich entschieden, wieder etwas zusammen zu machen. Womit ich meine, dass er auf zwei Songs meines Albums mitwirkt. Nicht, dass ich mit ihm The Jam reformiere. Denn das wird niemals passieren. Und weißt du, warum: Weil ich es schrecklich finde, überall diese alten Säcke zu sehen, die ihre Hits von damals spielen und so tun, als wären sie noch mal 20 oder 30 – was sie definitiv nicht sind. Da geht es nur ums Geldverdienen, und zwar mit reiner Nostalgie.“

Wofür Weller wenig Verständnis hat – selbst wenn auch er live den einen oder anderen Klassiker bringt, auf Motown-Soul und die Helden der Sechziger und Siebziger schwört und sich rein optisch als Reinkarnation eines Mods gefällt. „Ich liebe gute Anzüge, eng geschnittene Hemden und Wildlederschuhe – das ist immer noch in mir. Einfach, weil ich damit aufgewachsen bin. Und ob du es glaubst oder nicht: Ich würde gerne meine eigene Modelinie rausbringen. Denn ich habe viele Entwürfe und Skizzen, die nur noch jemand umsetzen müsste. Das Problem ist: Ich kenne niemanden in dieser Welt. Auch, wenn ich mich eigentlich sehr dafür interessiere.“ Und bereits etliche Modeverbrechen begangen habe…?

„Das auch. Da gibt es definitiv Outfits, auf die ich nicht besonders stolz bin. Gerade was die Achtziger betrifft. Aber weißt du was: Das sind alles Momentaufnahmen, die zeigen, wo ich damals war. Was ich gefühlt habe, und was mir wichtig war. Das habe ich immer mit meinem Look und meiner Musik zum Ausdruck gebracht. Insofern stehe ich dazu.“ Spricht’s und erweist sich als Mann mit Prinzipien.

Als solcher, so betont er, würde er niemals auf den Spuren von John Lydon und Iggy Pop wandeln, die derzeit im UK großflächige Werbung für irische Butter bzw. günstige Autoversicherungen machen, träumt nach wie vor von einem eigenen Label, mit dem er junge Nachwuchsbands fördern würde, preist die aktuellen Werke von Kasabian, The Enemy und Amy MacDonald, und nimmt Noel Gallagher für die Auflösung von Oasis in Schutz: „Ganz ehrlich? Ich denke, das ist das Beste, was er machen konnte – für Liam und ihn. Einfach, weil es zwischen den beiden nicht mehr funktioniert hat, und es Zeit für etwas Neues ist. Ich bin sehr gespannt, womit sie als nächstes aufwarten, denn ich habe ein paar von Liams Stücken gehört, und die sind einfach klasse. Insofern braucht man sich um ihn wirklich keine Sorgen zu machen. Und um Noel schon gar nicht.“

Womit die Audienz beim Modfather beendet ist – fast. Denn zu fortgeschrittener Stunde bittet er noch ins Wiener Blut, einer Kreuzberger Kneipe, wo er ein halbstündiges Akustik-Set aus alten und neuen Stücken zelebriert – auf einem Barhocker vor versammelter Medien- und Musikergilde, die ihm aufrichtigen Tribut zollt. Wie es sich für einen ganz Großen gehört…

Marcel Anders

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