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Wer dachte, das Bandprojekt um Tool-Frontmann Maynard James Keenan und Gitarrist Billy Howerdale sei sanft entschlafen, darf endlich wieder Hoffnung schöpfen: Mit einem Best of und einem Live-Boxset melden sich A PERFECT CIRCLE zurück.

Text: Matthias Jost

Mit gerade mal vier Alben zwischen 1993 und 2006 haben Tool aus geringer Produktivität sicher ein Maximum an Status und Erfolg herausgeholt. A Perfect Circle brauchten dagegen nur vier Jahre, um ihre drei Alben MERDE NOMS (2000), THIRTEENTH STEP (2003) und EMOTIVE (2004) zu veröffentlichen, die ebenfalls Edelmetall und fanatische Fanvereh- rung genossen. Weniger genussvoll ist dagegen die vorherrschende Meinung, die Band sei ein Nebenprojekt von Maynard James Keenan – zumindest für Billy Howerdel. A Perfect Circle sind nämlich sein Baby, er fungiert als Hauptsongwriter, während Keenan erst dazustieß, als er das erste Material gehört hatte.
„Ich habe keine Illusionen darüber, wie die Wahrnehmung des Publikums funktioniert“, gibt sich Billy heute gelassen. „Klar, er ist berühmter als ich, und als Frontmann zieht man eben die ganze Aufmerksamkeit auf sich. So ist nun mal die Hackordnung. Da ist es kein Wunder, dass viele glauben, das sei sein Ding, aber damit ich gut leben.“ Das Leben im Schatten großer Stars ist der Kreativkopf nämlich schon länger gewohnt gewesen, begann er seine Karriere doch als Gitarrenroadie. So lernte er nicht nur Keenan kennen, mit dem er sich dann anfreundete, auch bei Größen wie Trent Reznor, Billy Corgan und David Bowie war er für funktionierende Technik verantwortlich.

Für ihn eine unverzichtbare Lehre: „Ich habe durch diese Arbeit eine Menge darüber gelernt, was man tun und was man bleiben lassen sollte, ich ging also besser vorbereitet in das Musik machen als manch anderer. Vor allem aber war es sehr inspirierend, mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten. Ich habe immer den Kontakt zu solchen Künstlern gesucht, die eine echte Vision haben und diese mit größtem Einsatz und absoluter Hingabe verfolgen. Mit Trent Reznor zum Beispiel hatte ich auf menschlicher Ebene nie viel zu tun, aber was den Job betraf, erwartete er nie mehr, als er selber zu geben bereit war – und das war fucking viel. Dann war da die Arbeit an CHINESE DEMOCRACY mit Guns N‘ Roses. Da habe ich eigentlich am meisten gelernt darüber, wie man überhaupt Platten macht. Ein Albumprojekt mit unbegrenztem Budget, wo hochkarätigste Musiker ständig ein und aus gingen.“

Eine Liste von Künstlern, die nahelegt, Howerdel habe eine leicht masochistische Neigung dazu, mit Egomanen zu arbeiten. Ein Anflug von einem Lachen, doch ganz leugnen kann er es nicht: „In erster Linie bin ich stolz darauf, mit so großen Musikern gearbeitet zu haben. Aber es stimmt, auch der Umgang mit schwierigen Persönlichkeiten gehört dazu, und darauf bin ich ebenfalls stolz. Schwierige Gitarren-Rigs übrigens auch, denn ich bin ein ziemlicher Technik-Nerd. Aber letztlich ging es immer nur darum, etwas Relevantes zu erschaffen. Ich habe weder das Aussehen noch die Eier, um das Rockstarding durchzuziehen, die Drogen und das Rumvögeln waren für mich nie interessant.“

Das Resultat dieses Ethos kann man nun in aller Ausführlichkeit begutachten, denn gerade erschien THREE SIXTY das höchst passend betitelte Greatest-Hits-Album von A Perfect Cir- cle. Darauf finden sich nicht nur die Klassiker wie ›3 Libras‹, ›Judith‹, ›When The Levee Breaks‹, das John-Lennon-Cover ›Imagine‹ oder ›Passive‹, sondern – in der Deluxe-Version – auch diverse Live-Fassungen. Vor allem aber wird die Fans erfreuen, dass mit ›By And Down‹ das erste neue Lied der Band seit 2004 zu finden ist. Deutet die Veröffentlichung ausgerechnet jetzt vielleicht an, dass der Kreis sich nicht nur schließt, sondern sogar wieder öffnen könnte? „Also, erstens mal war A Perfect Circle für mich nie vorbei, ich habe immer weiter daran gearbeitet. 2010 waren wir dann soweit, die Spinnweben wegzublasen und wieder Kontrolle über unsere Musik zu gewinnen. Da gaben wir diese Konzerte in Kalifornien, wo wir jeden Abend eines der drei Alben komplett spielten. Wir hatten eine Weile daran gearbeitet, das zu veröffentlichen, und das schien nun die passende Gelegenheit, so eine Best Of dazu abzuliefern, was uns die Chance bot, ›By And Down‹ offiziell herauszubringen. Ein spezifische Message wollen mir mit diesem Release allerdings nicht senden.“ Klingt diplomatisch, doch auf ein bisschen Nachbohren lässt Billy die ganze Wahrheit raus: „Es gibt wohl keinen politisch korrekten Weg, es zu formulieren, also sage ich es einfach. Ich habe schon genug solides Material zusammen, um ein komplett neues Album zu machen. Das wird allerdings erst dann geschehen, wenn Maynard Zeit hat, und der ist im Moment wieder ziemlich intensiv mit Tool beschäftigt, es soll aber niemand glauben, ich würde nur frustriert darauf warten, dass er sich dazu herablässt, etwas mit mir zu machen. Ich habe auch ein neues Ashes- Divide-Album am Start, mit dem ich nächstes Jahr Touren werde. Wir haben eben beide auch noch andere Eisen im Feuer, nur dauert es bei A Perfect Circle immer etwas länger, um den Ball ins Rollen zu bringen. Ich werde aber nicht aufhören, es zu versuchen.“

Klingt vielversprechend, auch wenn eine gewisse Uneinigkeit darüber zu herrschen scheint, wie es weitergehen könnte, denn Keenan hatte mehrmals erklärt, das Albumformat mache derzeit keinen Sinn mehr. „Es ist insgesamt eine große Herausforderung, den besten Weg zu finden, überhaupt Musik zu veröffentlichen in einer Welt, in der es die meisten Menschen als völlig in Ordnung erachten, sie zu stehlen. Ich bin in der Hinsicht allerdings ein Dinosaurier. Ich höre mir gerne Alben an, ich mag es, wenn man eine ganze Sammlung von Songs präsentiert bekommt, die einen Schnappschuss davon darstellen, wo eine Band gerade steht.“ Bei aller Meinungsverschiedenheit kommt die Suche nach einem anderem Frontmann für Billy jedoch nicht in Frage: „Absolut nicht. Er ist nicht nur ein Freund, der mich immer unterstützt und an mich geglaubt hat, sondern auch einer der grandiosesten Sänger überhaupt, sowohl als Performer wie auch stimmlich und als Texter. Ohne ihn wird es keine A PERFECT CIRCLE geben.’’