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1980 definierte Pink Floyds De-facto-Anführer Roger Waters das Konzept einer Rockshow völlig neu. Ein Experiment, das seine Finanzen bedrohte, seine geistige Gesundheit auf die Probe stellte und letztlich die Band zerriss. Was ihn aber nicht davon abhielt, THE WALL 2010 neu aufzubauen und dabei seine persönlichen Dämonen auszutreiben.

Ziegelsteine. Hunderte. Über die ge­­samte Bühnenbreite. Bis zu den Rängen. Es ist der 7. Februar 1980 und die Memorial Sports Arena in Los Angeles hat noch nie etwas so Spektakuläres wie die Uraufführung von Pink Floyds THE WALL erlebt. Im ersten Teil der Show wur­­de eine Barriere zwischen uns und ihnen errichtet. Jetzt, 45 Minuten später, bleibt nur ein Loch von der Größe eines einzigen Ziegelsteins. Dort steht Roger Waters, von Spotlights beleuchtet, und singt das unheimliche Abschiedsstück ›Goodbye Cruel World‹. Als er das finale „Goodbye“ singt, wird er vom letzten Ziegel eingemauert. Dunkelheit. Das Licht geht an. Ende des ersten Akts.

Die Tour zu THE WALL 1980/81 war das genaue Gegenteil einer reduzierten Rock’n’Roll-Reise ohne Brimborium. Die Idee dieser 31 Termine umspannenden Odyssee (und Alan Parsons Film darüber von 1982), die genauso herausfordernd und bissig-satirisch sein sollte wie das da­­zu­­gehörige Album von 1979, wurde in ihrem Kern schon von Anfang an angedacht. „Als Roger THE WALL erschuf“, so Floyd-Künstler Gerald Scarfe, „sagte er mir, er wolle daraus ein Album, dann eine Show und schließlich einen Film machen. Wir verstanden uns gut und hatten dieselbe ironisch-sardonische Auffassung von der Welt.“

Diese Weltsicht war offensichtlich auf diesem elften Floyd-Werk. Waters hatte seinen Bandkollegen eine Erzählung präsentiert, die einem Antihelden namens Pink durch eine schreckliche Kindheit folgt, geprägt vom Tod des Vaters im Krieg. „DARK SIDE… schätze ich mehr, teils, weil es mehr Freude machte“, sagte Nick Mason, als er sich an die schwierigen Sessions erinnerte, „aber THE WALL ist ein außergewöhnliches Werk.“

Pink stand für Waters selbst, dessen Vater 1944 in Anzio gefallen war. „Im Grunde genommen war THE WALL ein autobiografisches Album“, sagte er zur BBC. „Ich wuchs auf mit diesem Gefühl riesiger Schuld. Wahrscheinlich dachte ich, ich sei für den Tod meines Vaters verantwortlich. Immer wieder träumte ich, dass ich jemanden getötet hatte und man mir auf die Schliche kommen würde.“

Der Schlüsselmoment für die Ikonografie kam auf der „In The Flesh“-Tour 1977 in Montreal, wo Waters einen widerspenstigen Fan anspuckte. „Ich fühlte mich so ex­­trem entfremdet von diesen hunderttausenden von Menschen, die alle Bier tranken, brüllten und plärrten. Plötzlich hatte ich dieses Bild im Kopf von einer Arena mit einer Wand in der Mitte und der Band, die dahinter spielte. Also fing ich an, mit den anderen darüber zu reden, und sie dachten, ich sei komplett durchgedreht.“

Schon vor der Veröffentlichung von THE WALL 1979 diskutierte Waters mit Scarfe, dem Designer Jonathan Park und dem Architekten Mark Fisher Konzepte für die Show. „Die meisten von uns gingen davon aus, dass es einfach eine etwas größere Anlage und paar Laser geben würde“, sagte Robbie Williams, Leiter der Sound-Crew. „Als wir zum ersten Mal hörten, dass er eine Mauer bauen wollte, sagten wir alle: ‚Du must fucking verrückt sein!‘.“