Devon Graves  @ M.H«Ùfinger_bearbnew
Im Zuge der „Power Of Metal“-Tour kehrt eine der einflussreichsten Progressive Metal-Acts der Neunziger zurück auf die hiesigen Bühnen: Psychotic Waltz. Wie es die Band schaffte, die früheren Streitigkeiten beizulegen und was sie sich nun für ihre Rückkehr wünscht, verrät Sänger Devon Graves im CLASSIC ROCK-Gespräch.

Bands werden gemocht, geliebt, verehrt. Psychotic Waltz werden vergöttert, auch über zehn Jahre nach dem Split. Nun sind sie zurück, um mit ihrem hippiesken, hochemotionalen, Siebziger-beeinflussten, grandios inszenierten, klischeefreien Progressive Metal abermals zum Tanz zu bitten. Und das in der Original-Besetzung der Göttergaben A SOCIAL GRACE und INTO THE EVERFLOW, sprich mit Ward Evans am Bass, Dan Rock und Brian McAlpin an den Gitarren, Norm Leggio am Schlagzeug und Devon Graves aka Buddy Lackey an der Querflöte und am Gesang. Der Frontmann gibt Auskunft.

Devon, woher stammt der Impuls, einen Neustart zu wagen?
Ich habe immer wieder versucht, Dan zu einer Reunion zu bewegen. Denn wir waren damals die Hauptauslöser für den Split. Ich wollte unsere zwischenmenschlichen Probleme aus der Welt schaffen. Dan fühlte sich jedoch nicht bereit, die Opfer zu bringen, die das Leben in einer hart arbeitenden Band erfordern. Plötzlich meldeten sich Norm, Ward und Brian und sagten, dass sie Psychotic Waltz wiederbeleben möchten. Ich fühlte mich innerlich zerrissen, weil ich mitten in der Produktion zum Debüt von The Shadow Theory steckte. Außerdem zweifelte ich, ob die Sache ohne Dan Sinn machen würde. Die Offerte für die „Power Of Metal“-Tour bot ihm schließlich eine Perspektive.

Zuerst war aber Steve Cox als zweiter Gitarrist für Dan eingeplant.
Dan und Brian passen perfekt zusammen. Sie sind überragende Gitarristen und geniale Songwriting-Partner. Sie gründeten den Psychotic Waltz-Vorgänger Aslan und verstehen sich blind. Als Steve Brian ersetzte, zerstörte das die Bandchemie. Nichts gegen Steve. Er ist ein wahres Gitarren-Monster! Aber wenn es darum geht, neue Musik zu kreieren, reicht er an das Gespann Dan und Brian nicht heran.

Brian sitzt seit einem Autounfall im Rollstuhl. Er konnte die Tourstrapazen nicht mehr ertragen, weshalb er 1996 aufgab, nicht wahr?
Exakt. Und es war der Anfang vom Ende. Brian ist sehr kreativ und war mein engster Freund in der Band. Als er uns verließ, verstärkte sich mein Wunsch, musikalisch eigene Wege zu gehen, so dass ich mit Dan in Streit geriet.

Du bist daraufhin mit deiner damaligen zweiten Frau in deren Heimatland Österreich umgezogen…
Ja, wir verbrachten zwei Jahre in San Diego und siedelten anschließend nach Österreich über, wo ich heute noch lebe. Mit meiner neuen Frau Genia habe ich vier Kinder: Anastasia (8), Evan James (6), Solomon Alexander (3) und Angelina Sophia (6 Monate).

Wie haben denn die anderen die Zeit seit der Auflösung von Psychotic Waltz verbracht?
Ward ist mit Lorraine verheiratet, hat einen Sohn und arbeitet als leitender Tontechniker bei Qualcomm. Brian ist geschieden, seine Tochter heißt Haley, und er verkauft Gitarren. Dan ist verheiratet und arbeitet in einem Labor. Norm ist Single – und so was wie ein Lebenskünstler. Musikalisch kam von den ehemaligen Waltz-Mitgliedern nach 1997 nur wenig, außer ein paar halbgaren Versuchen mit End Amen, Teabag oder Darkstar.

Außer von dir. Du hast mit Deadsoul Tribe fünf Alben veröffentlicht und gerade erst das Debüt von The Shadow Theory.
Ward konzentrierte sich auf seine berufliche Karriere, und Dan hing die Gitarre schnell an den Nagel. Brian komponierte zwar über all die Jahre, weiß sich jedoch nicht zu vermarkten, sondern ist zu bescheiden. Ich erkannte im Laufe der Zeit, wie sehr mir Psychotic Waltz fehlen – Groll hin oder her. Hätte ich doch unserem damaligen Manager Ray Woodbury vertraut. Er verschaffte uns durch seine blendenden Kontakte und seine harte Arbeit tolle Voraussetzungen für Tourneen in den USA. Aber meine Ungeduld zermürbte mich. Ich wollte zu früh zu viel. Und bei Deadsoul Tribe war ich dann für alles allein zuständig, was sehr an die Substanz ging. Außerdem fühlte ich mich kompositorisch eingeschränkt, da meine Musiker die Ideen live nicht umsetzen konnten.

Gerüchten zufolge scheiterten geplante Psychotic-Reunion-Gigs auf Festivals an überzogenen Gagen-Forderungen…
Es gab wirklich Angebote von einigen Open Air-Veranstaltern, doch wir konnten Dan nicht überreden und lehnten daher ab. Wir betrachten Gagen nämlich nicht als Leistung für unsere Live-Gigs, sondern als Ausgleich dafür, dass wir von unseren Familien ge-trennt sind, stundenlang auf Flughäfen warten, ewig im Flieger sitzen und einige von uns auch Urlaub einreichen müssen.

Ihr seid in der Besetzung der ersten beiden Alben zusammen. Werdet ihr deshalb bei den Auftritten den Schwerpunkt darauf legen?
Nicht unbedingt. Alle Phasen werden abgedeckt. Übrigens spielte Ward auch auf MOSQUITO Bass und nicht Phil Cuttino, wie im Booklet vermerkt war. Es ist also das Line-up der ersten drei Platten.

Ist die unbeschreibliche Magie von früher reproduzierbar?
Das können wir nicht kontrollieren, weil nicht wir die Magie kreieren, sondern sie von allein entsteht. Ich liebe die alten Alben wie meine Kinder. Diese Liebe und die totale Hingabe sind die Schlüssel dafür, dass eine magische Entfaltung überhaupt erst möglich wird.

Wird es dir schwer fallen, dich parallel auf Psychotic Waltz und The Shadow Theory zu konzentrieren?
Vermutlich wird der Kompositionsprozess bei Psychotic Waltz langsam vorangehen. Ganz einfach, weil alle anderen privat beschäftigt sind. Deshalb denke ich, dass das zweite Shadow Theory-Album noch vor der Comeback-Scheibe von Psychotic Waltz erscheinen wird. Ich rechne damit, dass die Waltz-Platte irgendwann 2012 auf den Markt kommt. Und mal ehrlich: Wenn Maynard James Keenan Tool und A Perfect Circle auf die Reihe bringt, kann ich das auch. Außerdem habe ich mich noch nie im Leben so kreativ und ambitioniert gefühlt wie im Moment. Ich bin zu allen Schandtaten bereit.“