Ray Davies im Interview: Rebell und Träumer

Kinks Ray Davies InterviewEiner der großen Albumklassiker der Kinks wird 50. Dazu gehen Gerüchte um von einer Wiedervereinigung der notorisch zerstrittenen Band – nach 25 Jahren Pause. Es wäre eine Sensation. Wir sprachen mit Sänger Ray Davies (auf dem Bild oben 2. v.l.) über falsche Revolutionen, den Brexit, das Internet, Ironie, die 60er und das Leben auf dem Land.

Interview: David Numberger

Ihr Album THE KINKS ARE THE VILLAGE GREEN PRESERVATION SOCIETY kam 1968 heraus, im selben Jahr wie THE BEAT­LES oder ELECTRIC LADYLAND. Die Rolling Stones riefen zum Straßenkampf auf. Revolutionäre Zeiten, kulturell wie gesellschaftlich. Warum haben Sie eine so ruhige, nachdenkliche Platte gemacht?
Das war damals eine privilegierte Revolution von sehr reichen Mittelklasse-Leuten. Ich wollte lieber über echte Leute singen. Mit der ganzen Rockkultur von 1968 konnte ich nichts anfangen, ich hätte keinen Song vom WEIßEN ALBUM nennen können.

Also wollten Sie dem revolutionären Zeitgeist bewusst etwas entgegensetzen?
Es war eine Revolution, die nie wirklich irgendwohin führte. Eine echte Revolution passiert nicht mit ein paar trendigen Leuten, die Flaggen schwingen. Ich mochte das nicht, sah es nur als Modeerscheinung.

Sie waren also nicht wirklich ein Fan der Musik der Stones oder der Beatles?
Das ist zu allgemein. Als Song war ›Street Fighting Man‹ großartig. Jimi Hendrix und seine Band waren Freunde von mir.

Mussten Sie um THE VILLAGE GREEN PRESERVATION SOCIETY mit der Plattenfirma kämpfen? Sicher hätten sie dort lieber ein paar Hit-Singles gesehen.
Ja, sie verstanden nicht, warum ich über „phenomenal cats“ sang. Ihrer Meinung nach hätte ich viel mehr darüber schreiben sollen, wie man die Regierung stürzt.

Hatten Sie Angst, dass sich das Album nicht verkaufen könnte?
Die Tatsache, dass ich jetzt hier sitze und über die Platte spreche, ist der Beweis ihrer Stärke. Mir war klar, dass sie langlebig sein würde.

Wenn Sie an die späten 60er zurückdenken: Eine gute Zeit?
Ein großes Problem war, dass wir damals (nach einem Auftrittsverbot durch das US-Arbeitsministerium, Anm. d. Redaktion) nicht in Amerika auftreten durften und so nicht in großen Stadien spielen konnten. Dazu kamen Streitigkeiten mit unserem Label, alles schien schlecht zu laufen für uns und auf der Welt, keine großartige Zeit. Ich habe mich quasi in das „Village Green“ davongemacht und dabei entdeckt, dass es vielen anderen ähnlich ging.

Aber in kreativer Hinsicht lief es nicht schlecht, oder?
Wenn ich zurückblicke auf die Tracks von damals, dann, ja, war es künstlerisch eine gute Zeit. Letztens habe ich mir den Backing-Track zu ›Big Sky‹ angehört, wirklich ein kraftvoller Song, der noch immer diese Rock’n’Roll-Energie hat. Und das sind die Kinks ja letzten Endes auch: eine Rockband. Es stecken viele der Erfahrungen, die ich, meine Familie, meine Freunde gemacht haben, in den Liedern von damals. Jeder hat doch einen Freund wie Walther (aus dem Song ›Do You Remember Walther?‹), der im Alter zu einem ganz gewöhnlichen, normalen Typen geworden ist. Es ging auf der Platte nicht nur um ein englisches „Village Green“, ein Dorf irgendwo im Grünen, sondern um eine Generation, egal wo auf der Welt.

„Sinn für Humor ist essenziell, um als Person zu wachsen.“

Worum dreht sich denn TVGPS genau, was war die Idee, als Sie die Stücke damals ge­­schrieben haben?
Das kann ich nicht erklären. Wenn ich’s tun würde, würde mich keiner verstehen.

Würden Sie es versuchen?
Man geht im Leben durch große Veränderungen, in Europa passiert das gerade. Aber am Ende müssen Menschen Menschen sein. Es geht da­­rum, was sie antreibt, ihren Geist. Es geht um Kontinuität mit der Welt. Kontinuität ist so wichtig: in aufregende neue Zeiten zu gehen, aber deine Werte, deine Überzeugungen, deine Gedanken und Freundschaften aus der Vergangenheit mitzunehmen. Das ist entscheidend.

Ist das Album heute noch modern?
Es ist ganz gut gealtert, ja.

Zwischen dem Alten und dem Neuen zu stehen: Das trifft momentan besonders auf Großbritannien zu, oder?
Das betrifft alle von uns, wir alle machen Veränderungen durch, jedes Land. Die Leute klammern sich an die Vergangenheit, aber neue Zeiten kommen. Es geht darum, die Vergangenheit zu verstehen, man kann nicht im Jahr Null neu anfangen.

Was denken Sie über den Brexit?
Es ist besorgniserregend. Das erste Mal sehen wir Politiker komplett orientierungslos und verwirrt. Nicht eine Stimme sagt irgendetwas Sinnvolles. Gewählte Politiker auf so kindische Art und Weise handeln zu sehen, ist verstörend.

Die Vereinigten Staaten von Europa. Klingt das gut?
Wer schlägt das vor?

Ich habe davon gelesen, als Gegenreaktion auf das zumindest gefühlte Auseinanderfallen Europas.
Worauf auch immer es hinausläuft, es muss ge­­meinsam funktionieren und für alle Länder in Ordnung sein. Viele Jahre gab es einen verbindenden Geist zwischen den Ländern, die Musik war dafür sehr wichtig. Aber in der modernen Internet-Welt von Facebook und Twitter geht die Poesie verloren. Alles dreht sich um Kontakte, nichts um Kommunikation.

Auf Songs wie ›Animal Farm‹ oder ›Village Green‹ beschreiben Sie ein ländliches Setting. Haben Sie je auf dem Land gelebt?
Ja, habe ich, vor etwa 20 Jahren, in einem schönen, gemütlichen Dorf in Surrey, ein wundervoller Ort mit netten Leuten. Ich langweilte mich zu Tode. Die ländliche Idylle in meinen Liedern ist eine Metapher, es geht nicht darum, in einem Stuhl am Ententeich zu sitzen. Das „Village Green“ kann mitten auf einer überfüllten Straße in der Großstadt sein, denn es ist ein Geisteszustand.

Also kein realer Ort?
Ich war in meiner Kindheit an Orten, die so aussahen, aber grundsätzlich ist es eine Metapher.

Etwas Positives?
Lebensbejahend, lebensrettend, sehr positiv, ja. Selbst wenn es auch dort Dunkelheit gibt.

Hätten Sie in den 60ern gern ein ruhiges, friedliches Leben gehabt?
Überall, wo ich hinkam, gab es Aufruhr und Chaos um mich und die armen Leute, die mit mir lebten. Mein Traum vom „Village Green“ war es, Ruhe zu finden, einen Zustand, der es mir ermöglichte, als funktionierendes menschliches Wesen zu leben in einer Gesellschaft, die durchdrungen ist von Chaos und Veränderung nur um der Veränderung willen. Wenn ich mir die alten Songs jetzt wieder anhöre, merke ich: Das hat mich damals aufrecht erhalten, mein Traum hat mich durch all die turbulenten Jahre mit der Band getragen und mich auch den Vorfall in New Orleans im Jahr 2004 überstehen lassen, als ich auf der Straße angeschossen wurde.

Abgesehen von dem Vorfall 2004: Sind Sie ein nostalgischer Mensch?
Ich glaube nicht an Nostalgie, sondern an Zeitreise.

Können Sie das erklären?
Ja. Zeit ist eine Konstante. Unser ›Time Song‹ handelt davon. Sie ist um uns, über uns, hinter uns, sie gehört zu unserem Dasein. Nostalgie existiert dagegen nicht wirklich. Während ich Ihre Frage beantworte, bin ich durch den Raum gegangen, habe eine Schublade aufgemacht und mich wieder in meinen Stuhl gesetzt. Das ist alles ein Moment in der Zeit, „One Moment In Time“, wie mal jemand in einem Song geschrieben hat.

Aber schauen Sie nicht gern zurück, sehen sich alte Fotos an oder denken an Konzerte vor 50 Jahren?
Wenn ich ein altes Foto sehe, sehe ich einen Moment in der Zeit, einen ewigen Moment. Ich schaue also nicht zurück, ich schaue auf die Ewigkeit.

Ist Ironie wichtig?
Sie ist eine nützliche Waffe gegen die Welt. Nimm an, du gehst eine Straße runter, hast neue Kleider an, eine schöne Person an deiner Seite und du trittst in Hundescheiße. Dann sagst du einfach: Das war Schicksal, Baby. Ganz allgemein gilt: Wenn man alles zu ernst nimmt und zu steif ist, dann wird man traurig und langweilig. Sinn für Humor ist essenziell, um als Person zu wachsen. Als wir THE VILLAGE GREEN gemacht haben: Stellen Sie sich vor, wir hätten eine Version von ›Street Fighting Man‹ aufgenommen. Das wäre lächerlich gewesen. Wir haben stattdessen von Bilderbüchern gesungen, denn man muss dem Publikum eine Alternative geben.

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