Review: Jimi Hendrix – BOTH SIDES OF THE SKY

Jimi Hendrix Both Sides Of The Sky

Studio-Outtakes, aufgenommen zwischen 1968 und 1970. Und ja: Hendrix’ Genie blitzt dabei immer wieder auf.

Was die Veröffentlichung von Kon­zert­mitschnitten betrifft, ist in Zukunft sicher noch mit einigen Überraschun­gen zu rechnen, denn bekanntlich lief Jimi Hendrix nahezu permanent auf vollen Touren. In Sachen Studio-Outtakes wird die Luft jedoch langsam dünner. Zwar archivierte Hendrix jede Menge Material, das mitunter als Skizze oder Rohfassung der weiteren Verfeinerung harren sollte, doch 48 Jahre nach seinem Ableben sind die allermeisten Schätze gewiss gehoben. BOTH SIDES OF THE SKY enthält 13 Stücke, von denen immerhin zehn bislang unveröffentlicht geblieben waren – was allerdings nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie Hendrix-Liebhabern komplett unbekannt sind.

Da ist etwa ›Lover Man‹, stark angelehnt an B.B. Kings ›Rock Me Baby‹ und damals ein Konzert­favorit, dessen kraftvolle Studioversion im Dezember 1969 mit der Band Of Gypsys entstand. Von ›Hear My Train A Coming‹ kursieren zahlreiche Live-Mitschnitte – bis hin zu Hendrix’ denkwürdiger Solo-Interpretation auf der zwölfsaitigen Akustik­gitarre, die einst filmisch festgehalten wurde. Im April 1969, kurz vor dem Ende der Experience mit Schlagzeuger Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding, entstand jene Studiofassung, die nun BOTH SIDES OF THE SKY ziert. Noch unterhaltsamer ist allerdings eine funky Adaption von Muddy Waters’ ›Mannish Boy‹, bei dessen Arrangement sich Hendrix einige Freiheiten erlaubte – und die heute beinahe exemplarisch vorführt, wie er aus einem durchaus häufig zitierten Blues-Standard ein eigenständiges, für die späten 60er-Jahre und darüber hinaus relevantes Werk schaffen konnte. ›Stepping Stone‹, dessen finale Version auf Hendrix’ letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Single erscheinen sollte, ist auch in der frühen Fassung ein kurioses, noch dazu ziemlich hektisches Stück Musik: Die Mischung aus Rockabilly-Rhythmus und virtuosem, aber etwas überladen wirkendem Gitarren­arrangement rauscht vorbei, bevor sie einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen kann.

Die bislang unveröffentlichte Sechsminuten-Version von ›Power Of Soul‹ ist ebenfalls ein ei­­gen­artiges, aber doch wesentlich interessanteres Vergnügen: Beherzte Tritte aufs Wah-Wah-Pedal und Textzeilen, die sich über zweieinhalb Minuten lang auf „Oooh…. yeah“ reduzieren, wecken zu­­nächst Assoziationen zu Isaac Hayes’ zeitgenössischem Schlafzimmer-Symphonic-Soul – nur eben ohne Orchester. Wenn’s dann zur Mitte hin komplexer wird und ein Background-Chor mitmischt, erinnert das zumindest entfernt an Frank Zappa zur Zeit von OVERNITE SENSATION. In vorliegender Form bislang ebenfalls nicht erhältlich war ›Send My Love To Linda‹, dessen großartige, originelle Akkordfolge ein riesiges Potenzial andeutet, bevor nach zwei Minuten die Band einsetzt und der Rest mit exzessivem Solieren verbracht wird. Adressat war übrigens Linda Keith, Ex-Freundin von Keith Richards, die 1966 für Hendrix Kontakte zur britischen Szene geknüpft hatte.

Kommen wir zur Abteilung Instrumentalstücke: ›Jungle‹ zitiert nach zwei Minuten jene grandiose Melodie, die nach Hendrix’ Woodstock-Auftritt als ›Villanova Junction‹ bekannt wurde, das wunderschöne, mit Vibraphon verzierte ›Sweet An­­gel‹, aufgenommen im Januar 1968, nimmt ›An­gel‹ vorweg, das 1971 auf dem posthumen Album CRY OF LOVE erschien. ›Cherokee Mist‹ mitsamt Tribal-Beat, Dauer-Feedback und Hendrix an Gitarre und Sitar atmet psychedelischen Session-Charakter und vereint schöne, aber auch etwas ziellos mäandernde Momente.

Auf der Gästeliste des Albums befinden sich Johnny Winter, Stephen Stills und Lonnie Young­blood. Der Reihe nach: Mit Winter entstand das kernige, aber etwas hingehuschte Slide-Gitarren-Duell ›Things I Used To Do‹, mit Sänger und Organist Stills der recht konventionelle Westcoast-Rocker ›$20 Fine‹ und eine frühe Version von Joni Mitchells ›Wood­­stock‹. Die wurde aufgenommen, bevor das Stück zum Hit für CSN&Y avancierte. Historisch sicher wertvoll und der Be­­weis, dass Hendrix auch Bass spielen konnte – falls es dazu eines Beweises bedurft hätte. Wenn ein Gitarrist ohnehin unter ge­­nerellem Genieverdacht steht, wirkt die Feststellung, die Saitenarbeit bei ›Georgia Blues‹ sei ganz hervorragend, vielleicht ein wenig banal. Doch das Stück, gesungen von Hendrix’ ehemaligem Curtis-Knight-Kollegen Lonnie Youngblood, der auch das Saxofon beisteuerte, ist tatsächlich ein – wenn nicht der – Höhepunkt des Albums. Und den haben wir uns natürlich bis zum Schluss aufgehoben.

7/10

Jimi Hendrix
BOTH SIDES OF THE SKY
LEGACY/SONY

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