Valtari

Introvertierte, ruhige, sphärische Spannungsbögen statt Klampfenkraft.

Eigentlich hatten Sigur Rós ihre sechste Scheibe bereits 2010 im Kasten, verwarfen sie aber und machten sich an den Live-Film INNI, der im vergangenen Jahr erschien. Nun, nach vierjähriger Pause, ist die neue Studio-CD aber doch erhältlich. Und hält Überraschungen bereit. Die Isländer entwickelten sich im Lauf ihrer Karriere in eine immer Gitarren-lastigere Richtung, wie MEO SUO I EYRUM VIO SPILUM ENDALAUST (2008) beweist. VALTARI bedeutet einen Schritt zurück. So stammen die beiden Lieder ›Dauoalogn‹ mit seinem sakralen Charakter sowie ›Varoeldur‹ aus den Sessions zu TAKK, wobei letztgenanntes Stück die Chorversion von ›Luppulagio‹ von INNI ist. Anstatt durch Klampfenkraft betört VALTARI mit introvertierten, ruhigen, sphärischen Spannungsbögen, die abwechselnd bedrückend, romantisch, melancholisch und oft einfach nur wunderschön wirken. Natürlich sind Sigur Rós ihrer Mixtur aus Shoegaze, Ambient, Klassik, Rock und cineastischen Klangwelten treu geblieben. Noch immer sind Sigur Rós vertonte Kunst und die unvergleichliche Stimme von Jon Por Birgisson sticht den Hörer direkt ins Herz. Und trotz der enormen Experimentierfreude ist VALTARI vielleicht gerade wegen der gedämpften Grundatmosphäre eingängig und zugänglich. Jeder Ton und jede Note sitzt perfekt und Stücke wie das melodische ›Rembihnutur‹, das meditative und doch verstörende ›Valtari‹ oder ganz besonders das von einer unglaublichen Melodie getragene, durch Streicher aufgepeppte und zum Ende hin aufbrau- sende ›Varúo‹ ragen aus den eh durchweg höchst Qualitäts-starken 55 Minuten heraus. Sigur Rós werden ihre Erfolgsgeschichte mit VALTARI weiter ausbauen, weil sie sich zum wiederholten Male als perfekte Jongleure der Emotionen präsentieren und damit beweisen, dass auch heutzutage noch innovative Musik erschaffen werden kann, die zudem auf riesengroßen Zuspruch von Fans verschiedener Genres trifft. VALTARI eignet sich zum Träumen, Weinen und Liebe machen.