The Rides 1 @ Eleanor StillsEigentlich wollte Stephen Stills’ Manager Elliot Roberts nur ein einmaliges All-Star-Projekt nach dem Vorbild der SUPER SESSION anstoßen, die seinen Schützling 1968 mit Mike Bloomfield, Al Kooper und Barry Goldberg zusammengebracht hatte. Am Ende wurde daraus nicht nur ein nostalgisches Klassentreffen, sondern eine ganz neue Band: The Rides vereinen Stills und Goldberg mit „Jungspund“ Kenny Wayne Shepherd in einem Trio, das Ersterer als „die Bluesband meiner Träume“ und Letzterer als „musikalische Bruderschaft“ bezeichnet. CAN’T GET ENOUGH heißt ihr Debüt.

Text: Carsten Wohlfeld

„Natürlich kannte ich die SUPER SESSION, denn der Großteil der Musik, mit der ich aufgewachsen bin, ist lange vor meiner Geburt entstanden“, erklärt Kenny Wayne Shepherd, Jahrgang 1977, im Gespräch mit CLASSIC ROCK. „SUPER SESSION II war die ursprüngliche Idee, aber sobald wir zusammenkamen und als Gruppe anfingen zu arbeiten, wurde etwas anderes daraus. Bei dem damaligen Album hatten die Beteiligten ja nicht zusammen in einem Studio aufgenommen und waren ganz sicher keine Band. Aus The Rides wurde dagegen eine echte Band. Wir haben gemeinsam Songs geschrieben und eingespielt und werden nun auch zusammen auf Tour gehen. Die Chemie zwischen uns dreien stimmte einfach, sowohl beim Songwriting als auch beim Zusammenspiel.“

Entstanden war die Idee zu gemeinsamen Aufnahmen letzten September, Ende November trafen sich die drei Protagonisten, um zusammen Songs zu schreiben. Direkt im Anschluss wurde CAN’T GET ENOUGH gemeinsam mit Bassist Kevin McCormick (Jackson Browne, Crosby, Stills & Nash) und Drummer Chris Layton (von Stevie Ray Vaughans Double Trouble) innerhalb kürzester Zeit unter Live-Bedingungen aufgenommen. „Für die Aufnahmen haben wir alle gemeinsam in einem Raum gespielt“, bestätigt Shepherd. „Damit war bereits von vornherein klar, dass wir nachträglich nicht besonders viel daran herumpfuschen könnten, weil die Mikrofone nie nur ein Instrument oder eine Stimme abgenommen haben. Wir haben uns also gewissermaßen selbst unter Druck gesetzt, es von Anfang an richtig zu machen.“

Entstanden ist so eine knackige Blues-Platte, die als Hommage an die alten Helden des Genres und wunderbar spontane Fingerübung dreier echter Könner gleichermaßen durchgeht. „Die Atmosphäre bei den Sessions war sehr angenehm und ungezwungen“, erinnert sich Shepherd. Probleme, wie sie Stills einst bei seinen Sessions mit Jimi Hendrix erlebte, als zu viel gegenseitiger Respekt die beiden Gitarristen lähmte, gab es für The Rides anscheinend nicht. „Natürlich haben wir als Musiker alle großen Respekt voreinander, aber es war keinesfalls so, dass wir zögerlich gewesen wären. Im Gegenteil, wir haben uns gegenseitig angespornt“, sagt der jüngste Musiker im Bunde. „Wir verstehen uns untereinander blendend und jede Meinung zählt. Was ich an Jugend zur Band beitrage, wiegen die anderen beiden mit Reife und Erfahrung auf.“

Erfahrung, davon haben die beiden alten Hasen in der Band wahrlich genug. Der gleich zweimal in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommene Stills gründete einst in Los Angeles gemeinsam mit Neil Young Buffalo Springfield, stieg Ende der 60er mit Crosby, Stills & Nash in die Liga der Unantastbaren auf und gilt als einer der besten Gitarristen überhaupt. Keyboarder Goldberg kollaborierte schon in jungen Jahren in seiner Heimat Chicago mit Legenden wie Muddy Waters und Howlin’ Wolf, später begleitete er Bob Dylan bei dessen sagenumwobenem ersten elektrisch verstärkten Konzert in Newport 1965, war Mitgründer von The Electric Flag und schrieb an der Seite von Gerry Goffin eine Reihe Hits. Doch auch Shepherd muss sich längst nicht mehr verstecken. Seit seinem Debüt als 16-Jähriger hat sich der aus Louisiana stammende Gitarrist zu einem der bedeutendsten Fackelträger des Blues im 21. Jahrhundert entwickelt und gleich eine Handvoll Grammy-Nominierungen einheimsen können. Bei The Rides eint die drei Musiker die Liebe zum klassischen Blues, aber auch der Wunsch nach einem Abenteuer. „Natürlich haben wir alle eigene Karrieren, aber wir waren an einem Punkt angekommen, an dem wir Lust auf etwas anderes hatten, auf neue Musiker, neue Situationen“, erklärt Shepherd. „Schließlich war keiner von uns je darum verlegen, Risiken einzugehen und Neues zu wagen.“

So finden sich auf CAN’T GET ENOUGH neben den brandneuen Stücken aus der Feder des Trios nicht nur fulminante Neuinterpretationen von Blues-Klassikern wie ›Honey Bee‹ (Muddy Waters) und ›Talk To Me Baby‹ von Elmore James wieder, sondern sogar ein ausgerechnet von Stills initiiertes Cover von ›Rockin’ In The Free World‹, mit dem er gewissermaßen seiner Hassliebe zu seinem langjährigen musikalischen Partner Neil Young Tribut zollt. „Wir haben den Song genau ein Mal gespielt, und das ist die Version, die du auf der Platte hörst“, verrät Shepherd. „Die ursprüngliche Idee war, dass wir die Strophen im Wechsel und den Refrain gemeinsam singen, aber weil Stephen es beim ersten Take so großartig gesungen hat, gab es für mich keinen Grund mehr, nachträglich auch noch eine Gesangsspur aufzunehmen.“

Noch erstaunlicher ist nur, dass es sogar die Proto-Punk-Hymne ›Search And Destroy‹ aufs Album geschafft hat. Hand aufs Herz, Mr. Shepherd, wie reagieren zwei ältere Herren wie Stills (68) und Goldberg (70) auf den Vorschlag, sich an Iggy Pops wildester Nummer zu versuchen? „Nicht besonders wohlwollend!“, erwidert er lachend, zeigt aber durchaus Verständnis für die anfängliche Ablehnung seiner Bandkollegen. „Bei Iggy & The Stooges klingt der Song nun mal ziemlich urwüchsig und rau. Stephen und Barry sahen The Rides eher als Blues-Band, und da wollte diese Nummer nicht so recht ins Konzept passen. Das Tolle an den beiden ist allerdings, dass sie problemlos ihre Egos aus dem Weg räumen können. Sie sagten nur: ‚Okay, wir versuchen’s einfach mal!‘“

Vorgeschlagen hatte die Nummer Produzent Jerry Harrison, der seine Karriere vor vier Jahrzehnten bei Jonathan Richmans Modern Lovers begonnen hatte und als Mitglied der New-Wave-Heroen Talking Heads zu Ehren gekommen war, bevor er sich zu Shepherds Stamm-Produzenten entwickelte. „Ich arbeite ja nun schon eine ganze Weile mit Jerry zusammen, und er ist großartig darin, unerwartete, aber interessante Songs aus dem Hut zu zaubern“, sagt Shepherd. „Zu Beginn meiner Karriere habe ich öfter mit einem ‚Echt jetzt? Ich bin doch ein Blues-Typ!‘ reagiert, aber inzwischen verstehe ich besser, wie er seine Auswahl trifft, und bin immer für einen Versuch offen. Schlimmstenfalls verschwendest du eine Stunde oder zwei, aber oft geschieht auch etwas Magisches!“