Wie man auf Probleme oder Krisen reagiert, wussten Lennon und McCartney nur zu gut. Sie vertrauten auf die Kraft des persönlichen Kontakts. „I get by with a little help from my friends“, heißt es in einem der bekanntesten Beatles-Songs von 1967. Das ist schon eine Weile her, aber an der Wichtigkeit von Freundschaften im Leben hat sich seitdem nichts geändert. Das wissen auch Rival Sons.

Rival Sons 2014 (4)Die kalifornische Rockband musste sich ihren Erfolg selbst erarbeiten und konnte nicht auf Helfer aus der amerikanischen Musikindustrie zählen. Das hat sie nicht groß gestört. Ihr erstes Album BEFORE THE FIRE haben Rival Sons aus eigener Tasche finanziert. Eine Testphase in Eigenregie ganz ohne Druck von außen erschien ihnen direkt nach Gründung im Jahr 2009 nicht verkehrt zu sein. Sie waren sich nicht sicher, ob sie überhaupt auf positive Reaktionen stoßen würden. Gerade Gitarrist Scott Holiday hatte zuvor erfahren müssen, dass man sich vorschnelle Euphorie besser erspart. In den Nullerjahren war er Mitglied der Band Human Lab, die ein Album für Atlantic Records aufgenommen hatte, das dann aus unerfindlichen Gründen nie veröffentlicht wurde. Mit der Nachfolgeformation Black Summer Crush lief es für ihn dann auch nicht besonders, weil die Chemie zwischen dem Sänger und dem Rest der Band nicht stimmte. So kam Jay Buchanan ins Spiel, der vorher ebenfalls diverse Versuche unternommen hatte. Als Sänger einer von Blues beeinflussten Rock’n’Roll-Band hat er sich zunächst nicht gesehen. Aber er versuchte es einfach einmal.

Er hat diesen Schritt nie bereut. Auch deshalb, weil die Band Bekanntschaft mit einem Mann machte, der unbedingt ihre Platten auf den Markt bringen wollte. Es war Digby Pearson, der Gründer des englischen Labels Earache. Die im englischen Nottingham aus der Taufe gehobene und heute auch über einen Zweigsitz in New York geleitete Firma hat sich mit spezieller Musik einen Namen gemacht. Mit Death Metal und Bands wie Napalm Death, Cathedral, Bolt Thrower und Hate Eternal. Eine ganz andere Schule. Rival Sons haben jedoch nichts falsch gemacht, als sie dem Werben von Pearson nachgaben. Nach dem ersten Treffen mit dem Brutal-Rock-Mogul nahmen Buchanan und seine Mitstreiter die Alben PRESSURE & TIME, HEADS DOWN (ein Top-40-Album in Deutschland) und das neue Werk GREAT WESTERN VALKYRIE für Earache auf. Auf dem Weg dahin ist ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. Wir sprachen mit Buchanan im Berliner Showroom des Gitarren-Herstellers Gibson.

Worin liegt für dich das Erfolgskonzept in der Zusammenarbeit mit Earache Records? Ihr passt nicht gerade perfekt ins Repertoire.
Wir passen überhaupt nicht zu Earache. Es gibt wirklich keinen gemeinsamen Nenner. Aber wir sind Musiker, die ein Label brauchen, das uns vertraut. Wir benötigen finanzielle Unterstützung und Hilfe bei der Veröffentlichung unserer Platten. Als Digby mit unserem Manager in Kontakt getreten ist, wussten wir im ersten Moment nicht, was wir davon halten sollen. Wir dachten, da erlaubt sich jemand einen Scherz. Aber er hat sein Interesse immer wieder bekräftigt. Für ihn würden wir auf Entwicklungslinien hinweisen, die es vor der Entstehung des Heavy Metal gab. Am Ende haben wir das verstanden. Außerdem gefiel uns der Gedanke, dass wir im Earache-Repertoire wie ein bunter Hund auffallen.

Digby Pearson ist Engländer. Du kommst aus dem Land, in dem der Rock’n’Roll entstanden ist, ebenso der Blues. Es gibt in den USA unzählige Indie-Labels. Warum ist es für Rival Sons so schwierig, bei denen unterzukommen?
Diese Frage kann man sich schon stellen. Allerdings muss ich sagen, dass wir am Anfang nicht aufreizend mit den Schwänzchen gewedelt haben. Ich persönlich hatte nicht gedacht, dass wir viele Fans erreichen und in Hollywood spielen könnten. Ich sah das Ganze mehr als Nebenprojekt. Mir war nicht bewusst, dass es eine Nachfrage nach echtem Rock’n’Roll gibt. Das ist eine Musik, die heute für viele wie ein Signal aus der Vergangenheit ankommt. Aber trotzdem spürt man den Einfluss noch. Jack White und The Black Keys orientieren sich am Blues. Auch bei diesen Leuten war es nicht so, dass sie über Nacht damit erfolgreich wurden. Sie brauchten eine Anlaufzeit. Jetzt kann man sagen, dass ihre Popularität dazu geführt hat, dass Menschen aller Generationen wieder auf den Blues und ursprünglichen Rock’n’Roll angespitzt sind. Aber es ist nicht so, dass man überall Mitarbeiter von Plattenfirmen trifft, die bereit sind, eine Band unter Vertrag zu nehmen. Denen ist es heute lieber, wenn schon etwas Vorarbeit geleistet worden ist und man sich ins gemachte Nest setzen kann.

Die White Stripes und Black Keys erzeugen durch ihre Duo-Besetzung eine besondere Dynamik. Welchen eigenen Stempel wollt ihr der Musik aufdrücken?
Das ist nicht so leicht herauszufiltern. Es wird sicher Leute geben, die meinen, bei uns hört sich alles gleich an. Sie hören vier Musiker mit schreienden Stimmen, lauten Gitarrensoli und entdecken im Vergleich zu den Classic-Rock-Bands von früher keinen Unterschied. Wer über geübte Ohren verfügt, der wird aber schon Feinheiten erkennen, auf die es ankommt. Wir halten uns nicht lange auf. Bisher brauchten wir für die Aufnahmen unserer Alben zwei bis drei Wochen, dieses Mal waren es sechs. Wir schreiben alle Songs im Studio. Sie sind komplett neu und basieren niemals auf älteren Ideen. Wir nehmen sie dann sofort auf. Wir tun das, weil wir so eine besondere Art von Energie wiedergeben wollen. Eine Art von Direktheit, die so stark ausgeprägt ist, dass keine Zeit zum Nachdenken bleibt. Niemand in der Band weiß an dieser Stelle genau, was er tut. Wir versuchen, den Sound eines Songs während der Geburt einzufangen. Das ist bei anderen Bands für mein Gefühl nicht der Fall. Bei denen höre ich eine Menge Aufwand und viel Produktion. Sie wollen davon ablenken, dass sie sich nicht richtig anstrengen.

GREAT WESTERN VALKYRIE hört sich noch bissiger als die Vorgängeralben an. Die sanften Soul-Einschübe sind verschwunden, jetzt spielt die Band wie ein wildes Rockbiest. Wie ist es dazu gekommen?
Es ist ein Album, auf dem der Gitarre und dem Schlagzeug die Hauptrollen zufallen. Davon umgeben zu sein, ist für mich immer noch ungewohnt. Ich sehe mich von Natur aus eher als Singer-Songwriter. Ich höre mir zu Hause keine Rock’n’Roll-Bands an, sondern setze mich mit Songschreibern auseinander. Meine Helden sind Leonard Cohen, Townes Van Zandt, Joni Mitchell, Bob Dylan, Steve Earle und Neil Young. Als wir am neuen Album arbeiteten, spürte ich aber, dass wir den Songs eine erdige Identität verleihen müssen. Ich habe Scott gesagt, dass er seine Gitarre stärker aufdrehen soll. Wir brauchten mehr Soli. Ich merkte, dass wir jetzt den Punkt erreicht haben, an dem wir genau das forcieren müssen. Die Gelegenheit dazu ist jetzt da, beim nächsten Mal kann es schon wieder völlig anders aussehen. Ich war auch gegen langsame Songs, die normalerweise auf jeder Rock’n’Roll-Platte zu finden sind. Sie fühlten sie sich dieses Mal wie Fremdkörper an.

Rival Sons 2014 (3)Wir müssen uns über die Farbe Schwarz unterhalten. Sie dominiert das Erscheinungsbild auf dem Cover und auf dem offiziellen Informationsmaterial. Der Einfluss von The Doors ist trotz des höheren Härtegrades ebenfalls geblieben. Warum spielt dieser Einfluss bei Rival Sons eine herausgehobene Rolle?
Ich denke, dass dieser Vergleich deshalb aufkommt, weil Ikey Owens auf diesem Album die Vox-Continental-Orgel spielt. Sie allein dürfte schon dafür verantwortlich sein, dass die Leute an The Doors denken. Ikey ist ein guter Kumpel aus Long Beach, er hat mit The Mars Volta gespielt und steht jetzt mit Jack White auf der Bühne. Wir haben ihm gesagt, dass er diese Orgel bedienen soll. Ich kann den Reiz der Doors grundsätzlich nicht abstreiten. Gerade Teenagern helfen sie sehr auf die Sprünge. Sie sind die idealen Begleiter, wenn man sich verloren fühlt und dem Leben mit Verwirrung ge-genüber steht. Sie hören sich sexy und düster an und haben ihren eigenen Sound. Sie sind nicht die besten Songschreiber, die es gegeben hat, aber als Erzeuger einer bestimmten Stimmung sind sie unschlagbar.

Beschreibe diese Stimmung mal etwas genauer.
Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als ich von Joints und Rauschpilzen und existentialistischen Bücher von Nietzsche, Dostojewski und Camus umgeben war. Dazu passten die Doors mit ihren Songs über Abschottung perfekt. Wenn man das alles intensiv aufsaugt und für sich übernimmt, werden ihre Aussagen zum Lebensmotto. Bei mir hat der Existentialismus am Ende nichts bewirkt. Man muss sich meiner Meinung nach aus einem gewachsenen Ich auf die Menschen zubewegen, auch wenn das manchmal schwer ist. Ich möchte Musik machen, die den Leuten hilft, nach außen zu schauen. Sie sollen sich nicht nach innen orientieren und dabei alleine fühlen. Sie sollen sich als Teil von etwas verstehen.

Ihr seid immer wieder im Vorprogramm von bekannten Rock-Künstlern der Vergangenheit aufgetreten. In letzter Zeit zum Beispiel bei Shows von Sammy Hagar und Kiss. Entwickeln sich bei diesen Gelegenheiten Freundschaften?
Das mit Kiss war eine reine Arbeitsbeziehung auf Zeit. Man geht auf die Bühne und spielt für Fans mit bemalten Gesichtern, die wirklich erst voll bei der Sache sind, wenn sie ihre Helden sehen. Sie geben sich der Sache mehr hin als die Band, die nur ihren Job macht. Es ist gut, wenn man glückliche Menschen vor sich sieht, die sich fühlen, als wohnten sie dem einzigen Ereignis bei, das für sie zählt. Das mit Sammy ist ganz anders. Er ist tatsächlich mein Freund. Er stellt sich vor die Leute, weil er Spaß an der Sache hat. Er macht nicht viel Aufhebens und trägt keine aufsehenerregenden Klamotten. Sammy tritt nicht auf, um Geld zu verdienen, und lässt auch nicht heraushängen, dass er eigentlich nur gekommen ist, um einen Vertrag zu erfüllen. Für ihn ist Musik ein Lebenselixier. Ich finde es sehr inspirierend, ihn zu sehen. Ich möchte mich auch so fühlen wie er, wenn ich sein heutiges Alter erreicht habe.