In den CLASSIC ROCK-Ausgaben 06 & 08 2014 haben wir euch unser ausführliches Special „Rock in der Krise“ präsentiert. In den nächsten zwölf Wochen könnt ihr jeweils Sonntags die verschiedenen Teile der aufwändigen Geschichte hier auf der Homepage nachlesen. 


Die Musikwelt liegt am Boden. Bands kämpfen ums Überleben, Alben floppen, Verkaufszahlen brechen ein und die rettende Kavallerie ist nirgends  in Sicht. Die Zukunft der Rockmusik sieht düster aus…

Oder doch nicht? Dank einer neuen Welle von Wegbereitern, Visionären, Freidenkern und Bands, die bereit sind, all die geltenden Regeln zu brechen, verändern sich die Dinge zum Besseren.

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IST DER ROCK AM ENDE?

Die Albumverkäufe sinken, Festivals buchen eine stetig schrumpfende Riege alternder Bands als Headliner und die Musikindustrie zerfällt. Werden wir wirklich Zeugen des Endes – oder ist es nur das Ende des Anfangs?

„This is the end, beautiful friend This is the end, my only friend, the end of our elaborate plans, the end of everything that stands, the end…“ (›The End‹/The Doors)

Fangen wir am offensichtlichsten Ort an: dem Ende. Das Ende, so scheint es, ist nah. „Es ist gerade ein seltsamer Moment in der Rockkultur“, sag-te Bobby Gillespie, Sänger von Primal Scream, im Dezember in der „Review Show“ auf BBC 4. „Ich denke, er ist ziemlich tot. Es ist vorbei.“ Ian Astbury von The Cult wiederum ist zu dem Schluss gekommen, dass das Albumformat Geschichte ist. In einem Interview mit dem „Rolling Stone“ erinnerte er sich an die beiden EPs (CAPSULE 1 und 2), die seine Band 2010 veröffentlichte, und sagte, dass er lieber weitere EPs als noch ein Album machen würde. Cooking Vinyl, die Plattenfirma von The Cult, sieht das allerdings anders. „Sie haben kein Interesse an der CAPSULE-Idee“, so Astbury. „Sie wollen CDs in die Regale stellen. Und ich denke mir nur: welche Regale?“
„Der Rock’n’Roll ist gestorben“, postete der einstige Buckcherry-Bassist Jimmy Ashurst unlängst auf Facebook, „und niemand ist darüber allzu traurig, weil wir ihn in einer Schachtel eingefangen haben und ihn uns immer anschauen können, wenn wir wollen.“
Ginger Wildheart ließ Ähnliches verlautbaren, nachdem die Acts für das Sonisphere-Festival bekanntgegeben wurden: „Es sieht so aus, als sei Rockmusik endgültig am Tropf“, schrieb er. „Dass es nicht mal mehr zehn würdige Festival-Headliner gibt, zeigt, zumindest in meinen Augen, dass die Ära des ‚big rock‘ vorbei ist.“
Die Risse in der Fassade werden nicht nur langsam sichtbar, sie sind schon so breit und tief wie die Falten in Keith Richards’ Gesicht. Die Legenden werden älter und, machen wir uns nichts vor, sterben eher früher als später. Können wir wirklich erwarten, in zehn Jahren noch Tourneen von Bob Dylan (73), den Rolling Stones (Charlie Watts wird am 2. Juni 73), Motörhead (Lemmy ist 68), Lynyrd Skynyrd (Gary Rossington: 62) oder ZZ Top (Billy Gibbons: 64) zu besuchen? Wer wird dann die Stadien füllen und Headliner bei den Festivals sein?
Die alten Strukturen des Musikbusiness (Plattenfirmen, Vertriebe, Plattenläden) bröckeln. Musikalisch fehlt es an neuen Ideen, während alte von einer ganzen Armee von Bands recyclet werden. Neue Bands müssen kämpfen, um ihr Publikum zu finden. Die Vielfalt an Medienformen bedeutet, dass Radio-Airplay, längst nicht mehr genügt, um eine bedeutende Resonanz zu erhalten und sich eine nennenswerte Fanbase aufzubauen. Als Vorgruppe verdient man nichts, während Plattenfirmen für Tourneen keine finanzielle Unterstützung mehr locker machen. Und die Veranstalter wollen lieber kein Risiko mit unbekannten Künstlern eingehen, wenn sie mit einem Nostalgie-Act auf der sicheren Seite sind.
„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir in den USA mit einer unbekannten Band als Vorgruppe spielen, denn die Veranstalter werden es nicht dazu kommen lassen“, sagt Joe Elliott von Def Leppard, die einst eine solche neue Band namens The Darkness in den USA mit auf Tour nahmen. „Sie wollen, dass wir mit Heart oder Poison als Support auftreten, denn sie wissen, dass sie dadurch Tickets verkaufen, und was anderes interessiert sie nicht. Letztlich kann ich dagegen nichts einwenden. Es macht ja Sinn, aber neuen Bands hilft es nicht.“
2010 verkündete der DJ Paul Gambaccini „das Ende der Rockära. Es ist vorbei, genauso, wie die Jazzära vorbei ist.“ Hatte er Recht?